Maschinelle Psychotherapie: ein schleichender Paradigmenwechsel
Machine-based psychotherapy: a creeping paradigm shift
verfasst von: Christian Hornstein
Abstract
Zusammenfassung: Seit Jahren werden immer adaptivere maschinelle Werkzeuge entwickelt, die man zunehmend auch für Aufgaben trainiert, die sie zu virtuellen Psychotherapeut*innen machen könnten. Noch wird derzeit zwar abgestritten, dass dies erklärtes Ziel wäre, de facto werben aber existierende Produkte bereits mit entsprechenden Fähigkeiten und manche von ihnen agieren auch schon im psychotherapeutischen Aufgabenfeld. In diesem Artikel soll es nicht um die bekannten Unzulänglichkeiten heutiger maschineller Hilfe gehen, sondern um eine spezielle Begleiterscheinung, die nicht nur in Bezug auf psychotherapeutische Belange relevant ist, sondern auch für zwischenmenschliche Beziehungen allgemein und unser Verhältnis zur Realität.
Summary: For years, increasingly adaptive machine-based tools have been developed, which are increasingly being trained to perform tasks that could turn them into virtual psychotherapists. Whilst it is still disputed that this is the aim, existing products are in fact already being marketed with such capabilities, and some of them are already operating within the field of psychotherapy. This article is not about the well-known shortcomings of today’s machine-based assistants, but rather about a specific side effect that is relevant not only in relation to psychotherapeutic matters, but also to interpersonal relationships in general, extending even to our relationship with reality as a whole.
Das Versorgungsproblem
Wenn wir die von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) zusammengetragenen Zahlen von Februar 2025 betrachten, dann waren jedes Jahr 17,8 Millionen erwachsene Menschen von einer psychischen Erkrankung betroffen (DGPPN, 2025). Im ambulanten Setting standen dem rund 32.000 Psychotherapeut*innen für Erwachsene gegenüber. Laut Statistischem Bundesamt (2021) arbeiten rund ein Drittel in Teilzeit. Die Fallzahlen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (2025) in Deutschland verzeichnen ein Verhältnis von Einzel- zu Gruppentherapie von rund 12:1. Eingedenk der stationären Versorgung und selbst in sehr optimistischen Szenarien, in denen alle ambulant Tätigen Vollzeit arbeiten und die Hälfte ihrer Arbeitszeit in Gruppentherapie verbringen, wäre es schwer, den Bedarf zu decken. Das erklärt zum Teil, warum laut DGPPN nur rund 19 Prozent der Erkrankten im Jahr Kontakt zu Therapierenden aufnehmen. Auch wenn wir dieses Versorgungsproblem zum Teil selbst verursachen: Realistisch betrachtet lässt es sich keinesfalls rasch lösen, weshalb digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) unverzichtbar sind, wenn wir den Menschen zeitnah helfen möchten.
Maschinelle Psychotherapie
In der Psychotherapie verwenden wir seit Jahrzehnten eine Vielzahl von Hilfsmitteln. DiGA stellen hierbei eine längst überfällige Ergänzung dar, die sich, adäquat eingesetzt, bewährt hat. Manche DiGA verlässt dabei bereits den Boden interaktiver Psychoedukation, geht über die Vermittlung von Techniken und Trainings hinaus und betritt das Feld der Expositionen, so zum Beispiel „Mindable: Soziale Phobie“ (Mindable Health, 2026). Andere gehen noch weiter, indem sie im Rahmen der Unterstützung von Emotionsregulation den Eindruck vermitteln, sie würden uns verstehen. „Priovi“ von der GAIA AG (2026), für Borderline-Betroffene konzipiert, basierend auf der Schematherapie nach Young et al. (2005), wirbt wie folgt: „Egal in welchem Modus du gerade bist, Priovi versteht dich – jederzeit“. Die Identifikation und Validierung von Emotionen werden explizit angestrebt („Euer Ziel ist, dass du dich und deine Gefühle immer besser verstehst“). Die von Priovi angebotene Unterstützung wird auch explizit als „Therapie“ bezeichnet.
