Leserbriefe und Repliken
Liebe Leser*innen,
die Redaktion begrüßt es sehr, wenn Sie sich in Leserbriefen und Diskussionsbeiträgen zu den Themen der Zeitschrift äußern – ganz herzlichen Dank! Gleichzeitig müssen wir darauf hinweisen, dass wir uns vorbehalten, eine Auswahl zu treffen oder gegebenenfalls Zuschriften auch zu kürzen.
Damit Ihr Leserbrief noch in der kommenden Ausgabe gedruckt werden kann, sollte er bis zum 6. Oktober 2026 bei der Redaktion (redaktion@psychotherapeutenjournal.de) eingehen.
Als Leser*innen beachten Sie bitte, dass die Diskussionsbeiträge die Meinung der Absender*innen und nicht die der Redaktion wiedergeben.
Kein Ausdruck von Sinnentleerung, sondern postmodernes Zeitgeist-Phänomen
Zu T. Hauffe: Jenseits des Unbehagens: Eine psychoanalytische Kritik und kulturspezifische Erweiterung von Freuds Kulturtheorie. Psychotherapeutenjournal 2/2026, S. 136–145.
Der Autor legt einen langen und daher kaum in Kürze befriedigend zu kommentierenden Beitrag vor, in dem er sich im Wesentlichen mit der gesellschaftlich bedingten Erosion symbolischer Vermittlungsräume auseinandersetzt. Indem er die Aspekte Affekt und Symbolisierung in den Mittelpunkt stellt, gibt er die Bedeutung unbewusster Konflikte als zentrale Elemente psychoanalytischer Theorie auf.
Seine These, „die gegenwärtige Gesellschaft leidet nicht an einem repressiven Übermaß, sondern an einem symbolischen Mangel“, wirft die Frage auf, wie er ohne die Analyse gründlich reflektierter Gespräche mit Patienten zu dieser sehr weit gegriffenen Feststellung gekommen ist. Dem Praktiker zeigt sich ein anderes Bild. Seien es die Ablehnung durch die Eltern oder der soziale Anpassungsdruck, in beiden Fällen wird ein Teil des Selbst abgelehnt, verdrängt oder verleugnet. Solche (Affekt-)Blockierungen gewisser Wahrnehmungsbereiche führen auch immer zu einer Gespaltenheit der inneren und äußeren Wirklichkeit. Damit liegt ein – meist unbewusster – Konflikt vor. Da Psychoanalyse eine Ausbildung in Selbstbeobachtung sein soll und der bleibende Gewinn in der Fortsetzung der analytischen Arbeit durch den Patienten selbst besteht, sind all die Maßnahmen, die das beobachtende Ich verstärken, von besonderer Hilfe und Bedeutung. Es lässt sich jedoch beobachten und als Widerstand gegen Psychotherapie erkennen, dass die Wahrnehmung und damit auch das Bewusstsein gesellschaftlicher Gruppierungen für innerpsychische Konflikte eingetrübt ist. Natürlich sind von solchen Eintrübungen nicht nur unsere Patienten, sondern auch Psychotherapeuten und Wissenschaftler betroffen. Man könnte von einer gemeinsamen Charakter-Orientierung sprechen. E. Fromm nannte das den Gesellschafts-Charakter. Dieser Gesellschafts-Charakter hat im postindustriellen Zeitalter verschiedene Varianten durchlaufen. Die in der postmodernen Gesellschaft vorherrschende Charakter-Orientierung ist geprägt durch ein begrenztes und ambivalentes Wirklichkeit- und Ich-Erleben, das mit Hilfe von „gemachten“ Kompetenzen kompensiert wird. Die zugrunde liegende Psychodynamik – und hier widerspreche ich dem Autor – ist nicht als Symbolentleerung zu verstehen, sondern als Ausdruck eines „Zeitgeist-Phänomens“, wonach jeder das Recht hat, seine Art zu leben frei und selbstbestimmt zu wählen und seine Wirklichkeit selbst konstruiert. Diese Ansprüche lassen sich als Abwehr unbewusster Befindlichkeiten, etwa des Gefühls der Abhängigkeit oder der Begrenztheit, verstehen. Während der Autor von einer „Affektkrise“ spricht, sehe ich in der verstärkten Suggestibilität des Menschen und einer Ich-Regression, die sich in einer kindlichen Gläubigkeit und Offenheit für alles zeigt, was neue Orientierung verspricht, den Ausdruck einer verinnerlichten gesellschaftlichen Instanz – das nennen wir Über-Ich. So ist der Mensch im Grunde immer noch das, was S. Freud einen „Prothesengott“ nannte. Stand bei Freud der Antagonismus zwischen den Triebforderungen und den von der Zivilisation auferlegten Einschränkungen im Vordergrund, sind in der postmodernen Gesellschaft an die Stelle traditioneller Bindungen und Sozialformen sekundäre Instanzen und Institutionen getreten und damit die Auslieferung des individualisierten Menschen an eine Außensteuerung. Dies ist der klassische Konflikt zwischen existentiellen und künstlichen Bedürfnissen.
