Jüdische Wurzeln der Psychotherapie
The Jewish roots of Psychotherapy
verfasst von: Klemens Färber
Abstract
Zusammenfassung: Die frühe Erfolgsgeschichte der Psychotherapie hatte mehrheitlich jüdische Eltern. Diese signifikante Häufung musste Gründe haben. Sieben Aspekte der jüdischen Kultur werden als mögliche Einflüsse untersucht: so die besondere Beachtung des Leidens in der kollektiven Erinnerung, das spezifische Interesse am Träumen, auch die Rolle des jüdischen Witzes bei der Ohnmachtsbewältigung. Doch im Zentrum der Überlegungen steht die Frage, worin die moderne Idee der therapeutischen Dyade ihren Ursprung hat. Eine Spur führt zum jüdischen Monotheismus, wo sich die Ängstlichen und Bedrückten an einen „Allmächtigen“ wenden – der aber weitgehend unsichtbar bleibt.
Summary: Most of the “parental figures” of Psychotherapy were Jewish. This study examines which influences from Jewish culture were effective in the success story of psychoanalysis and psychotherapy. Seven aspects are given particular attention, for example the appreciation of suffering in remembrance; the special interest in dream, and the role of jokes in coping with powerlessness. Above all, the question is where the modern idea of the therapeutic dyad originates. One clue leads to Jewish monotheism, where the fearful and oppressed turn to a hopefully almighty one who himself remains largely invisible.
Die Psychotherapie im engeren Sinne ist vor 1900 in Wien erfunden worden. Doch erst ab 1925, vor einhundert Jahren, begann eine systematische Ausbildung, die zur Ausübung dieser neuen Heilkunde befähigen sollte. Sie war allerdings nicht in Wien konzipiert worden, sondern im ersten psychoanalytischen Ausbildungsinstitut der Welt – in Berlin. Von hier aus konnte sich damals, durch Freud inspiriert, ein ganzes Feld für angewandte Psychoanalyse entwickeln; für Psychotherapie und Psychosomatik, Sexualkunde und moderne Sozialarbeit. In Berlin fand dergleichen viel Resonanz und hinreichend starken Rückhalt, für einige Jahre. Dass diese neuartigen Entwicklungen auch Feinde auf den Plan riefen, hing aber nicht nur mit der Programmatik der Psychoanalyse zusammen; sondern noch mit etwas Zweitem: ihrer jüdischen Wurzel. Denn bis in diese Zeit hinein hatten Psychoanalyse und Psychotherapie ganz überwiegend jüdische Eltern. War das ein Zufall? – Wohl kaum.
Freuds jüdischer Hintergrund war allgemein bekannt, lange vor jener Bücherverbrennung, die Berliner Nazi-Studenten[1]Der Beitrag ist im generischen Maskulinum gehalten. Bei der männlichen Form sind selbstverständlich alle Geschlechtsidentitäten mit umfasst. mitveranstaltet hatten. Doch nicht nur er, als Vaterfigur der Psychotherapie, ist jüdisch gewesen. Auch die frühen Mitgestalter der Psychoanalyse und die Helfer beim Durchsetzen der neuen Heilmethode entstammten mehrheitlich einem jüdischen Umfeld.
Ob man Freuds Wiener Mittwochsgesellschaft oder die frühe Psychoanalytische Vereinigung heranzieht: die meisten Beteiligten waren in jüdischen Familien und unter dem Einfluss der jüdischen Kultur aufgewachsen: Der anfangs fünfköpfigen Mittwochsgesellschaft gehörte auch der heute vergessene Rudolf Reitler an: der Einzige ohne jüdischen Hintergrund. Später kamen weitere 22 Mitglieder hinzu: unter anderem Max Eitingon, Paul Federn, Margarete Hilferding, Otto Rank und Sabina Spielrein. Nur bei einem knappen Drittel findet sich kein jüdischer Bezug. Der prominenteste Name dabei: C. G. Jung.
Als Vergleichszahl: Unter den etwa zwei Millionen Wienern stieg zwar um 1900 der Anteil der „Bürger mosaischen Glaubens“ steil an, doch nur auf etwa 10 %. Diese Minderheit hatte auch ein weibliches Bildungsbürgertum hervorgebracht, dessen Töchter kaum irgendwo schneller beruflich Fuß fassen konnten als in der Psychoanalyse: Helene Deutsch, Ida Fromm-Reichmann, Melanie Klein, Anna Freud und andere. Oder Edith Jacobson, die es besonders verdient hätte, nicht vergessen zu werden. Sie war nach 1933 als politisch linke Jüdin doppelt gefährdet, blieb aber dennoch in Berlin, bei ihren Schülern und Patienten. Weil sie bei der Gestapo ihre ärztliche Schweigepflicht nicht brechen wollte, kam sie ins Gefängnis, das sie nur knapp überlebte (May & Mühlleitner, 2005): eine Heldin der Psychotherapie!
Noch bis in die Gegenwart fällt dieser Einfluss auf: Unter den meistzitierten psychologischen Autoren sollen 43 % einen jüdischen Hintergrund gehabt haben (Haggbloom, 2002), auch abseits der Tiefenpsychologie: Lerntheoretiker, Verhaltenstherapeuten, Kognitionsforscher, die unsere Denk- und Arbeitsweise bis heute inspirieren. Viele waren ursprünglich von der jüdischen Kultur geprägt, oder zumindest von der Auseinandersetzung mit ihr: Milgram, Seligman, Maslow, Eysenck, Kohlberg, Kagan, Asch, Wolpe, Meichenbaum, Selye oder Lewin.
Ebenfalls jüdisch waren die Vordenker der späteren psychoanalytischen Schulen: Hartmann, Kohut oder Kernberg, auch die drei Gründer des wegweisenden Berliner Ausbildungsinstituts (Karl Abraham, Max Eitingon und Ernst Simmel) oder die Begründer von Psychodrama (Moreno), Gruppentherapie (Foulkes), Gestalttherapie (Perls, Logotherapie (Frankl) und Psychosomatik (Alexander, Balint). All diese innovativen Wege hatten irgendwo einen jüdischen Ausgangspunkt – bei manchem Enfant terrible unserer beruflichen Frühgeschichte wie Wilhelm Reich und Otto Groß übrigens auch.
