PTJ 1-2017 - page 13

A
ls blinde Psychotherapeutin erfahre ich immer wie-
der von Menschen mit Körper- und Sinnesbehinde-
rungen, dass diese es häufig sehr schwer haben, bei
psychischen Problemen einen geeigneten Psychotherapeu-
ten zu finden. Oft fühlen sie sich mit ihren Anliegen in der
Psychotherapie unverstanden oder sie werden aufgrund
ihrer Behinderung sogar von vornherein als Patienten ab-
gelehnt. Psychotherapeuten sind oft unsicher, wie sie Men-
schen mit einer Behinderung behandeln sollen, und trauen
sich die Durchführung einer Psychotherapie mit diesen Per-
sonen manchmal auch gar nicht zu. Auch wenn Menschen
mit Behinderungen eine stationäre Behandlung in einer psy-
chiatrischen oder psychosomatischen Fachklinik aufnehmen
möchten, entstehen oft Schwierigkeiten, da argumentiert
wird, dass man den erhöhten Betreuungsaufwand nicht leis-
ten könne.
Diese Hürden, auf die Menschen mit Behinderungen immer
wieder stoßen, sind nicht erstaunlich, wenn man betrachtet,
dass das Thema Behinderung in der psychotherapeutischen
und psychiatrischen Versorgung in den vergangenen Jahr-
zehnten noch kaum Beachtung erfuhr.
Erfreulicherweise beginnt sich dies seit einigen Jahren zu
ändern. Es gibt bereits einige Arbeitsgruppen in Fachverbän-
den, einzelne Fortbildungsangebote und vermehrt Literatur
zum Thema Behinderung in der Psychotherapie. Doch noch
ist der Rückstand nicht aufgeholt. Sehr viele Psychotherapeu-
ten haben kaum Kenntnisse über das Thema Behinderung,
und die psychotherapeutische und psychiatrische Versorgung
von Menschen mit Behinderungen ist noch nicht zufrieden-
stellend. Im Mai 2015 veröffentlichte die Bundespsychothe-
rapeutenkammer (BPtK) eine Stellungnahme zum Antrag
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zur Verbesserung
der gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Behin-
Psychotherapeutische Arbeit mit Menschen mit
Körper- und Sinnesbehinderungen
Christina Heil
Zusammenfassung:
Häufig berichten Menschen mit Behinderungen von erheblichen Schwierigkeiten, eine geeignete
Psychotherapeutin oder einen geeigneten Psychotherapeuten
1
zu finden. Tatsächlich war die psychotherapeutische Ver-
sorgung dieser Personengruppe lange Zeit ein kaum beachtetes Thema. Seit einigen Jahren beginnt sich dies erfreu-
licherweise zu ändern. Doch der Rückstand ist noch nicht aufgeholt. Im Mai 2015 veröffentlichte die Bundespsycho-
therapeutenkammer eine Stellungnahme zur Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung von Menschen mit
Behinderungen, in der unter anderem die Schaffung von mehr Fortbildungsangeboten und die Aufnahme desThemas in
die Approbationsordnung als Zukunftsziele genannt werden. Dieser Artikel soll Psychotherapeuten schulenübergreifend
dabei unterstützen, eigene Berührungsängste gegenüber Menschen mit Körper- und Sinnesbehinderungen zu identifi-
zieren und abzubauen, den Umgang mit diesen Patienten angemessen zu gestalten und behinderungsbezogene thera-
pierelevanteThemen zu explorieren.
derungen (BPtK, 2015). Hierin weist sie auf die mangelhaf-
te psychotherapeutische und psychiatrische Versorgung von
Menschen mit Behinderungen hin und benennt als Ziele die
Schaffung spezialisierter stationärer Behandlungszentren,
die Verbesserung des Überganges von der stationären in die
ambulante Versorgung und die Förderung der Barrierefreiheit
von psychotherapeutischen Praxen in baulicher und fachlicher
Hinsicht sowie die Aufnahme des Themas Behinderung in die
Approbationsordnung.
Die verhältnismäßig meisten Fachbücher, Fachartikel und
Arbeitsgruppen in Fachverbänden gibt es bisher zur Psycho-
therapie von Menschen mit geistiger Behinderung. Eine Intel-
ligenzminderung stellt für Diagnostik und Psychotherapie be-
sondere Herausforderungen dar, um den Möglichkeiten und
Bedürfnissen von Menschen mit geistigen Behinderungen
gerecht zu werden, und erfordert daher von Psychotherapeu-
ten eine spezielle Qualifikation hinsichtlich der Anpassung der
Kommunikation und der Auswahl geeigneter Diagnoseinstru-
mente und Interventionsmethoden (Hennicke, 2011; Lingg &
Theunissen, 2008; Vogel, 2012). Körper- und Sinnesbehinde-
rungen sind in ihrer Art und Ausprägung sehr vielfältig. Mo-
torische Einschränkungen bis hin zur vollständigen Lähmung,
Sehbehinderungen bis hin zur Blindheit, Hörbehinderungen
bis hin zur Gehörlosigkeit oder die Beeinträchtigung bestimm-
ter Körperfunktionen sowie die Kombination mehrerer dieser
Behinderungen werden unter diesem Begriff zusammenge-
fasst.
Betrachtet man die vorhandene Literatur zur psychischen Si-
tuation dieser Personengruppe, findet man einzelne Bücher
1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden im Folgenden nicht beide
Geschlechtsformen durchgehend genannt – selbstverständlich sind jedoch
immer Frauen und Männer gleichermaßen gemeint.
1/2017 Psychotherapeuten
journal
11
1...,3,4,5,6,7,8,9,10,11,12 14,15,16,17,18,19,20,21,22,23,...110
Powered by FlippingBook