Der Autor hat sich mit dem Thema auf einem hohen Abstraktionsniveau gewidmet, empfehlenswert wäre die Fortführung des Diskurses anhand praxisnaher Beobachtungen.
Dr. phil. Hans Adolf Hildebrandt, M.A.
Heidelberg
Das Problem ist nicht Sinnlosigkeit, sondern Sinnüberschuss
Zu T. Hauffe: Jenseits des Unbehagens: Eine psychoanalytische Kritik und kulturspezifische Erweiterung von Freuds Kulturtheorie. Psychotherapeutenjournal 2/2026, S. 136–145.
Hier schickt sich jemand an, eine neue Gesellschaftstheorie zu entwickeln und Freud zu widerlegen oder weiterzuführen – wie immer man diesen Text verstehen mag. Das ist löblich, vor allem angesichts der Klagen eines geringen gesellschaftspolitischen Engagements der Gen Z – aber man kann sich dabei natürlich auch tüchtig verheben. Wenn ich diesen leider unnötig kompliziert gehaltenen Essay richtig verstanden habe, entsteht Unbehagen in der Gegenwart nicht in erster Linie dadurch, dass wir unsere Triebe unterdrücken (wie Freud meinte), sondern dadurch, dass uns gemeinsame Symbole, Bedeutungen und kulturelle Orientierung fehlen. Das ist eigentlich die Kernthese des Autors. Er führt dann weiter aus: Früher halfen Kultur, Religion, Rituale, Kunst oder gemeinsame Werte dabei, Gefühle zu ordnen. Heute zerfallen diese symbolischen Ordnungen, Affekte zirkulieren, finden aber kaum noch gesellschaftlich geteilte Formen der Deutung aufgrund eines Mangels an Symbolisierung, die ja für Freud einen der Bausteine von Kultur darstellte. Es wäre nun verständlicher geworden, wenn der Autor ein konkretes Phänomen benannt hätte, wie er die herumwabernden Affekte zu binden gedenkt, im Individuellen wie im Kollektiven. Leider verzichtet er darauf, sodass der Leser auf einen philosophischen Essay zurückgeworfen wird, der vorgibt, eine neue Gesellschaftstheorie zu entwickeln.
Wenn jemand „fehlende symbolische Ordnung“ diagnostiziert, stellt sich nämlich sofort die Frage: Welche Ordnung denn? Denn auch Nationalismus, religiöser Fundamentalismus, totalitäre Ideologien und Sekten stiften Symbolik, Zugehörigkeit und Sinn. Symbolisierung an sich ist noch kein Wert. Man muss begründen, warum die eine Form der Symbolisierung lebensförderlich und die andere zerstörerisch ist. Und wer soll sich um die Sinngebung kümmern? Lehrer? Kultusminister? Politiker? Kindergärtnerinnen? Dazu müssten diese objektiv sein und ein für alle gültiges Wertsystem repräsentieren und vertreten – vielleicht im Sinne des Kant’schen Imperativs – und wer soll in welchen Foren diese Affekte in einen Bedeutungszusammenhang überführen (im Fernsehen?), wie nimmt man andere mit und wer richtet sich danach?