Rein zahlenmäßig ist dieser Einfluss signifikant. Doch worin könnte er inhaltlich bestanden haben? Eine „jüdische DNA“ der Psychotherapie gibt es nicht, auch hat sich die frühe Psychoanalyse nicht als „jüdische Wissenschaft“ verstanden. Dies schon deshalb nicht, weil deren Anspruch auf Erkenntnisse von universeller Gültigkeit abzielte, weit über spezielle Bereiche wie das Jüdische hinaus. Manche Autoren (Gay, Will) waren später sogar der Ansicht, das Jüdische sei für die Entwicklung des freudschen Denkens irrelevant gewesen (Hegener, 2017, S. 139 f.). Oder mehr noch: Nur Freuds Bruch mit dem Judentum hätte ihm die Tür zu seinem neuen Denken geöffnet.
Als ob ein Bruch, eine Abwendung, zugleich die frühen Einflüsse und Prägungen zu löschen vermag! Alte Muster bleiben wirkmächtig, manche Erfahrung muss mehrfach von Neuem gemacht werden, ob aus innerem Zwang oder durch ein äußeres Verhängnis. Dem ist kaum zu entgehen, auch nicht durch Flucht in die Gegenrichtung. Denn etwas wird mitgenommen, und dieses Etwas bringt Teile vom damaligen Konflikt ins spätere Leben zurück. So ist es Freud am Ende mit seinem Jüdischsein ergangen. So schildern es die alten, heiligen Texte, an denen sich die jüdische Denktradition einst entwickelt hat. Und so erleben es viele, die in Phasen der Angst oder des Scheiterns heute den Weg in unsere Behandlungen finden.
Die „Wurzeln“ der Psychotherapie liegen naturgemäß in unterschiedlichen Böden: dem der Medizin, der epischen Dichtung und Tragödie; dem der Aufklärung und der Romantik. Doch für das Wagnis, etwas so Neues wie die Psychotherapie auf den Weg gebracht zu haben, muss vor allem die jüdische Entwicklungslinie gewürdigt werden – ohne bei der Würdigung stehen zu bleiben. Denn aus dieser Vorgeschichte wird es noch viel zu lernen geben.
Aus meiner Sicht sind es sieben Besonderheiten der jüdischen Kultur und Historie, die den Nährboden gebildet haben für die Anfangshypothesen der Psychotherapie-Entwicklung. Auch für das Beharrliche, mit dem man dieses Projekt dann am Laufen gehalten hat, bis aus Ideen dann auch Techniken werden konnten. Auch für die Beweglichkeit, die es brauchte, um Hypothesen und Techniken zu testen, zu verändern und (nicht selten) wieder zu verwerfen: All das war ein dynamischer Prozess der Reifung, an dessen Ende ein ganz neuer Beruf entstanden war.
Zu den jüdischen Wurzeln der späteren Psychotherapie zählen aus meiner Sicht:
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eine Erinnerungskultur, die das Leiden mit einbezieht,
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die Glaubens- und Denkwelt des Monotheismus,
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das kollektive Reflektieren von Trauma- und Verlusterfahrungen,
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die lustvolle Ohnmachtsbewältigung im jüdischen Witz,
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die Tradition von Traumdeutung und Deutungskritik in den heiligen Schriften,
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die kreative Sicht auf den Konflikt als Entwicklungstreiber
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und schließlich: die jüdische Aufklärung mit ihren dynamischen Spätwirkungen.
Beginnen wir, wie meist auch in der Therapie, mit dem Blick auf das Leiden.
Eine Erinnerungskultur, auch für Klage und Leid
Vorab braucht es noch eine kleine und praktische Definition dessen, was ursprünglich unter Psychoanalyse oder Psychotherapie überhaupt verstanden worden ist. Freud hat es in seinen 1917er-Vorlesungen einem breiteren Publikum zu erklären versucht: Anders als die damals populäre Hypnose, bei der die Ärzte meinten, nervöse Leiden einfach „wegblasen“ zu können, sollte die analytische Therapie nun eine Arbeitsleistung sein und als solche wirken (Freud, 1917/1994, S. 433).
Freuds Kreis wollte die Heilung nicht länger einer magisch anmutenden Kunst zu verdanken haben, schon gar keiner göttlichen Gnade, die zuvor im Gebet erfleht werden musste oder die im Tempel einzutauschen war gegen ein Opfer, vermittelt durch einen Priester-Heiler. Nichts von alledem sollte es mehr sein, sondern: erarbeitete Heilung, mit Eigenleistung!
Doch für solche Mitarbeit müssen die Klagenden ja erst gewonnen (oder erzogen) werden – eigentlich eine Zumutung. Doch der jüdische Mythos setzt Klage und Arbeit nebeneinander, und zwar von Beginn an: seit der Vertreibung aus dem Paradies, wegen des Sündenfalls. Das Urteil dafür gilt bis in die heutige Zeit, auch für uns Psychotherapeuten übrigens: „im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zur Erde werdest“ (1. Mose 3, 19).[2]Der Wortlaut der in diesem Beitrag zitierten alttestamentarischen Stellen folgt der Lutherbibel.
Was war dieser Sündenfall? Ein banaler Obstdiebstahl? – Nein, eine Grenzüberschreitung. Getrieben von der Neugier, denn die verbotene Frucht hing am Baum der Erkenntnis – und hätte dort (vorerst?) hängen bleiben sollen. Hierin liegt bereits das zweite Ärgernis: Das ganze Leid der Menschheit wäre (im Verständnis der jüdischen Religion) somit ein selbstverschuldetes.