Im Februar 2026 stand auf der Website priovi.de ein Video, in dem eine Patientin Auskunft über ihre Erfahrungen mit der DiGA gab. Die Stimme der App habe etwas „sehr mütterlich Fürsorgliches“ gehabt, was die Patientin zunächst „befremdlich“ gefunden habe, als spreche die App zu einem Kind. Später habe die Patientin jedoch festgestellt, dass ihr diese Form der Ansprache „sehr gut tut“. Die Patientin lächelte fröhlich, wenn sie von Pia berichtete, dem kindlichen Comic-Avatar, der ebenfalls an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet und einen durch das Programm führt. Die Patientin erkannte sich in Pia wieder („Genau so geht es mir.“). Ein großer Vorteil der App im Gegensatz zur regulären Psychotherapie sei die ständige Verfügbarkeit („Priovi ist eigentlich immer da.“).
Die Schilderung der Patientin zeigt ihre emotionale Beteiligung und Ansätze einer Beziehung zwischen ihr und dem Programm. Tatsächlich zeigen nicht nur alltägliche Erfahrungen, sondern auch Forschungsergebnisse, dass wir Menschen dazu neigen, menschliche Regungen in nichtmenschliche Lebewesen und sogar in offensichtlich nicht lebendige Instanzen zu projizieren (Anthropomorphismus). Der früheste Hinweis stammt aus dem Jahr 1944 von Fritz Heider und Marianne Simmel. Eine Übersicht zum Phänomen findet sich zum Beispiel bei Marquardt (2017). Virtuelle therapeutische Avatare erzeugen nicht zufällig einen lebendigen Eindruck, sondern werden gezielt daraufhin optimiert.
Allerdings können DiGA in akuten Krisen noch nicht flexibel auf eine Person eingehen. Auch wenn die Verantwortung für die Einschätzung etwaiger Selbst- und Fremdgefährdung hier wohl niemals übernommen werden und es in den Gebrauchsanleitungen lediglich bei den bisherigen Sicherheitshinweisen und Angaben für Notfälle bleiben wird, so ist dennoch anzunehmen, dass ein Teil der noch mangelnden Adaptivität von DiGA durch den Einsatz sogenannter Künstlicher Intelligenz (KI; künstliche neuronale Netzwerke) wesentliche Verbesserungen erfahren wird. Längst gibt es, wenngleich im nicht zertifizierten Bereich, KI, die deutlich adaptiv agieren und als therapeutische Begleitung angeboten werden, z. B. Chatbots wie „Panda“ von Earkick (2026), eine KI, die „erkennt, wie es dir geht, hilft dir sofort weiter, ist jederzeit zum Reden bereit“ oder „Mina“ von Ventzke Media (2026), „der erste digitale Therapeut und Coach, der auf kognitiver Verhaltenstherapie basiert“. Auch Anbieter zertifizierter DiGA bewegen sich in dieses Feld hinein, z. B. HelloBetter (2026) mit „Ello“.
Maschinen als Bindungsinstanzen
In zwischenmenschlichen und speziell auch in psychotherapeutischen Beziehungen geht es häufig darum, die eigenen Gefühle von einem anderen Menschen validiert zu bekommen und verstanden zu werden, und zwar auf der Grundlage seiner realen Gefühle und Erfahrungen. Wir können uns nur dann darauf einlassen, wenn wir davon ausgehen, dass der andere weiß, wie sich das anfühlt, was wir empfinden und schildern, weil er es ebenfalls fühlt oder schon einmal gefühlt und es nicht bloß als Theorie einem Lehrbuch entnommen hat. Wir fühlen uns in unserem Erleben verstanden, wenn der andere das, was wir ihm über unsere Gefühle mitteilen, nicht wortwörtlich wie eine Tonaufnahme, sondern in eigenen Worten passend wiedergibt (Paraphrase). Damit wird die Zuordnung zu einer Bedeutung erkennbar. Wenn der andere dabei sogar ein treffsicheres Erlebniselement einbringt, das man normalerweise nur aus eigener Erfahrung kennt, berührt uns das. Wir fühlen uns nicht nur verstanden, sondern wir fühlen uns auch nicht allein mit unserem Erleben. Besonders Carl Rogers (1983) und Marsha M. Linehan (1997) haben sich mit der Validierung von Gefühlen in der Psychotherapie befasst.