Bekanntlich hat ja die Menschheit mehr Spaß daran, Affekte zu entfachen, fröhlich zirkulieren zu lassen, andere damit anzustecken und danach die nächste Sau zu suchen, die man durchs Dorf treiben kann, als nach Bedeutungen und Symbolisierungen zu fahnden und entsprechend zu ordnen. Zudem habe ich nicht den Eindruck, dass die Welt an einem Mangel an Bedeutungsgebung krankt, sondern dass sich bei jedem Ereignis unangenehm schnell Sinn und Bedeutung einstellen: Jemand erfindet einen nützlichen Impfstoff und schon erblühen die Bedeutungen, an die nicht selten phantastische Systeme oder sogar Wahnsymptome geknüpft werden.[…]
Das Problem ist also nicht Sinnlosigkeit, sondern eher eine Art Sinnüberschuss. Nicht der Mangel an Symbolisierung ist das Problem, sondern die Erosion bzw. das Fehlen gemeinsam überprüfbarer Symbolisierungen. Früher stritten die Menschen auch über Bedeutungen, aber sie bezogen sich stärker auf gemeinsame Institutionen oder Autoritäten. Heute kann sich jeder seine eigene symbolische oder virtuelle Welt bauen und verbreiten. Warum entstehen so viele konkurrierende Symbolisierungen und Bedeutungsbildungen? […] [Dies] sind keine sinnentleerten Phänomene, sie sind Sinnmaschinen. […]
Herr Hauffe wünscht Symbolisierung; ich wünsche dieser Gesellschaft eher die Fähigkeit, Kriterien zu entwickeln, um zwischen humanen, tragfähigen und nicht tragfähigen, inhumanen Bedeutungen zu unterscheiden. Ich glaube übrigens, das ist etwas, das man mit den Jahren lernt. Junge Wissenschaftler suchen oft nach DER Erklärung. Erfahrene Therapeuten wissen, dass fast jede gute Theorie irgendwann an einen Patienten oder ein gesellschaftliches Phänomen gerät, das sagt: „So einfach ist es leider nicht.“
Oder man liest ein bedeutendes Buch, z. B. „Das Kapital“, und stellt fest, dass Marx eine Menge von Mathematik, aber null von Menschen verstand – ein gut durchdachtes System, das leider auf dem Boden der Tatsachen zusammenkrachte. Wie die meisten Gesellschaftstheorien … Und dann beginnt die eigentliche Denkarbeit.
Ursula Mayr
Übersee
Eine inspirierende Analyse zum gegenwärtigen „Affekt-SPAM“
Zu T. Hauffe: Jenseits des Unbehagens: Eine psychoanalytische Kritik und kulturspezifische Erweiterung von Freuds Kulturtheorie. Psychotherapeutenjournal 2/2026, S. 136–145.
Was für ein inspirierender Essay, wunderbar assoziativ-intuitiv geschrieben! Zumindest auf den medialen Raum bezogen eine brillante Analyse: Wir können hier von „Affekt-SPAM“ sprechen, der wie Heuschreckenschwärme öffentliche Räume überfällt und diese (zeitweise) unbewohnbar macht. Aus jungianischer Sicht wäre hier von einer Dominanz der „Fühlfunktion“ zu sprechen, deren Gegenspieler, die reflektierende, einordnende und relativierende „Denkfunktion“, dem (öffentlichen) Bewusstsein nicht (mehr) zur Verfügung steht. Die Reflexion wäre also der nächste Schritt zur notwendigen Affektintegration, noch vor der Symbolisierung und Wandlung. Diese hermeneutische Einbettung des Affektiven in zeitliche und sinnhafte Verstehenszusammenhänge ist eine zentrale Aufgabe von uns Psychotherapeut*innen – von daher großen Dank an den Autor für seine Anregungen! Und für diese Formulierung: „Ambivalenz als Grundbedingung des Menschlichen" (die durch „Like“-/„Dislike“-Buttons eben gerade nicht abbildbar ist).
Prof. Dr. Tewes Wischmann
Heidelberg
Replik: Eine gemeinsame symbolische Ordnung wäre nicht eine des gleichgeschalteten Denkens, sondern eine des über Unterschiede hinweg geteilten Wirklichkeitsbezugs
Eine Antwort von Tom Hauffe auf die Zuschriften zu seinem Beitrag.