Und so steht es im Talmud. Ein Raw Chisda empfiehlt da: Wenn ein Mensch sieht, dass Leiden über ihn komme, so untersuche er seine Taten“ (Der Talmud, 1963, S. 530). Rabbi Schimon kann dem noch etwas Hoffnungsvolles abgewinnen: „Leiden tilgen alle Verschuldungen eines Menschen“ (ebd., S. 533). Uralte Texte, die schon ein dynamisches Verständnis vom Leiden enthalten, wonach es psychische Auslöser und emotionale Wirkungen hat, z. B. eine Ausgleichsfunktion. Das traditionell jüdische Verständnis der Krankheit enthält also nicht jene „blockierenden Phantasien“ (Plassmann, 1986), die Leiden verstetigen und Behandlungsverläufe behindern. Etwa die, dass Leiden „sinnlos“ sei oder dass „Leiden ohne mein Zutun entstanden ist“ und deshalb ohne mein Zutun beseitigt werden müsse.
Allerdings: Oft ist es ein schmerzliches Ringen, bis man zu einer produktiven Sicht auf das Leiden gelangt. Ein ganzes Buch im Tannach (Altes Testament) behandelt allein diese Frage. Hiob, ein rechtschaffener Mann, der deshalb auch vom Glück gesegnet war, wird plötzlich von etlichen Katastrophen heimgesucht: Sein Vieh wurde gestohlen, seine Knechte erschlagen und seine Kinder starben unter den Trümmern ihres Hauses. Hiob zerreißt seine Kleider und neigt in Demut sein Haupt vor Gott: „Nackt bin ich von meiner Mutter Leib gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen, der Name des HERRN sei gelobt“ (Hiob 1, 21).
Doch dann kommen drei Freunde, um therapeutische Nachbarschaftshilfe zu leisten – und wir lesen in Luthers wunderbarer Übersetzung, wie die Therapie beginnt: „und saßen mit ihm sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war“ (Hiob 2, 13). Auch wenn man die oft üppigen biblischen Zeitangaben abrunden würde, bliebe noch die Zeitspanne für eine stille, intensive Langzeittherapie – eine, die schweigend beginnt, dann aber geradezu ausufert. Denn aus seiner anfänglichen Demut heraus bestürmt Hiob dann doch das göttliche Gegenüber mit seinen Fragen: Warum? Warum ich? – Vom Leiden bis beinahe zur Anklage. Doch von da aus: wohin? Wie weiter?
Die Gratwanderung bei Hiob scheint zu sein, dass er in seinem Schmerz nahe daran ist, sein Band zu Gott zu zerschneiden und ins Bodenlose zu fallen. – Vom Leid also zur Zerstörung? Das droht heute auch da, wo die existentiellen Bindungen keinem Gott mehr gelten, sondern anderen Objekten, inneren etwa, oder dem „therapeutischen Objekt“ – doch oft nur noch dem eigenen Leib und Leben.
Hiob entkommt schließlich dem Sog seines Zornes. Seine Freunde helfen dabei, indem sie den Affekt für ihn ausagieren und an seiner statt zu Anklägern Gottes werden. Bei Mentzos (1976, S. 26) wird so etwas „Delegieren“ genannt: eine interpersonale Form der Abwehr. Den traumatisierten Hiob entlastet dies so lange, bis seine eigene Regulation wieder zu greifen beginnt. Dann kann er das Geschehene in einem tieferen Sinne annehmen und sich wieder dem Künftigen zuwenden. – Was wir daraus lernen können? Zur Psychotherapie als „sprechender Medizin“ gehört unbedingt auch dies: das Schweigen.
Auch in den Psalmen führt die Not über die Klage zu einer Intensivierung des Dialogs und der Bindung. Hatte Hiob noch geklagt: „die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir“, so geht es in den Psalmen Davids um die Selbstreflexion des Klagenden: „Ich schütte meine Klage vor ihm aus“ (Psalm 142, 3). Oder um den direkten Appell und den Anspruch, gesehen zu werden: „Herr, erhöre mich bald, verbirg Dein Antlitz nicht vor mir…“ (Psalm 143, 7). – Was ist das Besondere daran? – Die Polytheisten und Naturreligiösen mussten sich noch auf die Suche machen, welches Heiligtum zuständig sein könnte für ihre jeweilige Not – und mächtig genug, sie zu lindern. Für die Juden hingegen war alles gebündelt und klar: „Beim Allmächtigen!“ – Religion war zur Dyade geworden.
Die monotheistische Wurzel der Psychotherapie
Muss also zu den Ursprüngen der Psychotherapie auch das Jüdisch-Religiöse gezählt werden? Gewiss! Auch wenn Freud selbst Atheist war und Religion für ein „auf die Kultur projiziertes psychologisches Bedürfnis“ hielt, das „eher analysiert als bewundert werden“ müsse. (Gay, 1997, S. 272). Doch ohne Religionsbezug kann nicht einmal das Säkulare definiert werden. Und ganz unvorstellbar wäre es, eine jüdische Kultur zu beschreiben, ohne Einbeziehung des Religiösen. Nur für den rassistischen Begriff vom Jüdischen in den Nürnberger Gesetzen der Nazis hat es die Religionszugehörigkeit dann nicht mehr gebraucht.
In der jüdisch-israelischen Geschichte war die eigene Religion das wesentliche Bindeglied – und blieb es noch bis in die Neuzeit. Oft auch dann, wenn Juden zur Konversion gezwungen worden waren, äußerlich als Christen lebten, aber als „Kryptojuden“ den Glauben innerlich aufrechterhielten. Zerstört waren dagegen die Gemeinden und Bethäuser, so wie in grauer Vorzeit schon zweimal der Tempel in Jerusalem. Dessen Zerstörung machte den jüdischen Gott in einem altreligiösen Sinne heimatlos – und ließ ihn damit abstrakter werden als je einen Gott zuvor.