Diese Bestätigung der Realität und Legitimität unserer Gefühle ist für uns von existenzieller Bedeutung. Ohne diese Bestätigung können wir in Bezug auf die Wahrhaftigkeit unseres Erlebens und seiner Bedeutung oft nur schwer Sicherheit erlangen. Während der kindlichen Entwicklung ist diese Bestätigung eine wichtige Hilfe, um ein gutes Verständnis eigener Emotionen gewinnen und sie erfolgreich regulieren zu können (Kullik & Petermann, 2012). Diese Validierung wird auch bei virtuellen Interventionen angestrebt (siehe z. B. Priovi). Es funktioniert nachgewiesenermaßen bereits mit Standardsymptomen eines Syndroms bei selektierten Stichproben und wird mit wachsender Adaptivität der Programme wohl auch bei nicht vorhersehbaren Regungen funktionieren, obwohl heutige Maschinen ziemlich sicher nichts empfinden.
In zwischenmenschlichen Beziehungen zu Helfenden, besonders solchen, die uns emotional unterstützen sollen, geht es nicht nur darum, konkrete Ratschläge und Verhaltensanweisungen zu erhalten und die Veränderung von Bewertungen anzustoßen, sondern auch darum, eine sichere Bindung aufzubauen, in der wir darauf vertrauen können, dass uns jemand Gutes will – nicht nur, weil dieser Mensch dafür bezahlt wird, nicht nur, weil er dazu verpflichtet oder programmiert ist, sondern weil wir ihm nicht egal sind (mattering; Flett, 2018). Hier spielt auch die bedingungslose Wertschätzung nach Rogers eine wichtige Rolle (Rogers, 1983). Helfende, die das nicht ausstrahlen, können kompetent wirken, warm wirken sie jedoch nicht und wir tun uns schwerer, ihren Anregungen zu folgen. Hier geht es um Vertrauen. Einer Maschine sind wir ziemlich sicher egal, ganz gleich, wie sehr sie das Gegenteil beteuert, und dennoch kann für uns der Eindruck entstehen, es sei anders. Mütterliche Fürsorglichkeit lässt sich simulieren.
Hier kommt auch der Echtheit des Verhaltens unserer Mitmenschen Bedeutung zu (siehe wieder Rogers, 1983), die Übereinstimmung von innerer Regung und äußerem Ausdruck. Damit steht und fällt letztlich alles, worauf wir uns verlassen wollen. Echtheit ist bei einer Maschine jedoch nicht anzunehmen, denn es gibt gar keine inneren Regungen. Selbst wenn es sie gäbe, wären sie nicht eigenständig entstanden, sondern erschaffen von jemandem, zu dem wir keine Beziehung haben und der uns gegenüber wohlwollend gestimmt sein mag oder einfach nur ein gutes Geschäft machen will. Auch wenn wir selbst die Maschine programmiert hätten, wäre ihr Wohlwollen nicht eigenständig. Wir hätten lediglich einen Spiegel unserer Bedürfnisse erschaffen, den wir dann quasi fragen: „Wer ist dir der oder die Liebste im ganzen Land?“ Um wirklich echt zu sein, muss die Entscheidung, uns Wohlwollen entgegenzubringen, aus freien Stücken erfolgen und nicht von der Agenda eines anderen abhängen.
Es geht hier um emotionale Nähe, Sicherheit und Bindung, auch wenn psychotherapeutische Beziehungen im Vergleich zu freundschaftlichen und intimen Beziehungen stärker von wissenschaftlicher Expertise geprägt, überwiegend einseitig und meist zeitlich begrenzt sind. Die Begegnung mit einem Gegenüber, dem wir echtes Wohlwollen und echte Gefühle unterstellen, das ein bisschen so ist wie wir, lässt uns weniger einsam fühlen, da wir nicht mehr allein mit den Problemen des Lebens und unserem Erleben in der Welt sind.
KI kann diese Voraussetzungen unspezifischer Wirkfaktoren von Psychotherapie nicht erfüllen, sondern nur simulieren. Bereits heute bieten Maschinen die hierzu passenden Illusionen an. Zukünftige Maschinen werden entsprechende Verhaltensweisen noch überzeugender realisieren können und damit auf uns wirken, als hätten sie die normalerweise bei Menschen dahinterliegenden Regungen. Sie müssen es sogar, wenn die Menschen, die ihre Dienste in Anspruch nehmen, jene Hilfe erhalten sollen, die sie brauchen, denn es handelt sich hier um wichtige unspezifische Wirkfaktoren von Psychotherapie, und die Wirksamkeit dieser Simulationen beruht auch wesentlich auf unserem Eindruck, es mit einem fühlenden Gegenüber zu tun zu haben (Marquardt, 2017).