Auf meinen Beitrag „Jenseits des Unbehagens. Eine psychoanalytische Kritik und kulturspezifische Erweiterung von Freuds Kulturtheorie“ habe ich eine Vielzahl positiver, bestärkender und teilweise ausführlicher Rückmeldungen erhalten. Für diese intensive und ausgesprochen wertschätzende Auseinandersetzung möchte ich mich ausdrücklich bedanken. Da sich in den wenigen kritischen Einwänden jedoch bestimmte Missverständnisse und Argumentationsmuster wiederholen, soll ihnen an dieser Stelle geschlossen geantwortet werden. Die folgende Replik richtet sich deshalb nicht gegen einzelne Personen, sondern dient der Klärung der theoretischen Fragen, die durch die Diskussion sichtbar geworden sind. Eine Randbemerkung lässt sich dabei leider nicht vermeiden. Wo mein Alter, mein gegenwärtiger Qualifikationsstatus oder eine vermeintlich fehlende praktische Erfahrung gegen die Argumentation des Beitrags angeführt werden, wird keine These geprüft. Die Auseinandersetzung wird vielmehr von der Sache auf die Person und damit in eine Hierarchie der Sprechberechtigung verschoben. Ein akademischer Grad bezeichnet einen institutionellen Ausbildungsstand, nicht den Wahrheitswert einer Aussage. Alter und Berufserfahrung können Perspektiven prägen, aber weder ein Argument begründen noch widerlegen. Wer die Person des Autors an die Stelle der Prüfung seiner Begriffe und Herleitungen setzt, verteidigt keinen wissenschaftlichen Standard, sondern ersetzt methodische Kritik durch soziale Autorität.
Diese Unterscheidung führt uns zugleich zu der ersten kritischen Auseinandersetzung: Was kann unter einer gemeinsamen symbolischen Ordnung verstanden werden, und wer sollte sie bestimmen?
Dabei bezeichnet eine gemeinsame symbolische Ordnung keinen festgelegten Sinnbestand. Sie bezeichnet ein Mindestmaß gemeinsam zugänglicher Formen, durch die sich aufeinander bezogen und bestritten werden kann. Gemeinsam sein müssen nicht die Überzeugungen, sondern die Bedingungen ihrer Vermittelbarkeit. Die Frage, wer festlegen soll, welche Symboliken gültig, human oder gesellschaftlich tragfähig sind, darf nicht mit der Benennung einer privilegierten Instanz beantwortet werden. Weder eine Regierung noch eine kulturelle Mehrheit, eine therapeutische Schule oder eine wissenschaftliche Disziplin besitzt das Recht, einer pluralen Gesellschaft ihren Sinn vorzuschreiben. Wo eine Autorität verbindlich bestimmt, welche Bedeutungen gelten sollen, entsteht keine gemeinsame symbolische Ordnung, sondern eine autoritäre Sinnordnung. Allgemeingültige Symboliken können in einer pluralen Gesellschaft niemals inhaltlich garantiert, sondern nur prozedural angenähert werden. Eine gemeinsame Ordnung ist keine Ordnung gemeinsamer Antworten, sondern eine Ordnung, in der Antworten gemeinsam verhandelt werden können.
Damit ist zugleich ein weiteres Missverständnis berührt. Symbolischer Mangel bedeutet nicht, dass gegenwärtige Gesellschaften zu wenig Sinn produzieren. Das Gegenteil ist offensichtlich: Nationalismus, religiöser Fundamentalismus, totalitäre Ideologien und sektenförmige Gemeinschaften können in hohem Maße Symbolik, Zugehörigkeit und Sinn stiften. Gerade darin liegt ihre affektive Wirksamkeit. Doch können Bedeutungen Angst, Kränkung oder Ohnmacht auch unmittelbar binden und gegen Reflexion abschließen. Das ausgelöste Unbehagen fixiert sich an vermeintlich eindeutigen Ursachen, Gegnern und Erlösungsversprechen und entzieht sich jeder ambivalenzfähigen und überprüfbaren Form. Der Konflikt wird nicht bearbeitet, sondern durch Gewissheit entlastet. Ein quantitativer Sinnüberschuss und ein qualitativer Symbolisierungsmangel widersprechen einander nicht, sie bedingen einander viel eher, wie die Kehrseite derselben Medaille: Je weniger tragfähige Vermittlungsformen zur Verfügung stehen, desto größer wird das Bedürfnis nach geschlossenen und affektiv eindeutigen Sinnsystemen. Der symbolische Mangel meint folglich nicht die Abwesenheit von Zeichen oder Erzählungen, sondern reflexiver und ambivalenzfähiger Vermittlungsformen. Eine affektsensible Kultur wäre folglich nicht harmonisch, sondern konflikthaft, aber konfliktfähig und an die wechselseitige Begründbarkeit ihrer Geltungsansprüche gebunden.