Eine einzigartige Religion: Ohne sie würden weder Christentum noch Islam in der heutigen Gestalt existieren; ohne sie wären Christenbibel und Koran andere Bücher. Das Judentum ist die älteste monotheistische Religion, auch wenn sie wohl eine Vorgeschichte hat im Atons-Kult der Ägypter. So jedenfalls lesen wir dies in Freuds „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ (Freud, 1939/1994) oder in „Joseph und seine Brüder“ von Thomas Mann (1943/2007). Allerdings waren die Ägypter bald wieder vom Monotheismus abgekommen, während die Israeliten daran festhielten. Sie haben diese Gottesidee über Jahrtausende bewahrt und weiterentwickelt. Auch der Jude Jesus richtete seine Klage am Kreuz an den einen Gott: „… warum hast Du mich verlassen?“
Die „arbeitsteiligen“ Götterwelten des Orients, der Griechen und Römer waren noch fassbarer und weniger komplex. Die Götter (und Göttinnen!) hatten spezielle Zuständigkeiten, doch ihr Kultus war an ortsfeste Heiligtümer gebunden. Man musste hingehen, um ihren Beistand zu erflehen. Die Rituale der Annäherung an die göttliche Macht von damals; sie sind vielleicht auch nicht aufwändiger gewesen als Antragsformalitäten und Dienstwege in der bürokratischen Gegenwart.
Dagegen hatte sich die jüdische Religion schon in der nomadischen Zeit auf neue Weise auszuformen begonnen: Sie war eine „Religion zum Mitnehmen“ geworden, mit der Bundeslade und den heiligen Schriften als greifbarem Rest. Doch der Kern des Göttlichen war (als Objekt) in den Nahraum verlegt („[D]er Herr ist mein Hirte, sein Stecken und Stab trösten mich“, Psalm 23) – oder sogar ganz nach innen, in den Bereich der verinnerlichten Objekte. Denn wo begegnen monotheistische Gläubige Gott? Im stillen Gebet – doch auch im Traum. Dazu später.
Kollektive Traumata: Verlust, Bewahrung, Neubeginn
Die Therapieziele vieler Patienten, besonders in der Psychosomatik, laufen darauf hinaus, dass „alles wieder gut“ werden möge. Zu den gemeinsamen Überzeugungen aller Schulen der Psychotherapie gehört es aber, das Gegenteil davon zu denken. Nichts wird „wieder“, wie es war! Oder um es psychoanalytisch zu sagen: Die Heilung kann nicht darin bestehen, das Geschehene ungeschehen zu machen, auch nicht die Krankheit, auch nicht das Erlebte. – Heilung durch Entwicklung wäre der alternative Weg, dem Kranksein zu entkommen: einen anderen Modus des Fühlens und Handelns zu suchen, ein Mehr an Einsicht! Dazu tritt aber die Erfahrung, wie schmerzhaft dies errungen wurde.
Die kollektive jüdische Erinnerung kreiste schon früh darum, wie es ist, sich auf den Weg zu machen und einen Aufbruch zu wagen. Oft war dies erzwungen durch Vertreibung, die ein „Zurück“ illusorisch erscheinen ließ. Zwar grüßte man sich zu Jom Kippur mit einem „Nächstes Jahr in Jerusalem“; ein Satz mit einem Hauch von Transzendenz. Doch die irdische Realität gebot es, sich anderswo einzurichten, in der Fremde – zwischen Anpassung und Selbstbewahrung.
Fest verwurzelt waren die Juden des Mittelalters im islamischen Andalus oder in Frankreich, mit hohem Stand an Bildung und Kultur, auch einer zeitweise sicheren soziale Stellung. Zu besonderer Blüte herangereift war das jüdische Leben aber in Deutschland („Aschkenas“), in den rheinischen Römerstädten (Mainz, Worms, Speyer) oder auch östlicher, wie in Erfurt. Doch im Spätmittelalter, durch die Kreuzzügler und in den Wirren der schwarzen Pest, wurden die jüdischen Zentren angegriffen und zerstört: Es begann mit Neid und Verdächtigung, gezielter Verleumdung, und endete mit Zwangsbekehrung, Massensuiziden, Vertreibung und Flucht (Limor, 2000).
Für die aschkenasischen Juden wurde Osteuropa zur neuen Heimat: geduldet, benachteiligt, nicht selten bedroht. Ob in Polen, Litauen, Russland, Ungarn: Die jüdischen Gemeinschaften scharten sich wieder um den Glauben, die Bräuche und um die jiddische Sprache, in der das Mittelhochdeutsch der verlorenen Heimat konserviert war. Doch ab den 1880ern, als überall die Juden-Emanzipation voranschritt, kam es zu Pogromen in Russland. Nun trieb es viele Juden erneut westwärts: am liebsten nach Wien. Dort gab es Freiheit und Fortschritt, aber auch einflussreiche Antisemiten wie Karl Lueger, der 1897 Bürgermeister werden sollte und den der junge Hitler bewundert hat.
Das Jüdische war, anders als Christentum oder Islam, keine politisch siegreiche Religion. Sie blieb aber Lebenshilfe, oft Überlebenshilfe. Eine Religion, die sich in Niederlagen und Gefahren bewährt hat. In ihr ist die transgenerationale Erfahrung von Verfolgung und Leid weitergetragen worden, und nicht nur als Klagelied, sondern auch als Frage, wie man richtig lebt oder weiterlebt. Rabbiner und Laien haben darum gerungen und dabei ein reiches kulturelles Erbe erschaffen. Diese Erbschaft sollte sich als entscheidend erweisen, als es darum ging, für eine künftige Psychotherapie gedankliche und methodische Fundamente zu schaffen. Freud und andere jüdische Ärzte hatten diesbezüglich einen kulturellen Vorsprung.
Übrigens nicht nur ärztlicherseits: Denn zur Etablierung der Psychotherapie brauchte es eben auch dies: eine aufgeklärte Klientel, zu Beginn oft jüdische Frauen – also Patienten, die in der Ohnmacht des Leidens ihr Heil nicht allein von den „Göttern in Weiß“ erhofften. Und zwar zurecht, denn trotz allen neuen Fortschritts stand die mächtige ärztliche Wissenschaft vielen Phänomenen ohnmächtig gegenüber, zum Beispiel den hysterischen Ohnmachten. – Macht in der Ohnmacht: Diesen Konflikt hatte nicht erst die Psychoanalyse als brisantes Thema entdeckt, sondern vorher schon der jüdische Witz.