Unsere Vernunft steht unserer Neigung, diese Illusion anzunehmen, nicht im Weg. Wir Menschen sind bereit und in der Lage, uns bewusst einer Suggestion hinzugeben, etwa für die Zeit einer hypnotischen Sitzung (Halligan & Oakley, 2014), eines Films oder während der Lektüre eines Romans (suspension of disbelief; Ji & Raney, 2016), und unsere kritische Distanz zu verabschieden. Wenn die Illusion überzeugend ist, fällt es uns leichter, ja zuweilen können wir uns gar nicht davon freimachen, wie verschiedene Untersuchungen der Mensch-Maschine-Interaktion gezeigt haben (Fan et al., 2025). Würden wir per Zufall Zettel aus einem Hut ziehen, auf denen stets die passende Antwort zu unserer zuvor an den Hut gestellten Frage stünde, hätten wir irgendwann den Eindruck, der Hut hätte ein Eigenleben, entgegen jeglicher Vernunft.
Der Preis der Illusion
Wenn therapierende KI Menschen hilft, vielleicht sogar besser, weil verfügbarer und empathischer als ihr menschliches Pendant, wäre es nur konsequent, wenn immer mehr Menschen sie nutzten. Selbst wenn man die heutige Höchsteinsatzzeit von DiGA auf 24 Monate verlängern würde, wären sie immer noch wesentlich kostengünstiger als menschliche Psychotherapeut*innen. Es würde zwar noch einige Jahre dauern, aber es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie therapierende KI bei einem solchen Szenario am Ende vielleicht sogar mehr genutzt würden als menschliche Psychotherapeut*innen. Dass Krankenkassen genau darauf hoffen, dürfte keine abwegige Vermutung sein, angesichts ihrer chronischen Finanzierungsprobleme (Statista, 2026d) und des Umstands, dass sie im psychotherapeutischen Bereich eine „enorme Leistungsausweitung“ feststellen und die Ansicht vertreten, dass „die Schaffung neuer Zulassungen und die Ausweitung von Kapazitäten nicht zu einer wahrgenommenen Verbesserung des Zugangs“ geführt habe (Dilling & Engel, 2025). Jedenfalls konsultieren laut einer Umfrage des Beratungsunternehmens Deloitte, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet (Haserück, 2026), bereits heute rund 47 Prozent der Deutschen KI-Chatbots, wenn es um Gesundheitsfragen geht, rund ein Drittel von ihnen sogar regelmäßig. Laut einer Studie von Lukas (2024) besprechen bereits rund 27 Prozent der Deutschen ihre Sorgen mit KI-Chatbots.
Angenommen, die Hälfte der Erwachsenen, die in Deutschland pro Jahr eine neue psychische Erkrankung erleiden, also rund 2,8 Millionen (Deutsche PsychotherapeutenVereinigung, 2021; Statista, 2026b), erhielte eine virtuelle Therapie, und angenommen, nur ein Drittel von ihnen wären wirklich neue Patient*innen und zwei Drittel von ihnen wären mit der virtuellen Behandlung zufrieden, was wohl eine Unterschätzung ist, siehe die Studie von Spies und Kolleg*innen (Spies et al., 2024) – dann hätten in diesem Szenario nach 32 Jahren bereits an die zwanzig Millionen Menschen eine solche Therapie zufrieden durchlaufen. Selbst unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung und Sterblichkeit wäre das dann etwa ein Viertel der Bevölkerung (Statista, 2026a; Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, 2026).