Ebenso wenig überzeugt es, Familie, individuelle Konflikte oder klinische Erfahrung gegen eine gesellschaftstheoretische Analyse auszuspielen. Familie befindet sich nicht außerhalb der Gesellschaft. Sie ist eine ihrer zentralen Vermittlungsinstanzen. Vorstellungen von Leistung, Geschlecht, Normalität, Autonomie, Abhängigkeit und Anerkennung werden gerade durch sie hindurch wirksam. Eva Illouz hat wiederholt gezeigt, wie tief ökonomische und therapeutische Logiken in intime Beziehungen und das Gefühlsleben eingreifen. Michael-Sebastian Honigs Werk der „Verhäuslichten Gewalt“ (Honig, 1992) macht bereits sprachlich sichtbar, dass auch das vermeintlich Private ein gesellschaftlich organisierter Gewaltraum ist. Der Hinweis auf „die Familie“ erklärt deshalb für sich genommen nahezu nichts. Er benennt zunächst nur den Ort, an dem ein Konflikt erscheint. Er erklärt weder, welche Normen dort vermittelt werden, noch, weshalb eine bestimmte Äußerung als Kränkung, Forderung, Zurückweisung oder Fürsorge erlebt wird. Selbst eine scheinbar eindeutige Bemerkung wie „Chill mal“ besitzt keinen psychologisch feststehenden Sinn. Sie kann eine abwertende Glättung des Affekts, eine Aufforderung zur Selbstregulation, eine aggressive Zurückweisung oder den Ausdruck eigener Überforderung und Erschöpfung darstellen. Die konkrete Szene ist zwar unverzichtbar, sie spricht aber niemals vollständig für sich selbst.
Dasselbe gilt für die klinische Praxis. Praxis ist eine unverzichtbare Quelle von Beobachtungen, aber kein epistemischer Freibrief. Sie ist stets an bestimmte Patientengruppen, Behandlungssettings, theoretische Schulen und Deutungsgewohnheiten gebunden. Klinische Erfahrung kann eine Gesellschaftstheorie präzisieren, korrigieren und begrenzen. Sie widerlegt sie jedoch nicht allein dadurch, dass sie aus der „Praxis“ stammt. Umgekehrt darf eine allgemeine Theorie die Singularität individueller Erfahrung nicht unter ein vorgefertigtes Schema zwingen. Erkenntnis entsteht aus der wechselseitigen Korrektur beider Ebenen, nicht aus dem Vorrang einer von ihnen.
Nur zur sachlichen Klarstellung sei erwähnt, dass ich auf einer geschlossenen, akutgeschützten psychiatrischen Station gearbeitet habe und gegenwärtig in der forensischen Psychiatrie tätig bin.
Diese Erfahrungen gehören zum Hintergrund meines Denkens, begründen jedoch keinen privilegierten Wahrheitszugang. Sie machen meine Argumentation so wenig wahr, wie ihr vermeintliches Fehlen sie falsch gemacht hätte.
Die aufgeführten Einwände berühren ein grundlegendes, methodologisches Problem, das Wolfgang Detel als die notwendige Selbstaufklärung der Psychoanalyse markiert hat (Detel, 2011; 2017). Die Psychoanalyse beansprucht, unbewusste Voraussetzungen, Abwehrbewegungen und Selbsttäuschungen sichtbar zu machen. Sie darf von diesem Anspruch jedoch ihre eigenen Begriffe, Institutionen und Sprecherordnungen nicht ausnehmen. Es tritt jene methodologische Verschiebung zutage, die der Selbstgewissheit der Psychoanalyse entgegenzustellen ist: Verstehen genügt nicht, solange nicht mitverstanden wird, wie Verstehen selbst entsteht.
Eine gemeinsame symbolische Ordnung wäre nicht jene, in der alle dasselbe denken. Sie wäre jene, in der Unterschiede noch ausgedrückt, ausgehalten und kritisiert werden können, ohne dass die gemeinsame Wirklichkeit bereits an der Verschiedenheit ihrer Deutungen zerbricht.