Ohnmacht, Witz, Gewitztheit
Das Stedtel wird vom Hochwasser heimgesucht, Moishes Nachbarn sind schon auf der Flucht. Einer fährt mit dem Floß vorbei und mahnt Moishe, schnell mitzukommen. Doch der gibt sich gelassen, lehnt dankend ab: „Der Allmächtige, gepriesen sei sein Name, wird schon für mich sorgen.“ Inzwischen steigt das Wasser, Moishe ist schon aufs Dach geflüchtet: Nun kommt ein Boot vorbei und will ihn mitnehmen. Wieder lehnt Moishe ab: „Keine Sorge, Gott wird mich retten!“ – Doch Moishe ertrinkt, und nun steht er Gott gegenüber. Er wirft Gott vor, ihm nicht geholfen zu haben. – Und Gottes Antwort? (man muss sie sich im jiddischen Tonfall vorstellen): „Aber Moishe! Hab’ ich Dir nicht geschickt: erst ein Floß, dann ein Boot?“
Wir sehen, ungelöste Konflikte können direkt ins Verderben führen. Und zwar nicht, weil sie unlösbar gewesen sind, sondern weil eine einfache (gewissermaßen gewitzte) Lösung nicht rechtzeitig gefunden wurde. Doch im jiddischen Sprachraum muss der Witz geradezu zum Volkssport geworden sein. Zumindest seit der jüdischen Aufklärung durfte selbst Gott ein Witzthema werden; man vergleiche das mit den blutigen Konsequenzen von Blasphemie im früheren Christentum oder heute in Teilen des Islam. Der Monotheismus dieser beiden jüngeren Religionen ist eben anders: Zwischen Gott und dem Menschen gibt es je einen Vermittler (Christus, Mohammed). Im Mittelpunkt des Christentums steht die „Gnade, die höher ist als alle Vernunft“, während „Islam“ in der Übersetzung „Unterwerfung“ bedeutet.
Im Jüdischen wird dagegen zwischen Gott und Mensch sehr viel verhandelt, sowohl implizit als auch explizit, wie wir in dem Witz gerade gehört haben. Dabei treten vor allem drei Konfliktthemen zutage, um die mit dem verinnerlichten Gott gerungen wird: Verantwortung, Versorgung und Vertrauen – drei Themen, die auch in Psychotherapien schon immer zentral gewesen sind. Als Erstes: Verantwortung, auch die für sich selbst.
Dann Versorgung: Das Thema ist ja besonders in Notzeiten relevant, bei Krankheit zum Beispiel. Damit rücken auch bei Erwachsenen die verinnerlichten Elternobjekte wieder mehr ins Blickfeld. Zu denen zählt Freud auch die Götter und sieht Religion folglich als regressiv an. Vielleicht ja auch aufgrund der göttlichen Verheißung (2. Mose 2, 8), von dem Land, in dem Milch und Honig fließen? – Ein neues orales Paradies anstelle des verlorenen kindlichen?
Bleibt noch das Vertrauen: Was Gottvertrauen (als psychische Ressource) oft geleistet hat, das muss heute für die meisten allein das Selbstvertrauen leisten. Ob darin der Fortschritt liegt, den Freud noch kühn prophezeite (vgl. Freud, 1927/1994, S. 182)? Oder eher eine Fehlstelle der psychischen Strukturen, die wir heute immer öfter als defizitär beschreiben?
Von den vielen Nichtreligiösen im Westen sind manche „zum Narzissmus konvertiert“, wie es im „Stadtneurotiker“ von Woody Allen behauptet wird: auch er jemand, der sich auf den jüdischen Witz versteht. Ein Witz, der, wie jeder gute Humor, auch Raum bietet für das Traurige: für den verlorenen Glauben wie für brüchiges Selbstvertrauen. – Noch ein zweiter Beispielwitz:
Mendel kommt zum Rabbi, um sich über seinen Sohn zu beklagen. Der sei faul, verwöhnt und unverschämt. Dann die verzweifelte Frage: „Was soll ich, als Vater, denn jetzt tun?“ – Der Rabbi zuckt mit den Schultern. „Nu, mach es so wie Gott!“ – Mendel versteht nicht: „Was hat Gott denn gemacht, als Vater?“ – Der Rabbi: „Nu, Du weißt doch: ein Neues Testament.“
Welch ein Rabbiner! Empfiehlt nebenbei das Neue Testament, das Buch der abtrünnigen Juden, also der Christen! – Kein tröstlicher Rat, aber ein gewitzter. Die Rabbiner, die mehr lehrend als liturgisch tätig sind, hatten nach dem Verlust des Tempels die Priester abgelöst, so wie in der Neuzeit allmählich die Beichtväter von den Psychotherapeuten abgelöst werden. – Im Witz wird fast immer das Undenkbare denkbar, auf eine lustvolle, also glückliche Weise. Freud erklärt den Lust-Mechanismus: Er beruhe auf erspartem „Hemmungs- oder Unterdrückungsaufwand“ (Freud, 1905a/1994, S. 112 f.). Das Blockierte löst sich auf, und endlich geht es weiter. Ähnlich ist das bei den Träumen, die Freud ebenfalls beforscht hatte, und zwar viel ausgiebiger als die Witze.
Träume: erst höhere Wahrheit, dann Material
Freud hielt sein Buch „Traumdeutung“ (1900/1994), ganz unbescheiden, für den Beginn einer neuen Ära. Das Entstehungsjahr 1900, direkt zur Jahrhundertwende, war sicher nicht nur ein Zufall. Doch gerade beim Thema „Traum“ wird die jüdische Wurzel seines Denkens deutlich, selbst wenn in Freuds Buch darüber wenig zu lesen ist. Damals sind biblische Traumberichte ohnehin jedem bekannt gewesen. Etwa die Geschichte, in der Joseph als Sohn jüdischer Halbnomaden dem Pharao von Ägypten einen rätselhaften Traum entschlüsseln sollte: In diesem waren sieben fette Kühe am Nilufer, zudem auch noch sieben magere Kühe, die dann, oh Wunder, die sieben fetten aufzufressen vermochten (1. Mose 41).