Die Erfahrungen mit stets verfügbaren, empathisch wirkenden Maschinen, wenn sie sogar im seriösen Bereich der wissenschaftlich fundierten Psychotherapie angeboten werden, könnten den Wunsch wecken, auch über den Zeitraum einer virtuellen Intervention hinaus eine solche Zuwendung zu genießen, und zwar in einer zukünftigen Gesellschaft, in der die Erfüllung dieses Wunsches nur einen Swipe entfernt wäre, falls diese „Nebenwirkung“ nicht als so kritisch angesehen würde, dass die entsprechenden Apps unter § 48 des Arzneimittelgesetzes fallen würden. Von einer solch kritischen Einordnung ist jedoch nicht auszugehen, wenn man bedenkt, wie leicht verfügbar Alkohol und Tabak in Deutschland seit jeher blieben, obwohl sie zusammen schätzungsweise an über 100.000 Todesfällen pro Jahr beteiligt sind (Nationales Krebspräventionszentrum, 2025; Bundesministerium für Gesundheit, 2025).
Schon heute wird eine Vielzahl von KI-Gefährt*innen angeboten, die explizit für freundschaftliche und romantische Beziehungen beworben werden, wie z. B. „Kindroid“ (Kindroid, 2026) oder „Replika“ (Replika, 2026), in die sich bereits nicht wenige Menschen verliebt haben (Parasoziale Beziehungen). In Japan haben einige von ihnen ihre virtuellen Partner*innen sogar geheiratet und es werden immer mehr (Taşci-Steinebach, 2025). In diesen Beziehungen kommt es nicht darauf an, geliebt zu werden, sondern nur darauf, sich geliebt zu fühlen. Dass wir uns in leblose Objekte verlieben können, ist keine Erkenntnis der Moderne. Schon die griechische Mythologie erzählt uns von Pygmalion, der sich in eine von ihm aus Elfenbein geschnitzte Statue verliebt, eine Anspielung auf den damals auf Zypern verbreiteten Aphroditekult (Wikipedia, 2026). Wenn heute immer öfter zu hören ist „aber ChatGPT hat gesagt, dass …“, könnte man sich fragen, ob gerade ein neuer Kult entsteht.
Und auch hier: Je befriedigender solche Interaktionen wären, je einfühlsamer, geduldiger, wertungsfreier, verfügbarer und zuvorkommender unser maschinelles Gegenüber wäre, desto mehr würden wir vielleicht dazu neigen, es zu nutzen, besonders, wenn es in diesen Eigenschaften menschliche Bezugspersonen übertreffen sollte. In diesem Zusammenhang ist immer die Rede von Einzelfällen. Aber hier geht es nicht nur um vulnerable Individuen und eine mögliche „Abhängigkeit“, sondern auch um schlichte Präferenz. Warte ich einige Stunden, um mit meinem Freund, der gerade keine Zeit hat, über mein dringendes Anliegen zu sprechen, und übe mich in Bedürfnisaufschub und Frustrationstoleranz – oder wende ich mich meinem stets verfügbaren, einfühlsamen Chatbot zu? Und was wäre, wenn ich nach dem Gespräch mit meinem Chatbot kein Bedürfnis mehr hätte, mit meinem Freund über dieses Anliegen zu sprechen? In diesem Szenario würden Beziehungen zunehmend als (monetarisierte) Dienstleistungen wahrgenommen und wir wären Beziehungskonsument*innen, vom Austauschenden zum einseitig Verbrauchenden regrediert, der weder Geduld noch Selbstregulation entfalten muss. Ständige Verfügbarkeit kann auch von Nachteil sein, je nachdem, wie weit die Inanspruchnahme dieser Verfügbarkeit geht.
Aber bliebe nicht ein Rest kritischer Distanz gegenüber den Maschinen? Auf Basis des sogenannten Funktionalismus in der Philosophie des Geistes (Beckermann, 2011) keimt seit Jahren die Vorstellung auf, Maschinen einer bestimmten Komplexitätsstufe seien empfindungsfähig (Transhumanismus; Dreher, 2023). Dieser Glaube wird zwar durch keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt und trägt deshalb Züge eines Aberglaubens, aber die Entwicklung unserer Gesellschaft, so auch die Forschung, zeigt uns, dass Emotionen oft wirksamer sind als Faktenkenntnis (Baum & Abdel Rahman, 2021). Auch hier entwarnen manche, derlei betreffe nur ganz wenige Personen. Aber wer hätte beim Start der ersten Fernsehsendungen gedacht, dass rund 90 Jahre später jeder Mensch ab 14 Jahren in Deutschland täglich im Schnitt rund sechs Stunden Medien konsumieren wird, die Hälfte davon Bewegtbilder, wo und wann immer sie*er will, und manche Menschen sogar süchtig danach werden (Statista, 2026c)?