Tom Hauffe
Berlin
Wir können nicht mehr weiterhin schweigen
Zu K. Färber: Jüdische Wurzeln in der Psychotherapie. Psychotherapeutenjournal 1/2026, S. 25–32.
Ich möchte zunächst Herrn Dr. Färber für seinen ausgezeichneten Artikel danken. Der Text ist hochdifferenziert und gleichzeitig leicht zu lesen. Hier möchte ich auf die Nachbemerkung von Dr. Färber eingehen. Diese hat mich als Tochter einer Holocaust-Überlebenden und 1968 aus der Tschechoslowakei nach Deutschland Geflüchteten besonders beeindruckt. Dr. Färber fragt danach, wie es um die Erinnerungskultur unseres Berufsstandes bestellt ist, und spricht den Mut der „jüdischen Eltern der Psychotherapie“ an.
Am 23.4.2026 hielt die israelische Psychoanalytikerin Prof. Merav Roth einen beeindruckenden, von der DGPT organisierten Online-Vortrag über „Psychoanalytic Work in the Wake of Collective Trauma“, in dem sie über die Behandlung der akut Traumatisierten des Massakers der Hamas sowie der Geiseln und ihrer Familien berichtete. Sie sprach die tradierte Zurückhaltung der psychoanalytischen Community an und sagte dazu: „We don’t do this anymore in Israel“. Dann berichtete sie, dass die Psychoanalytiker dort in die Öffentlichkeit gehen, Artikel in Zeitungen veröffentlichen u. Ä. mehr. Vielleicht könnten wir uns an unseren israelischen Kollegen ein Beispiel nehmen und uns aus der Komfortzone unserer Behandlungszimmer hinausbewegen. So wie es auch Dr. Färber getan hat. Gerade in den heutigen so bedrohlichen Zeiten tragen wir alle eine besondere Verantwortung und können uns nicht mehr leisten, weiter zu schweigen.
Beata Hammerich
Köln
Tradierungen und Übertragungen des (Quasi-)Religiösen
Zu K. Färber: Jüdische Wurzeln in der Psychotherapie. Psychotherapeutenjournal 1/2026, S. 25–32.
Zunächst Dank an die Verfasser der Leserbriefe zum Artikel von K. Färber im PTJ 1/2026 und Kollegen W. Dinkelbach, H. Jordan und M. Voigt sowie Dank an die Redaktion für den Abdruck der Briefe. Aus meiner Sicht heute folgende, sicher nicht umfassende, sondern eher punktuelle Ergänzungen:
S. Freud setzte sich, sicher aufgrund seiner eigenen Sozialisation, besonders mit den Folgen und der Problematik der Über-Ich-Entwicklung auseinander, er war ein säkularer Jude, der sich kritisch mit dem Judentum auseinandersetzte, was nicht zuletzt sein Buch „Der Mann Moses“ zeigt. Allerdings wird ihm dies heute als Antisemitismus ausgelegt.
Nicht nur die Essener, sondern auch andere religiöse und kulturelle Gemeinschaften haben sich in Heilverfahren versucht, man schaue nur nach den vielen Varianten auf der Welt, von den steinzeitlichen Heilschlafhöhlen auf Malta über den Schamanismus auf der Welt bis hin zum Gesundbeten im Christentum, im Islam und der Nutzung von Amuletten auf der Welt – um nur diese Beispiele zu nennen.
Die Kontroverse Freud vs. Adler in der Mittwochsgesellschaft war wohl das erste Schisma in der psychoanalytischen Community, auf welches noch viele Auseinandersetzungen bis hin zu Spaltungen folgten.
Hinsichtlich der Tradierung des Quasireligiösen in den analytischen Gesellschaften und Instituten scheint mir der Hinweis auf die fast ordensähnliche Formierung und Abschottung in den Instituten und Fachgesellschaften wichtig zu sein.
Orientieren sich die auf den Behaviorismus gründenden Therapieformen an wissenschaftlichen Standards, so scheinen mir in der analytischen Community der subjektivistische Eklektizismus und die Selbstüberhöhung zu dominieren, wissenschaftliche Bezüge, abgesehen von der Hermeneutik, fehlen, die Neurowissenschaften und Medizin spielen allenfalls eine randständige Rolle. […]
Dipl.-Psych. Dipl.-Päd. Roland Schultze
Tönisvorst
Für ein gemeinsames Nachdenken ohne Tabu
Zu H. Borcherding et al.: Bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung für trans und nicht-binäre Menschen: Herausforderungen und Chancen. Psychotherapeutenjournal 1/2026, S. 5–14.