Dem Alttestamentler Gerhard von Rad (1949) zufolge zeigt diese Geschichte „den Unterschied zwischen der berufsmäßigen Zukunftsdeutung, die zum Scheitern verurteilt ist, und einer charismatischen Erleuchtung, die keiner Technik bedarf“ (von Rad, 1949, S. 307). Josef ging es in seiner Deutung weniger um die Zukunft, sondern mehr um das Handeln, das aus dem Geträumten resultieren muss, als „Erleuchtung“ beim Erwachen (Grözinger, 2018).
Ohnehin muss zu Freuds Zeiten der Traum als Thema suspekt geworden sein, denn in dieser Fortschrittsära wurden so viele „Träume“ Realität, dass die nächtlichen Träume höchstens für Romantiker von Interesse waren. Freud dürfte das gerade recht gewesen sein. Ging es ihm doch darum, das Intuitive ins Denken zurückzuholen. Es musste allerdings letztlich vor dem kühlen Auge der Ratio bestehen können: vom Ergebnis her. Nichts weniger als das war das Kriterium. Wie damals bei Josef: Der empfahl dem Pharao, in die Vorratshaltung zu investieren, also die fetten Kühe für die mageren Jahre aufzusparen. Freud wird das später anders nennen: einen oralen Triebaufschub.
Und das Kriterium heute? – Auch heutige Deutungen müssen den Zusammenhang finden, zwischen den (im Traum verschlüsselten) Wünschen und Ängsten einerseits und jener Realität, innerhalb derer die Träumer eingeschlafen sind, andererseits.
Ein uraltes Deutungsbeispiel aus dem Talmud, frei zitiert:
Ein Mann kommt zu einem Traumdeuter: „Ich sah im Traum, dass ich die Krone des Ölbaums aufgesetzt trug.“ Der Traumdeuter sagt: „Du wirst zur Größe gelangen. In kurzer Zeit.“ Ein anderer Mann kommt zum selben Traumdeuter, auch er hatte sich im Traum mit der Krone des Ölbaums auf dem Haupt gesehen. Ihm wurde der Traum ganz anders gedeutet: „Du wirst Schläge bekommen.“ Der zweite Mann protestiert: „Jenem hast du gesagt, dass er zur Größe gelangen wird …“ Der Traumdeuter antwortet: „Bei jenem war es zur Zeit der Blüte, bei Dir zur Zeit des Abschlagens.“ (Kristianpoller, 2006, S. 154)
Die Nüchternheit dieses Traumdeuters war sicher damals schon eine therapeutische Tugend. Denn das Abschlagen ist ja nicht im Sinne von Gewalterziehung gemeint gewesen, sondern steht für die Erntemethode von Oliven, also im übertragenen Sinne für die Frage: Wann soll das Leben Früchte bringen? – Auch heute fällt es nicht leicht, Patienten die Grenze des Möglichen aufzuzeigen: dem Langzeitstudenten oder der ambivalenten Mitdreißigerin, deren sehnlichem Kinderwunsch ähnlich starke Ängste gegenüberstehen. Solche Konflikte verfolgen die Betroffenen bis in den Schlaf. Das ist immerhin besser, als die Konflikte durch Somatisierung abzuwehren. Denn Träume sind oft auch interessante Rätsel: Sie laden zu Lösungen ein.
Man kann die heuristische Methode von Traumdeutungen vorwissenschaftlich nennen. Doch kommt sie methodisch dem Problemlösen im Alltagsdenken am nächsten und würde deshalb die Aufmerksamkeit der Psychotherapeuten verdienen. Auch pathogene Denkfehler gehen natürlich auf Heuristiken zurück, solche, die ehemals (oder anderswo) sehr erfolgreich gewesen sein mögen. In dem eben geschilderten Ölbaum-Traum war es die wünschenswerte Analogie, etwas anderswo Erfreuliches müsse sich doch auch bei mir wiederholen! – Mit der Untersuchung solcher Denkwege hat Freud einst die Psychotherapie auf die Erfolgsspur gebracht. Jetzt wird Ähnliches wieder neu beforscht, etwa von Amos Tvesrsky und Daniel Kahneman (Kahneman, 2012), zwei Psychologen aus Israel. Für die Untersuchung von unbewussten Urteilsheuristiken, wie etwa der Verlustaversionen, gab es 2002 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.
Konflikte, Kränkung, Kreativität
Auch zu diesem psychotherapeutischen Themenkomplex gibt es einen biblischen Traum, der sogleich die schmerzhafte klinische Problematik zu erfassen hilft: Der junge Joseph, den wir schon als Traumdeuter kennengelernt haben, war selbst ein großer Träumer.
Als elfter von zwölf Söhnen hätte er eigentlich vor Egozentrismus geschützt sein müssen. Doch war er der Lieblingssohn der Lieblingsfrau seines Vaters – und damit irgendwie doch ein Privilegierter. Eben dies ist Thema eines Traums, den er, kaum aufgewacht, seinen Brüdern meinte erzählen zu müssen:
„Siehe, wir banden Garben auf dem Felde, und meine Garbe richtete sich auf und stand, aber eure Garben stellten sich ringsumher und neigten sich vor meiner Garbe.“ (1. Mose 37, 7)
Den Fortgang der Josephsgeschichte kann man auch im Koran nachlesen (Zwölfte Sure: Joseph 2 ff.), wo sie als „die schönste der Geschichten“ (Der Koran, 1974, S. 32) bezeichnet wird – oder auch in den Josephsromanen der 1930er-Jahre von Thomas Mann. Freud hatte bereits 1914 in seiner „Einführung des Narzißmus“ die spezielle Ich-Pathologie zu beschreiben begonnen – und sie als Rückzug der libidinösen Besetzungen auf das eigene Ich klassifiziert (Freud, 1914/1994).
