ptj 1-2019

Unweigerlich fühlte man sich an den Western „Zwölf Uhr mit- tags“ erinnert: Eine dichte Spannung hatte sich im Plenarsaal des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) am 22. No- vember 2018 ausgebreitet. Heute sollte sich entscheiden, ob die Systemische Therapie für Erwachsene künftig von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet wird. Ein Beschluss, dessen ganze Tragweite sich wahrscheinlich erst in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zeigen wird. Fast sechs Jahre lang wurde über die Frage recherchiert, geforscht und gestritten, ob der Nutzen Systemischer Therapie für die wichtigsten Anwendungsbereiche der Psychotherapie nach- gewiesen ist. Dem voraus gingen die Beratungen im Wis- senschaftlichen Beirat Psychotherapie, die im Jahr 2008 zur wissenschaftlichen Anerkennung der Systemischen Therapie sowohl für Erwachsene als auch für Kinder und Jugendliche führten. Grundlage hierfür war u. a. die systematische Ana- lyse von randomisiert-kontrollierten Studien (RCTs) (Sydow, Beher, Retzlaff & Schweitzer-Rothers, 2007) . Kein Stuhl blieb bei dieser öffentlichen Sitzung im Zuschauer- raum des G-BA unbesetzt. Auf einem davon nahm Dr. Harald Deisler Platz. Er hatte 2013 in seiner damaligen Funktion als unparteiisches Mitglied und Vorsitzender des Unterausschus- ses Methodenbewertung den Antrag auf Bewertung der Systemischen Therapie gestellt. Erstmalig in der Geschichte hatte damit nicht ein Vertreter einer der Trägergesellschaften des G-BA oder der Patientenvertretung (PatV) einen Bewer- tungsantrag eingebracht, sondern der unparteiische Vorsit- zende des Unterausschusses selbst. Die Beratungen hatten sich über das Ende seiner Amtszeit hinaus verzögert, sodass er – vom G-BA Vorsitzenden Prof. Dr. Josef Hecken zu Beginn der Sitzung freundlich begrüßt – das weitere Geschehen vom Zuschauerraum aus mitverfolgte. Die Abstimmungsvorlagen Zwischen zwei Beschlussentwürfen galt es zu entscheiden: Beschlussentwurf A der Kassenärztlichen Bundesvereini- gung (KBV), der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) und der PatV sah den Nutzen als erwiesen für die Anwen- dungsgebiete entsprechend § 26 der Psychotherapie-Richtli- nie (PT-RL) an, d. h. für: Kommentar SystemischeTherapie wird viertes Richtlinien- verfahren Sebastian Baumann I. Angststörungen und Zwangsstörungen, II. affektive Störungen: depressive Episoden, rezidivierende depressive Störungen, Dysthymie, IIII. psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen/Opioide, IV. Essstörungen und V. schizophrene und affektive psychotische Störungen. Erkenntnisse zu einer fehlenden Wirksamkeit oder einem Schaden durch Systemische Therapie in den übrigen Anwen- dungsbereichen lagen nicht vor. Wenn eine Mehrheit für die- sen Vorschlag stimmen sollte, würde die Systemische The- rapie zum Richtlinienverfahren werden. Bereits der Nutzen in den Anwendungsbereichen I–III oder I, II, IV und V hätte entsprechend § 19 der PT-RL dafür ausgereicht. Damit soll sichergestellt werden, dass die Behandlung der häufigsten psychischen Störungen abgedeckt ist. Der Beschlussentwurf B des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) hingegen sah die Aus- setzung der Entscheidung und eine Erprobung entsprechend § 137e SGB V vor. Konkret hätte das bedeutet, für eine gan- ze Reihe von Diagnosegruppen und Diagnosen neue soge- nannte Nicht-Unterlegenheitsstudien aufzusetzen. Patienten 1 wären dann zufällig Systemischer Therapie oder einem der bisherigen Richtlinienverfahren zugeordnet worden. Im Rah- men dieser Studien wären die Kosten für die systemischen Therapiesitzungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen worden. Hätte die Systemische Therapie nicht schlechter abgeschnitten als die anderen Verfahren, wäre das als Nutzennachweis gewertet worden. Nach Auswertung der Studien, so der Vorschlag des GKV-Spitzenverbandes, wäre dann entschieden worden, ob der Nutzennachweis hinrei- chend erbracht sein würde. Experten gingen allerdings davon aus, dass es sich dabei vermutlich um die größte und kosten- intensivste Psychotherapiestudie weltweit gehandelt hätte, 1 Zu der mit der Ausgabe 4/2017 eingeführten geschlechtersensiblen Schreibweise im Psychotherapeutenjournal lesen Sie bitte den Hinweis auf der vorderen inneren Umschlagseite. Bei dieser Ausgabe handelt es sich um ein Heft in der männlichen Sprachform. 42 Psychotherapeuten journal 1/2019

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