Ich bin Therapeutin & Coach von TNB (Trans/Non-Binären), habe als Gutachterin eine Mastektomie befürwortet, war Supervisorin eines queeren Teams (psychosoziale Begleitung für LGBTIQ+), bin also eine Kollegin, die das Feld kennt, und war auch queere „Ally“ (solidarisch Verbündete).
Dann kamen Irritationen und Fragen in mir auf: Verfestigen manche Trans-Personen nicht klassische, z. T. klischeehafte Rollenbilder? Ist es ein Tabu, zu finden, dass TNB-Themen zuweilen zu viel Raum in der queeren Szene einnehmen? Will und kann ich als Supervisorin die korrekten Pronomen von Team-Mitgliedern und ihr „geschlechtliches Gelesen-Werden-Wollen“ erinnern? Ist es richtig, junge Menschen zu unterstützen, so früh eine so weitreichende Entscheidung über ihren Körper zu treffen?
Nein, ich bin nicht rechts und auch keine TERF (trans exclusionary radical feminist). Ich bin Vielen aus der TNB-Szene beruflich und persönlich verbunden. Aber ich möchte gerne hinterfragen dürfen, was hier passiert.
Einige Anregungen für ein gemeinsames Nachdenken:
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Haben Sie in Ihrer Pubertät „Geschlechtsdysphorie“ erlebt? Fänden Sie [es] vorstellbar, dass Sie sich heute als trans/non-binär verortet hätten, wenn Sie jung, verunsichert, evtl. queer, womöglich psychisch belastet wären?
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Wenn Geschlechtsinkongruenz zu Behandlungen und ggf. „angleichenden“ OPs berechtigen soll, ohne eine Diagnose nach ICD-11 zu sein, wie kann dann Menschen, die eine andere „Inkongruenz“ empfinden, selbiges verwehrt werden (Schönheits-OPs, Körperschemastörungen)?
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Mit dem Selbstbestimmungsgesetz kann man den Geschlechtseintrag beim Standesamt ändern, gibt es dann einen Missbrauch (wie bei Sven „Marla-Svenja“ Liebig postuliert) oder gibt es in solchen Fällen ein Verletzen unseres Moralverständnisses, aber faktisch eher einen Gebrauch geltenden Rechts?
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Sollten wir Frauenrechte und Frauenräume nicht voll erkämpfen, statt uns abzuschaffen, da es Frauen im biologischen Sinn nicht mehr geben soll und sich gleichzeitig jede*r als solche bezeichnen kann?
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Wäre [es] gut, wenn sich Lesben und Schwule nach Erreichen ihres Zieles der Akzeptanz erstmal Danke sagend zurückzögen und nicht zur LGBTIQ+-Bewegung würden, um die Allgemein-Bevölkerung nicht zu überfordern?
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Könnten die „Progressiven“ die Mitte der Gesellschaft wieder für sich gewinnen, indem wir das Selbstbestimmungsgesetz fachgerecht überarbeiten?
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Könnte es sein, dass Kolleg*innen die Behandlung von TNB-Personen nicht aufgrund mangelnder Expertise ablehnen – sondern weil sie ein Minenfeld fürchten von Hyper-Fokussierung, absurden Behandlungsaufträgen (Trauma als Begleit-Diagnose, keinesfalls aber als Ursache, s. S. 11 ohne Beleg), von Zwang zur „Affirmation“, dem Generalverdacht des „Gatekeeping“, „Misgenderns“ und der „Mikroaggressionen“, bis hin zur Gefahr, angezeigt zu werden?
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Schließlich: Was, wenn wir alle (!) in der guten Absicht, nicht diskriminierend sein zu wollen, dem Sog einer Mode unterlägen und es übertrieben hätten mit Selbstbestimmung und dem Diktat, wie man einander zu „lesen“ hätte?