Die Josephsgeschichte zeigt zu Beginn, dass ein narzisstisches Größenselbst eben nicht nur eine innere Störung ist, sondern auch Hass produziert und potenziell tödlich endet. Joseph wurde von den gekränkten Brüdern in einen Brunnen geworfen: Der phantasierte Höhenflug endete als Sturz in die Tiefe. – Man kann dies auch als Gleichnis für die jüdische Geschichte lesen: Vom „erwählten Volk“ zum erwählten Lieblingsfeind der anderen; von der Gnade zum Fluch.
Joseph wurde aus dem Brunnen gerettet, doch musste er sich lange Jahre in dienenden Rollen durchschlagen: als Sklave, dabei auch als Dienstleister in der Traumdeutung. Die „Heilung durch Entwicklung“ führt ihn an Orte der Demut und in eine Art narzisstische Rehabilitation. Auch wird sein Absturz in der Überlieferung eben nicht als ein Trauma verstanden, nicht als Schurkenstück ihn mobbender Geschwister. Nein! – Denn die Brüder waren nicht grundlos hin- und hergerissen: zwischen mörderischer Wut und dem Wunsch, ihn (um des liebenden Vaters Willen) zu verschonen. Was bei derlei herauskommt, hat die Psychoanalyse als notdürftige Kompromissbildung verstanden, zwischen einem Affekt und seiner Abwehr: hier eine halbherzige Gewalttat, die am Ende missglückt.
Wie gesagt: Josephs Geschichte handelt nicht vom Opfersein, sondern von emotionaler Arbeit – und letztlich von Erziehung in einem therapeutischen Sinn. Dies ist Freuds zweites Kennzeichen von Therapie, das er in seinen früheren Schriften hervorhebt (Freud, 1917/1994, S. 433). Denn Josephs Reifung gelingt nicht durch ersparte Konflikte, ganz im Gegenteil.
Wir blenden die Geschichte vor dem Happy End aus: Uns geht es um das therapeutische Element und das liegt in der Reflexion der Konflikte. Die sind früh angelegt und würden sich, ohne ein Scheitern und ohne ein Nachdenken, nur immer ungebremst wiederholen. Abwenden kann dies nur eines: Einsicht – Freuds drittes Merkmal einer Psychotherapie (Freud, 1905b/1994, S. 117 f.). Der Kranke müsse, so Freud, „aus Gründen besserer Einsicht“ etwas akzeptieren, „was er zufolge der automatischen Unlustregulierung bisher zurückgewiesen“ (verdrängt) hat. Joseph, der auf die Beschämung seiner Brüder einst nicht verzichten konnte, beginnt nun, Verzicht zu lernen: libidinösen und narzisstischen. „Nacherziehung“ nennt das Freud (1905b/1994, S. 118).
Man kann an dieser Stelle noch an eine Merkwürdigkeit erinnern: Im Jiddischen wurde die „Synagoge“ (griechisch für: Ort der Versammlung) zur viel kürzeren „Schul“: zum Ort für Lernen und Erziehung. Die berühmte Prager „Altneu-Schul“ zum Beispiel ist der Legende nach Schauplatz einer besonderen Erziehung gewesen. Denn hier soll um 1580 der Golem in Dienst gestellt worden sein, als Helfer der Hilflosen, nämlich der bedrängten Prager Juden. – Die Frage muss damals eine ähnliche gewesen sein, wie sie uns heute oft Kopfzerbrechen bereitet: Wie erschafft man fähige Helfer? – Wenigstens einen zu schaffen; das soll damals dem Rabbi Jehuda Löw gelungen sein. Dass dafür ein besonderes Material nötig sei, glaubte der Rabbi übrigens nicht. Er nahm einfach das verfügbare, nämlich Lehm. – Aber dann? Wie weiter?
Die verschiedenen Versionen der Legende (vgl. Kisch, 1934/1976) kann man auch als Metapher für manches heutige Ausbildungsproblem verstehen; für unseren (ebenfalls recht speziellen) Beruf. Die drei Ellen hohe Gestalt Golems musste siebenmal sprechend umkreist werden, erst von den Helfern des Rabbi, dann von ihm selbst – bis das Wesen schließlich zu glühen begann! – Seit die Psychotherapie längst den Kinderschuhen entwachsen ist, müssen die künftigen Helfer weitaus öfter „umkreist“ werden – oder sich umkreisen lassen. Ob dabei alle noch so „glühen“ werden für den Beruf, wie es der Generation der Pioniere nachgesagt wurde?
Und noch ein interessantes Detail: Um die helfenden Kräfte im Golem zu erwecken, legte man ihm einen Zettel unter die Zunge, der am arbeitsfreien Sabbat unbedingt entfernt werden musste – um ihn vom exzessiven Helfen abzuhalten. Man stelle sich das vor: ein einziges Wort! Eine Art Passwort, könnte man sagen; eines, ohne das nichts lebendig würde, ohne das alles wirkungslos bliebe.
Diese mystische Tradition des Jüdischen hat auch manche Spuren hinterlassen; zumindest in unserem heutigen Verständnis, eine auch intuitive Arbeit zu tun. Vor allem aber: fokussierend zu arbeiten, also therapeutisch weniger in die Breite, sondern im Zweifelsfall in die Tiefe zu gehen.
Jüdische Aufklärung, Bildungsideal, Kapitalismus
Die Aufklärung ist die Brücke zwischen zwei fernen Welten: der religiösen Seelsorge und der säkularen Psychotherapie. Gern zitiert wird, dass Kant (1784) die Aufklärung als Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit definiert. Doch Kant hielt eine andere Antwort auf die damalige Berliner Preisfrage für wichtiger: die des jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn, ebenfalls aus dem Jahr 1784. Der stellt dem Begriff Aufklärung den der Kultur gegenüber und fragt, wieviel Nützliches beide „für die Menschen“ und „durch den Fleiß der Menschen“ hervorzubringen vermögen (Mendelssohn, 1784, S. 194): Diese Perspektive umfasst neben dem Theoretischen auch das Alltägliche und vermag beides zu verbinden.
