PTJ_2021_4_online

DasTrauma begreifen und behandeln – ein fundierter Überblick über psychodynamischeTherapieansätze Barwinski, R (2020). Steuerungspro- zesse in der Psychodynamischen Trau- matherapie. Stuttgart: Klett-Cotta Ver- lag, 272 S., 32,00 € (E-Book: 25,99 €) Die bekannteste psychodynamische Fachliteratur zur Traumatherapie wird vor allem mit den Autorennamen Red- demann, Wöller, Sack/Sachsse und Peichl in Verbindung gebracht. Wenn man dieses Buch mit seinem Titel „Psy- chodynamische Traumatherapie“ in die Hand nimmt, stellt sich dem Leser als Erstes die Frage, zu welchem Spektrum der psychodynamischen Traumathera- pie das Buch gehört. Die Autorin Frau Prof. Dr. Rosmarie Bar- winski – welche selbst Leiterin eines auf die Traumabehandlung ausgerich- teten Instituts und Mitherausgeberin einer entsprechenden Fachzeitschrift ist – gehört zum Spektrum der psycho- analytischen Psychotraumatologie der Schule um Prof. Dr. Gottfried Fischer, welcher bis 2009 an der Universität Köln im Bereich der Psychotraumatolo- gie gelehrt, geforscht und publiziert hat und für viele als „Traumapionier“ gilt. Das 272 Seiten umfassende Buch aus dem Klett-Cotta Verlag ist übersichtlich strukturiert: Es ist in drei große Teile ge- gliedert. Teil 1 beginnt mit einer grund- legenden Übersicht und erläutert, was ein Trauma ist und wie es verarbeitet werden kann. Teil 2 widmet sich der Traumatherapie und der theoretischen Darlegung ihrer wichtigsten Funktions- prinzipien. Teil 3 fasst übersichtsartig alle wichtigen therapeutischen Metho- den und Techniken zur Traumabehand- lung aus verschiedenen Psychothera- pierichtungen zusammen. Als letzten Ansatz stellt die Autorin ihren eigenen vor: In Anlehnung an den psychoanalytischen Ansatz von Fi- scher – die Mehrdimensionale Psycho- dynamische Traumatherapie (MPTT) – entwickelt die Autorin ein sechsstufi- ges Veränderungs- und Prozessmodell, in dem wichtige Gegensätzlichkeiten reflektiert und dialektisch aufgelöst werden. Die Kapitelüberschriften geben durch ihre Frage-Form (z. B. „Wo sind trauma- tische Erlebnisse gespeichert?“) eine hilfreiche Orientierung; die einzelnen Texteinheiten sind zudem durch die Nennung von Verstehenszielen sowie Zusammenfassungen ansprechend di- daktisiert. Die Ausführungen werden ferner mit zahlreichen Fallbeispielen an- schaulich unterstützt. Es gibt in der Fachliteratur zahlreiche gute, manualisierte Anleitungen zur Traumatherapie, mit der Darstellung verschiedenster spezifischer Trauma- bewältigungstechniken und Stabilisie- rungsübungen. Woran es bislang fehlte, war ein Übersichtswerk, welches syste- matisch ausarbeitet, wie ein Trauma aus unterschiedlichen Blickwinkeln verstan- den und theoretisch fundiert definiert werden kann. Diese Lücke schließt die- ses Buch. In einem wertschätzenden Ton eröffnet die Autorin auch über die im Zentrum stehenden psychodynami- schen Ansätze hinaus schulenübergrei- fende Einblicke in die wichtigsten The- rapieformen zur Traumabehandlung. Kritisch kann angemerkt werden, dass nicht auf alle Autoren aus der Fülle der Fachliteratur, wie z. B. Maercker, Levine und Huber, Bezug genommen wird und die systemische Traumatherapie gänz- lich unerwähnt bleibt. Außerdem fehlen für die in der deutschen Kassenversor- gung tätigen Praktiker nähere Ausfüh- rungen zu Besonderheiten von trauma- therapeutischen Interventionen in der Richtlinien-Psychotherapie, welche seit dem 9. Faber/Haarstrick-Kommentar (2012) entsprechende Erleichterungen mit sich brachte. Ferner hätte man sich gewünscht, dass das Buch Hinweise zu den neuen Diagnosemöglichkeiten für die komplexe Traumafolgestörung in der künftigen ICD-11 erwähnt hätte. Dennoch ist das Buch eine der besten Überblicksdarstellungen zur theoreti- schen Fundierung des Traumas und zu dessen interdisziplinärer Behandlung. Die Autorin hat unter Einbezug entspre- chender Nachbardisziplinen, wie den Neuro- und Kognitionswissenschaften, ein eigenes psychodynamisches Pro- zessmodell ausgearbeitet und dabei andere Ansätze in Bezug gesetzt. Dabei findet die einfache und komplexe Post- traumatische Belastungsstörung glei- chermaßen wichtige Berücksichtigung. Das Bedeutsame an diesem Ansatz ist, dass die Autorin psychoanalytische Traumakonzepte und Therapiemöglich- keiten präzise theoretisch herleiten und systematisch begründen kann. Das tut sie, indem sie z. B. das Konfliktdenken der Psychoanalyse auf den Begriff der Antinomie (Widerspruch zwischen un- terschiedlichen psychischen Strukturen) übertragt und somit psychoanalytisches Ur-Denken und die Traumadynamik über- zeugend verbindet. Das ist nicht nur be- merkenswert, weil sich die Verfasserin hiermit von anderen psychoanalytischen Autoren auf diesem Feld abhebt, sondern auch spannend, da das Buch dem Leser so eine neue Sichtweise auf die Vielfalt psychoanalytischen Denkens offeriert. Letztlich ist das Thema Traumathera- pie auch mit Blick auf die Richtlinien- Reform aktueller denn je: Denn es ist mit Blick auf die Abschaffung des Gutachterverfahrens und die neuen Formen der Qualitätssicherung künftig nicht ausgeschlossen, dass Traumathe- rapeuten im Kassensystem für längere Behandlungen einem erhöhten Recht- fertigungsdruck ausgesetzt sein könn- ten, sodass die Versorgungssituation traumatisierter Menschen kritisch auf dem Prüfstand steht. Auch mit Blick auf diese Entwicklung liefert das Buch eine hilfreiche theoretische Fundierung aller diagnostischen und behandlungstechni- schen Aspekte rund um die Traumathe- rapie und betont damit die Wichtigkeit dieses Feldes für die Zukunft. Ingo Jungclaussen, Köln 48 Psychotherapeuten journal 1/2021 Rezensionen

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