ptj 1-2019

können. Und die Formulierung „In der Therapie geht es nun darum, dass wir gemeinsam Ihre Lebensumstände so verän- dern, dass Ihre Ressourcen wieder zum Vorschein kommen können“, klingt augenscheinvalide fördernder für Annäherung und Empowerment als die Aussage „Sie sind krank, doch ich biete Ihnen eine Behandlung, die bei Ihrer Diagnose Erfolg versprechend ist“. Darüber hinaus sollten die Auswirkungen der unterschiedli- chen Verarbeitungsstile bei Patienten als Reaktion auf die Di- agnosevermittlung hinsichtlich relevanter Therapieprozesse untersucht werden. Denn eine Sichtung der Literatur zu allge- meinen Wirkfaktoren weist auf Zusammenhänge zu den hier vorgestellten Verarbeitungsstilen hin. So lassen sich Bezüge herstellen zwischen der „positiven Klärung/Selbstakzeptanz“ als Stil einer Diagnoseverarbeitung und den Wirkfaktoren „motivationale Klärung“ nach Grawe (1995), „kognitive Be- wältigung“ nach Karasu (1986) sowie „Mentalisierung“ nach Jorgensen (2004). Allen genannten Faktoren gemeinsam ist die Klärung von eigenen mentalen Zuständen sowie von Moti- ven und Bedeutungen, die der Psychopathologie in Bezug zur aktuellen Lebenssituation zugrunde liegen. „Empowerment“ wiederum lässt sich beziehen auf die Wirkfaktoren „Erwar- tung von therapeutischem Erfolg“ (Weinberger, 1995) und „Ressourcenaktivierung“ (Grawe, 1995). Der Verarbeitungs- stil „Sinngebung/inneres Wachstum“ erlaubt Assoziationen zu dem Wirkfaktor „neue Selbstnarration“, den Jorgensen (2004) diskutiert. Der Autor bezeichnet damit die Entwicklung einer subjektiv stimmigen Neufassung der Biografie des Pa- tienten, was mit erhöhtem Sinnerleben einhergeht. Darüber hinaus ist es augenscheinvalide nachvollziehbar, dass sich die identifizierten dysfunktionalen Verarbeitungsstile ungünstig auf die therapeutische Änderungsmotivation von Patienten auswirken. Überidentifizierte Patienten haben gar kein Inte- resse, ihre Diagnose loszuwerden, ähnlich wie Patienten, die ihre Diagnose im Sinne eines Krankheitsgewinns funktiona- lisieren. Und Selbst-Stigmatisierung ist mit Resignation und Hoffnungslosigkeit assoziiert (Feldhaus et al., 2018), sodass auch hier keine effektive therapeutische Mitarbeit von Betrof- fenen zu erwarten ist. Zusammenfassend scheinen Stile der Diagnoseverarbeitung mit veränderungsrelevanten Therapieprozessen assoziiert. Somit wäre zuletzt auch die Beziehung zwischen den Verar- beitungsstilen und den Ergebnissen von Psychotherapie ein interessantes Thema für die zukünftige Forschung. Mögli- cherweise ließen sich daraus eines Tages vereinheitlichte Empfehlungen für eine angemessene Kommunikation der Diagnose formulieren, welche die entsprechenden (bis heu- te sehr uneinheitlichen) Leitlinienempfehlungen (vgl. den Abschnitt „Kommunikation psychiatrischer Diagnosen in Be- handlungsleitlinien“) optimieren. Die Evaluationsstudie ist aktuell zur Publikation eingereicht. Der Fragebogen kann bei Interesse bis auf Weiteres kosten- frei vom Autor dieses Artikels bezogen werden. Prof. Dr. Dr.Thomas Schnell Medical School Hamburg Department of Clinical Psychology and Psychotherapy Am Kaiserkai 1 20457 Hamburg thomas.schnell@medicalschool-hamburg.de Prof. Dr. Dr. habil. Thomas Schnell hat nach dem Psycholo- giestudium in Heidelberg die Psychotherapieausbildung (VT) absolviert und in der psychiatrischen Uniklinik in Köln gearbei- tet. Forschungsschwerpunkte waren komorbide Schizophre- nie und Sucht. Therapeutisch folgten Weiterbildungen mit Schwerpunkt in spezieller Psychotraumatherapie und Dialek- tisch-Behavioraler Therapie. Aktuell hat er eine Professur für Klinische Psychologie an der Medical School Hamburg inne. Literatur Hinweis: Wir veröffentlichen an dieser Stelle nur eine Auswahl der wichtigsten Quellen. Das vollständige Literaturverzeichnis für diesen Artikel finden Sie auf unserer Homepage unter www.psychotherapeutenjournal.de . Aardoom, J. J., Dingemans, A. E., Boogaard, L. H. & Van Furth, E. F. (2014). Internet and patient empowerment in individuals with symptoms of an eating disorder: a cross-sectional investigation of a pro-recovery focused e-commu- nity. Eating Behaviors, 15 (3), 350-356. Berger, C. (2017). Stigmatisierung trotz guter Absicht. Zum Umgang mit ei- nem konstitutiven Dilemma. Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis, 49 (2), 335-344. Costa, J., Marôco, J., Pinto‐Gouveia, J., Ferreira, C. & Castilho, P. (2016). Vali- dation of the psychometric properties of the Self‐Compassion Scale. Testing the factorial validity and factorial invariance of the measure among borderline personality disorder, anxiety disorder, eating disorder and general populations. Clinical psychology & psychotherapy, 23 (5), 460-468. Craddock, N. & Mynors-Wallis, L. (2014). 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