Das Bildungsideal der Aufklärung war Teil des Erfolgsrezepts, das die Aufstiegsdynamik im 19. Jahrhundert erklärt, insbesondere auch die beim jüdischen Bürgertum: eine Dynamik, durch die bald auch die Grenzen des Möglichen ausgelotet wurden, auch die Grenzen des gesundheitlich Erträglichen. Für den beschleunigten kapitalistischen Fortschritt wurde bald schon nach Reparaturmodulen gesucht, um Krankheiten, Konflikte und Gewalt zumindest punktuell zu regulieren. Die Psychoanalyse war solch eine, die Sozialarbeit eine andere – auch eine, für die große jüdische Namen stehen: Berta Pappenheim (Freuds Patientin Anna O.) oder die Berliner Frauenrechtlerin Alice Salomon.
Es bleibt festzuhalten, dass sich der Kapitalismus des Westens, auch mit seinen großen jüdischen Gründern und Unternehmern, den sozialen und mentalen Konflikten gestellt hat. Langsam, unter Kämpfen und Widerständen, begann sich ein Bewusstsein für soziale Risiken herauszubilden, verbunden mit der Bereitschaft, auch Verantwortung dafür zu übernehmen. Die zunehmend erfolgreiche Psychotherapie war immer ein Kind der wirtschaftlichen Prosperität und wurde zugleich ihr wachstumskritisches Regulativ: das eine nicht ohne das andere! – Solche integrativen Leistungen zu erbringen; das ist der Psychotherapie auch mit Hilfe der jüdischen Denktraditionen gelungen. Jedenfalls bisher …
Wenigstens ein Name sei genannt, der für die private Förderung der Psychotherapie in der schwierigen Anfangszeit steht. Freuds Wegbegleiter Max Eitingon, ein Psychiater, der aus seinem Familienvermögen unter anderem die psychoanalytische Poliklinik und dann das schon erwähnte Berliner Institut mitfinanzierte, ist in Leipzig aufgewachsen und 1933 nach Jerusalem emigriert. Sein Vater war als „Pelzkönig vom Leipziger Brühl“ berühmt und hatte ein von Moskau bis New York reichendes Handelsnetz aufgebaut. Freud wird ein Bonmot nachgesagt, dass „die besten Fälle der Psychoanalyse die Felle des alten Chaim Eitingon“ gewesen seien.
Die Geschichte der jüdischen Kaufleute ist auch Beispiel dafür, wie Not langfristig kreative Potenziale entfalten kann. Denn den Juden waren einst viele „ehrbare“ Berufe versperrt, Zinsgeschäfte und Handel dagegen nicht, weil diese im Christentum und Islam teils als sündig galten.
Es gibt aber mindestens zwei Händlertugenden, die sich als therapeutische Kompetenzen später noch bewähren sollten: zum einen die Fähigkeit zu mentalisieren, also die Perspektive des anderen mitzudenken und von dessen Wünschen und Interessen eine Vorstellung zu haben. Zum anderen ist dies die sprachliche Fähigkeit des Übersetzens, worin zuweilen sogar das Kernstück der therapeutischen Arbeit gesehen wird. Viele jüdische Pioniere unseres Berufs sind mehrsprachig aufgewachsen, neben der jeweiligen Amtssprache oft mit der jiddischen Muttersprache und dem biblischen Hebräisch, das auch wichtige Teile des Lebens betraf. Wer verschiedene Welten von klein auf sprachlich verbinden muss, wächst dabei in Denkweisen und Kommunikationsstile hinein, die auch kommerzielle Formen des Austauschs erleichtern oder vertiefen: Handel, Warenverkehr, Kreditwesen.
Auch die Psychotherapie, die ebenfalls auf besonderes Vertrauen („Kredit“) angewiesen ist, war damals als verbindende Dienstleistung angetreten. Sie hat sich bewährt, selbst bei traumatischen Störungen, bei denen ein gewaltsamer Riss die innere Welt durchzieht. Hier ist das Vertrauen in die Welt allenfalls mühsam zurückzugewinnen. Anders als die alte Psychiatrie zu Zeiten Freuds, die sich nicht selten auf ein Klassifizieren des Leidens zurückgezogen hatte, nahm damals die junge Psychotherapie solche Herausforderungen an, ohne dabei auf schnellen Beifall hoffen zu dürfen. – Sich dabei nicht entmutigen zu lassen, auch das zählt zum kostbaren Erbe der jüdischen Pioniere.
Eine Nachbemerkung
Mein Versuch, diesen besonderen Strang der Psychotherapiegeschichte nachzuzeichnen, hatte einen Ausgangspunkt, zu dem ich noch einmal zurückkehren möchte: die im Jüdischen tief verwurzelte Erinnerungskultur. Im Erinnern wird nicht nur Sicherheit neu gefunden, sondern auch Erlösung gesucht von dem Zwang, das Schlimme zu wiederholen: so wie in vielen Psychotherapien.
Doch wie ist es um die Erinnerungskultur unseres Berufsstandes heute bestellt, wie präsent sind gerade die jüdischen Teile der Herkunft des Berufs noch für uns? Insbesondere in einer Zeit, in der das neu entstandene jüdische Leben in Deutschland ständigen Polizeischutzes bedarf.
Es war zudem mein Anliegen, dass wir als Nachfolger der einst „arisierten“ Psychotherapie den jüdischen Teil dieses Erbes weiterhin pflegen und Respekt dafür einfordern – auch von jenen, die Psychotherapie heute leicht in Anspruch nehmen können, hier in Deutschland.
Die mehrheitlich jüdischen Eltern der Psychotherapie hatten damals den Mut, gegen Anfeindungen und im Angesicht der Gefährdung von Leib und Leben dieses Berufs- und Forschungsfeld auf den Weg zu bringen. Leider braucht es heute schon wieder Mut, sich dem alten und neuen Antisemitismus entgegenzustellen. Auch dafür, wenigstens Ross und Reiter zu benennen.