Wenn wir immer weniger Beziehungen zu Menschen pflegen und uns stattdessen scheinbar einfühlsamen Maschinen zuwenden, erschaffen wir eine Welt, in der wir uns mit realer Hilfe versorgen, aber mit Illusionen umgeben. Ist das egal, solange uns die Maschinen glücklich machen? Geht es uns primär um Performanz und weniger um echte emotionale Nähe? Wäre es akzeptabel, wenn Menschen so wie Maschinen Empathie und Wohlwollen vortäuschen würden? Wäre es ohne Bedeutung, solange sie dies freimütig offenlegen und ihre Aufgabe erfüllen würden (Primat der Nützlichkeit/Utilitarismus)? Was würde das für zwischenmenschliche Beziehungen bedeuten? Was hält uns Menschen dann noch zusammen? Wie beeinflusst es unseren Bezug zur Realität? Gilt dann nur noch die individuelle mentale Erfahrung, der subjektive Eindruck, und nicht das, was der Fall ist? Wäre es dann auch akzeptabel, wenn wir diesen Eindruck mit Medikamenten herstellen könnten, z. B. auf Oxytocin-Basis, dank der wir uns stets verbunden und sicher fühlen könnten? Und was bedeutet all das für den Sinn in unserem Leben?
Fazit
Der Einsatz maschineller Hilfe wirft letztlich eine ganze Reihe existenzieller Fragen auf, allein dadurch, dass sie zugleich hilft und doch auf einer Illusion beruht, die uns alle voneinander und vielleicht sogar von dem, was wir Realität nennen, entfremden könnte. Diese Begleiterscheinung ist keine Unzulänglichkeit, im Gegenteil. Mit zunehmender technischer Perfektion würde sie nur noch ausgeprägter. Sie weist auf ein viel grundsätzlicheres Problem hin, das jedoch bisher keine DiGA in ihrem Nebenwirkungskatalog aufführt, nicht einmal die Anleitung zu Priovi. Wenn wir also schon aus Gründen der Versorgung nicht auf KI-DiGA verzichten können und davon auszugehen ist, dass Partner*innen-KI zumindest für Erwachsene frei verfügbar bleiben werden, sollten wir uns vielleicht fragen: Bedarf es einer Vorbeugung gegenüber dieser „Nebenwirkung“? Diese Fragen führen über den psychotherapeutischen Bereich hinaus und werden voraussichtlich schon für die Generation Y akut, sowohl als therapeutisch Tätige als auch im Privatleben. Ich möchte diese Fragen zur Debatte stellen und damit für eine besondere Begleiterscheinung dieser Technik sensibilisieren.
Seit Oktober 2020 können sogenannte Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) von Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen verschrieben und von der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet werden. Um als Kassenleistung dauerhaft anerkannt zu werden, müssen DiGA ein umfassendes Prüfungsverfahren beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) durchlaufen. Das BfArM prüft Sicherheit, Datenschutz, Qualität und Wirksamkeit. Wird die App erfolgreich bewertet, wird sie in das DiGA-Verzeichnis aufgenommen. Neue Apps können auch vorläufig als DiGA aufgenommen werden – die Hersteller müssen dann lediglich nachweisen, dass sie Daten erheben, mit denen sie einen ggf. vorhandenen Nutzen für die Versorgung feststellen könn(t)en. Die Erprobungsphase kann 12, maximal sogar 24 Monate dauern. Erst bei einer endgültigen Aufnahme in das DiGA-Verzeichnis muss ein positiver Versorgungseffekt nachgewiesen werden. Kritisch diskutiert wird dieses Prozedere deshalb u. a. derzeit vom GKV-Spitzenverband. Denn die gesetzlichen Krankenkassen müssen die Kosten auch für diese vorläufigen DiGA übernehmen, für die der Nutzennachweis noch aussteht – zumal zu einem Preis, der (für den Zeitraum dieser Phase) von den Herstellern selbst festgelegt werden darf und daher oft nicht im Verhältnis zum (ggf. noch gar nicht belegten) Nutzen steht. Derzeit werden verschiedene Vorschläge zur Verbesserung des Zulassungs- und Preisfindungsverfahrens diskutiert.