PTJ_2016-3 - page 10

halte in dieser Patienteninformation schriftlich zu dokumentie-
ren und dem Patienten auszuhändigen sind, soll im Nachgang
des Beschlusses von den Partnern des Bundesmantelver-
trags in der Psychotherapie-Vereinbarung geregelt werden.
Viele der inhaltlichen Vorgaben zur Sprechstunde entsprechen
in gewisser Weise den ohnehin geltenden berufsrechtlichen
Anforderungen (z. B. der Aufklärungspflicht) oder korrespon-
dieren mit gängigen Leitlinienempfehlungen (z. B. Einsatz
standardisierter Verfahren in der Diagnostik). Dennoch stellen
diese Vorgaben, die Ergebnisse der Sprechstundenleistungen
einschließlich der Behandlungsempfehlungen dem Patienten
schriftlich mitzuteilen und damit dessen Entscheidungsfin-
dung zu stärken, eine Veränderung der bisher gelebten Kultur
in der psychotherapeutischen Versorgung dar. Eine Verände-
rung allerdings, die nicht zuletzt mit der Stärkung der Pati-
entenrechte im Patientenrechtegesetz schon seit Längerem
Fahrt aufgenommen hat. Dass diese Detailregelungen zur
individuellen Patienteninformation an Kassenärztliche Bun-
desvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband (GKV-SV) de-
legiert wurden und nun ohne Beteiligung von Patientenvertre-
tern, Kammern und Datenschützern getroffen werden sollen,
hat bei den Betroffenen für erhebliche Kritik am Beschluss
des G-BA gesorgt. Problematisch ist in diesem Zusammen-
hang auch, dass damit die Entwicklung und Umsetzung eines
systematischen Konzepts zur Verschränkung von individueller
Patienteninformation und der neu eingeführten Standarddo-
kumentation im Kontext der Qualitätssicherung nicht mehr
möglich erscheint.
II. Psychotherapeutische
Akut­behandlung
Eine weitere wichtige Veränderung ist die Möglichkeit, psy-
chisch Kranken mit sofortigem Behandlungsbedarf unmittel-
bar und ohne vorheriges Antragsverfahren helfen zu können.
Diese psychotherapeutische Akutbehandlung ist gedacht für
Patienten, die rasch psychotherapeutische Hilfe benötigen
und ohne diese möglicherweise schwerer erkranken würden,
nicht mehr arbeiten oder zur Schule gehen könnten oder in
ein Krankenhaus eingewiesen werden müssten. Durch eine
frühzeitige Behandlung soll die Chronifizierung der psychi-
schen Symptomatik vermieden werden. Die psychothera-
peutische Akutbehandlung „strebt dabei keine umfassende
Bearbeitung der zugrundeliegenden ätiopathogenetischen
Einflussfaktoren an, sondern dient der Besserung akuter psy-
chischer Krisen- und Ausnahmezustände“. Ein besonderes
Augenmerk ist dabei auf die Einschätzung der Selbst- und
Fremdgefährdung der Patienten zu legen, damit die ggf. erfor-
derlichen weiteren Behandlungsmaßnahmen eingeleitet wer-
den können. Die Akutbehandlung wird dabei in der Richtlinie
nicht verfahrensspezifisch definiert. Vielmehr können im Rah-
men der Akutbehandlung zur „Besserung akuter psychischer
Krisen- und Ausnahmezustände“ geeignete psychotherapeu-
tische Interventionen aus den verschiedenen Richtlinienver-
fahren angewandt werden.
Die psychotherapeutische Akut-
behandlung kann im Umfang von
bis zu 24 Gesprächseinheiten à 25
Minuten durchgeführt und kurz-
fristig nach der Sprechstunde be-
gonnen werden. Diese Leistung
ist gegenüber der Krankenkasse
lediglich anzeigepflichtig, d. h., dass im Vorfeld der Kranken-
kasse lediglich der Beginn der Akutbehandlung mitzuteilen ist.
Als zeitliche Voraussetzung hat der G-BA in den Tragenden
Gründen zum Beschluss formuliert, dass die Akutbehandlung
bis spätestens 14 Tage nach Indikationsstellung begonnen
werden muss. Längere Pausen zwischen Indikationsstellung
und Beginn der Akutbehandlung entsprächen nicht mehr
dem Zweck dieser Versorgungsmöglichkeit. Im Gegensatz
zur Richtlinienpsychotherapie sind hier somit zwar keine pro-
batorischen Sitzungen vor Behandlungsbeginn erforderlich,
dennoch muss auch hier vor Behandlungsbeginn eine somati-
sche Abklärung erfolgen. Der Konsiliarbericht sollte in diesen
Fällen direkt nach der ersten Sprechstundeneinheit eingeholt
werden, damit dieser in der gesetzten zeitlichen Frist noch
vor Beginn der Behandlung vorliegen kann.
Wenn nach Beendigung der Akutbehandlung eine Indika-
tion für eine anschließende Richtlinienpsychotherapie be-
steht, sind allerdings vor Beginn der antragspflichtigen Kurz-
zeit- oder Langzeittherapie mindestens zwei probatorische
Sitzungen durchzuführen. Dies kann in der Folge zu einer
Therapieunterbrechung von drei bis fünf Wochen führen, da
Krankenkassen in diesem Fall die Möglichkeit haben, einen
Therapieantrag nach dem Modell der Genehmigungsfiktion
zu bearbeiten, d. h. die Bewilligung der Psychotherapie er-
folgt nicht durch einen expliziten Genehmigungsbescheid,
sondern durch Verstreichen der zeitlichen Fristen. Dies er-
scheint gerade mit Blick auf die gewünschte zeitnahe und
unterbrechungsfreie Versorgung von Patienten mit akutem
Behandlungsbedarf besonders widersinnig. Wenn bei einem
Patienten eine Wartezeit nicht vertretbar erscheint, kann da-
her aus pragmatischen Gründen überlegt werden, die Indika-
tion für eine psychotherapeutische Akutbehandlung erst nach
den probatorischen Sitzungen zu stellen. Durch rechtzeitiges
Stellen des Antrags während der laufenden Akutbehandlung
kann dann gerade auch bei denjenigen Patienten, bei denen
absehbar ist, dass sie wegen der Komplexität des Krankheits-
bildes auch nach der Akutbehandlung eine weitere ambulante
psychotherapeutische Behandlung benötigen, eine Wartezeit
verhindert werden.
Durch die psychotherapeutische Akutbehandlung kann
psychisch Kranken mit sofortigem Behandlungsbedarf unmittelbar
geholfen werden.
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Psychotherapeuten
journal
3/2016
Schneller Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung – die Reform der Psychotherapie-Richtlinie
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