Psychotherapeutenjournal 2-2022

Anregendes Grundlagenwerk zur Prozessorientierten Psychotherapie Hauser, R., Heidelberg, R., Weyermann, R., Helbling, J., Goodbread, J., Hörtrei- ter, S. & Apel, C. (2022). Prozessori- entierte Psychotherapie. Einführung in Theorie, Methoden und Praxis. Mit einem Geleitwort von Arnold Mindell. Gießen: Psychosozial‐Verlag, Taschen- buch, 260 S., 36,90 €. Prozessorientierte Psychotherapie ge- winnt in den letzten Jahren internatio- nal zunehmend an Bedeutung. Leider gab es im deutschen Sprachraum bis- lang wenig Literatur zu diesem Thema. Diese Lücke schließt nun dieses neue Buch: es bietet eine wissenschaftlich fundierte Einführung sowohl theore- tischer als auch praktischer Natur in diese Form von übergreifender Be- handlungsmethodik. Denn bereits ihr Erfinder – der US‐Physiker und jungia- nische Psychoanalytiker Arnold Mindell – verband in seinem Ansatz Analytische Psychologie mit Systemdenken und Er- fahrungspraxis. Prozessuale Psychotherapie meint da- bei im Allgemeinen einen besonderen Behandlungsfokus auf Seelenvorgänge, bei welchen sich allmählich und über eine gewisse Zeit hinweg etwas We- sentliches herausbildet. Im Speziellen ist damit gemeint, dass sich elemen- tares Unbewusstes in dem Bewusst- sein zugängliche Inhalte transformiert: die Potenziale in den Störungen selbst werden zielgerichtet entfaltet – bis hin zur Erfahrung von Kohärenz und Sinn- haftigkeit. Dazu werden verschiedene andere Prozesse nutzbar gemacht: Kör- perprozesse, Traumprozesse, Sozialpro- zesse – unter besonderer Berücksich- tigung der diesen zugrunde liegenden Erfahrungen. Konkret bedeutet dies etwa, Traumerfahrungen zu nutzen als Hinweis zur Lösung unbewusster Blo- ckaden und Konflikte, um das eigene Selbst zur vollen Entwicklung und Ent- faltung zu bringen (als Selbstwerdung im Sinne des Individuationsgeschehens nach C. G. Jung). Das Buch besteht insgesamt aus zehn Teilen mit sieben Kapiteln: Min- dell selbst gibt dabei ein bewegendes Vorwort, das zum Nachdenken anregt – auch über uns selbst und unser all- tägliches Gegeneinander (für das seine Methode einen Lösungsansatz ebenso auf kollektiver Ebene bereithält), ge- folgt von einer überaus hilfreichen Ein- führung ins Thema. In dieser werden die Grundzüge der Prozessarbeit stim- mig skizziert, sodass ein guter erster Überblick entsteht. Anschließend füh- ren sieben Kapitel tiefer in die Materie ein: Das erste wirft einen Blick auf die Metatheorie, das zweite stellt das The- oriemodell dieser Richtung vor, das dritte zeigt in der Praxeologie die kon- krete Anwendung, das vierte offeriert störungsspezifische Ansätze (Depres- sionen, Angst/Panik, Psychosomatik, Abhängigkeit, Borderline, Psychosen), das fünfte skizziert eine entsprechende Gruppentherapie, das sechste liefert Wirksamkeitsnachweise, das siebte schließt mit Forschung und Anwendbar- keitsgrenzen. Der letzte Teil des Buches rundet dasselbe ab mit Literatur‐ und In- haltsnachweisen, Fallbeispielen, einem Glossar und einem Anhang (mit einer Besonderheit bei Abhängigkeit, Übun- gen, einem Gruppentherapie‐Handout, methodenspezifischen Interventionen (mitsamt Interventionsliste) sowie Hin- weisen zur Weiterbildung in dieser Be- handlungsrichtung). Damit bietet das Werk wirklich alles Wesentliche, was ein gutes Grundlagenbuch sowohl the- oretisch als auch praktisch haben sollte, und ist damit geeignet sowohl für den Einstieg in dieses Thema als auch für dessen Vertiefung. Die besondere Stärke des Buches liegt in seiner Anschaulichkeit, Praxis- relevanz und Praxisnähe. So wurde beispielsweise durchgängig Wert da- rauf gelegt, den darin verfolgten Ge- dankenlinien praktische Beispiele zur Seite zu stellen, die das Beschriebene lebendig werden lassen. Hierbei finden sich nicht nur Patientenfallbeispiele und prägnante Interventionsschemata, son- dern auch Anreicherungen durch Zita- te (wie beispielsweise von Daniel Hell zum Thema Depressionsbehandlung), die wie eine Anwendung der „Amplifi- kation“ als eine der zentralen Techniken der Prozessarbeit auf diese selbst bzw. auf dieses Werk wirkt. Dadurch gewin- nen Lesende erfahrungspraktische Ein- sicht in Denken, Fühlen und Handeln prozessorientierter Psychotherapie, die ohnehin zentral aufs Erleben fokussiert (und damit beim Lesen des Buches das ansatzweise erleben lässt, was sie in ihrer Behandlungsform umsetzt). Dabei weitet sich schließlich der Blick vom individualpsychologischen Konzept auf systemischen Kontext und feldtheo- retische Wirkfaktoren im seelischen Selbst‐ und Welterleben durch prozes- sorientierte Gruppenpsychotherapie: Kein individuelles Symptom ist nur ein Problem seines Trägers, sondern immer auch ein Spiegel der diesen und dieses umgebenden Gesellschaft. Die ethi- sche Dimension des Verfahrens weist über es selbst hinaus – als Möglichkeit der Behebung unserer Schwierigkeiten im Umgang mit starken Emotionen, der seit Jahrtausenden immer wieder zur systematischen Ausgrenzung und letzt- lich auch Vernichtung von Menschen führen kann. Insofern ein insgesamt sehr gelunge- nes, überaus aktuelles Buch, mit vielen wertvollen Impulsen sowohl für Psy- chotherapie und Medizin als auch für Sozialarbeit, Konfliktarbeit, Mediation, Coaching, Gruppenleitung und Grup- pentherapie. Es wäre gewissermaßen perfekt gewesen – wenn für die die Lesbarkeit behindernde Doppelpunkt‐ Schreibweise im Rahmen der politi- schen Geschlechter‐Correctness eine verträglichere Lösung gefunden wor- den wäre. Kai Herthneck Tübingen 164 Psychotherapeuten journal 2/2022 Rezensionen

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