Liebe Kolleg*innen, wir haben als Therapeut*innen eine große Verantwortung und müssen damit „machtsensibel“ umgehen, unsere Verortung stets kritisch hinterfragen, unbedingt. Meiner Ansicht nach können und dürfen wir aber Klient*innen nicht komplett in ihrem Selbstverständnis folgen, denn wir haben einen Schutzauftrag, sollen hinterfragen und zurechtrücken, zuweilen sogar schützen vor sich selbst und anderen.
Lassen Sie uns freundlich und mit Augenmaß diskutieren, gerne mit wissenschaftlichen Belegen. Lassen Sie uns nicht nur über eine angemessene Behandlung von „TNB-Menschen“ sprechen, sondern auch über unser Miteinander, unser Fachverständnis und unsere blinden Flecken – damit die radikale Rechte sich (nach Verteufeln alles „Woken“) nicht auch noch gegen uns, die Professionellen und Mitfühlenden wendet – weil wir es nicht wagten, einander zu hinterfragen.
Jeannette Heerdegen
Hamburg
Replik: Eine Einladung zum respektvollen fachlichen Dialog
Antwort von Hannah Borcherding et al. auf die Zuschrift von Jeannette Heerdegen.
Wir danken herzlich für Ihren ausführlichen Leserbrief und die intensive Auseinandersetzung mit unserem Beitrag. Dass dieser zum Nachdenken und zur Diskussion anregt, begrüßen wir sehr.
Unser Artikel verfolgt nicht den Anspruch, alle gesellschafts-, gesundheits- oder rechtspolitischen Debatten rund um Transgeschlechtlichkeit und Nicht-Binarität abschließend zu bewerten. Vielmehr wollen wir den Blick auf die psychotherapeutische Praxis richten und die spezifischen Anforderungen beleuchten, die sich für die Gestaltung einer tragfähigen therapeutischen Beziehung mit trans* und nicht-binären Patient:innen ergeben können.
Wir teilen die Auffassung, dass Psychotherapie einen Raum bieten sollte, in dem Fragen gestellt, Ambivalenzen ausgehalten und komplexe Themen reflektiert werden können. Gerade deshalb ist aus unserer Sicht eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung die maßgebliche Voraussetzung dafür, auch schwierige oder kontroverse Themen gemeinsam bearbeiten zu können. Dies gilt sowohl für die therapeutische Arbeit mit Patient:innen als auch für den fachlichen Austausch unter Kolleg:innen.
Unser Anliegen war daher insbesondere, für eine traumainformierte, patient:innenorientierte und diskriminierungssensible Beziehungsgestaltung zu werben. Diese Haltung bedeutet für uns gerade nicht, kritisches Denken aufzugeben oder therapeutische Reflexion durch unkritische Zustimmung zu ersetzen. Vielmehr soll sie einen Rahmen schaffen, in dem Selbstbestimmung, Fachverantwortung und Fürsorge sowie partizipative Entscheidungsfindung miteinander verbunden werden können. Wie wir im Artikel schreiben, kann eine „bewusste, respektvolle und trans- sowie trauma-informierte therapeutische Praxis […] helfen, einen vertrauensvollen Raum zu schaffen, der den komplexen Lebensrealitäten von TNB Personen gerecht wird und sie in ihrer individuellen Entwicklung unterstützt.“ Ebenso betonen wir, dass die Qualität der therapeutischen Beziehung einen wesentlichen Faktor der Versorgung darstellt und Transparenz, Authentizität sowie die Reflexion eigener Haltungen hierfür bedeutsam sind. Ziel unseres Beitrages ist es, Kolleg:innen einzuladen, sich mit diesen spezifischen Anforderungen auseinanderzusetzen und die therapeutische Beziehung so zu gestalten, dass auch belastende Erfahrungen, Traumatisierungen, Unsicherheiten und unterschiedliche Perspektiven offen besprochen werden können.
In diesem Sinne verstehen wir unseren Beitrag als Einladung zum fachlichen Dialog, nicht als dessen Abschluss. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Kontroversen, auf die Sie mit Ihren Fragen hinweisen, halten wir es für psychotherapeutische Begegnungen gleichermaßen bedeutsam wie für kollegiale Diskussionen, dass sie von Respekt, wissenschaftlicher Reflexion und einer tragfähigen Beziehungskultur geprägt sind.
Hannah Borcherding, Lisann Högström, Lea Pregartbauer & Dr. Timo O. Nieder
Berlin