PTJ_2016-3 - page 12

III. Probatorik
Bislang sind die Aufgaben der probatorischen Sitzungen le-
diglich rudimentär in einem Absatz der Psychotherapie-Ver-
einbarung beschrieben worden. Auch nach Einführung der
Sprechstunden bleiben die Leistungen der probatorischen
Sitzungen erhalten und werden in einem eigenen Paragra-
phen der PTR definiert.
Wie bisher dient die Probatorik der Einleitung einer Richtlini-
enpsychotherapie. Hierbei kann über die Sprechstunde hin-
ausgehend eine weitere diagnostische Abklärung des Krank-
heitsbildes erfolgen, die Indikationsstellung präzisiert und die
Eignung eines Patienten für ein bestimmtes Psychotherapie-
verfahren geprüft werden. Dabei soll eine Klärung der The-
rapiemotivation, der Kooperations- und Beziehungsfähigkeit
des Patienten erfolgen und geprüft werden, ob eine tragfähi-
ge Arbeitsbeziehung aufgebaut werden kann.
Künftig sind vor Beginn einer Richtlinienpsychotherapie min-
destens zwei und maximal vier probatorische Sitzungen à
50 Minuten durchzuführen. Bei Kindern und Jugendlichen
können bis zu sechs probatorische Sitzungen durchgeführt
werden. Diese Gespräche können Eltern eines Kindes zum
Teil auch alleine nutzen.
Der ursprüngliche Vorschlag der Krankenkassen zur Probato-
rik sah vor, den Durchschnitt in der Versorgung zur Norm zu
machen und für alle Patienten exakt drei probatorische Sitzun-
gen festzuschreiben. Hier konnte im Zuge der Stellungnahme
der BPtK zum ursprünglichen Beschlussentwurf des G-BA
zur Änderung der PTR noch eine gewisse Flexibilisierung er-
reicht werden, auch wenn die neue Regelung immer noch
eine verzichtbare Überregulierung darstellt, die patientenin-
dividuelle Spielräume unnötig einschränkt (siehe auch BPtK,
2016b). Unter Berücksichtigung der Leistungen der Sprech-
stunde stehen damit für die diagnostische Phase vor Beginn
einer Richtlinienpsychotherapie insgesamt mehr Stunden zur
Verfügung. Eine Ausnahme bildet die analytische Psychothe-
rapie, bei der bislang bis zu acht probatorische Sitzungen vor
Beginn der Psychotherapie durchgeführt werden konnten,
hier kommt es zu einer Einschränkung. Bei der Behandlung
von Kindern und Jugendlichen wurde ein zusätzlicher Spiel-
raum geschaffen, der den besonderen Erfordernissen durch
zusätzliche Stunden für die Einbeziehung von Bezugsperso-
nen Rechnung trägt. Hier stehen unter Einbezug der Sprech-
stundenleistungen künftig für diese Phase bis zu elf Einheiten
à 50 Minuten zur Verfügung.
IV. Änderungen im Antrags- und
Genehmigungsverfahren einschließlich
der Therapieansätze
Der gesetzliche Auftrag zur Vereinfachung des Antrags- und
Gutachterverfahrens wurde nur rudimentär umgesetzt. Ne-
ben der bereits beschriebenen Anzeigepflicht für die Akut-
behandlung wurde insbesondere die Berichtspflicht für die
Kurzzeittherapie aufgehoben. Da bereits bisher die meisten
Psychotherapeuten von der Berichtspflicht für die Kurzzeit-
therapie befreit waren, ergibt sich hieraus keine spürbare
Verbesserung. Von Bedeutung ist dagegen eher die Zusam-
menführung des ersten und zweiten Bewilligungsschrittes
der Langzeittherapie in einen Bewilligungsschritt. Dieser um-
fasst in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie
bei Erwachsenen und in der Verhaltenstherapie insgesamt
künftig 60 Stunden. Dagegen haben sich die Bewilligungs-
schritte bei der tiefenpsychologisch fundierten Psychothe-
rapie bei Kindern und Jugendlichen und in der analytischen
Psychotherapie insgesamt nicht verändert (siehe Abbildung).
Darüber hinaus liegt es bei einem sich daran anschließen-
den Therapieverlängerungsantrag künftig im Ermessen der
Krankenkassen, ob diese hierzu einen Gutachter einschalten.
Eine Ablehnung der Verlängerung ohne Gutachterverfahren
ist allerdings ausgeschlossen, es sei denn, es besteht offen-
sichtlich keine Indikation für eine Fortführung der Psychothe-
rapie. Darüber hinaus wird es künftig jeweils eigene Gutach-
ter für die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und
die analytische Psychotherapie geben.
Diese geringfügigen Vereinfachungen im Antrags- und Ge-
nehmigungsverfahren werden durch die neu eingeführte
Teilung der Kurzzeittherapie in zwei Einheiten à zwölf Sitzun-
gen konterkariert. Beide Abschnitte der Kurzzeittherapie sind
künftig antrags-, aber nicht berichtspflichtig. Leistungen der
Akutbehandlung werden dabei auf die Therapiekontingente
der Kurzzeittherapie angerechnet.
Die Zweiteilung der Kurzzeittherapie entbehrt jeder Evidenz
und ist erkennbar ein reines Relikt des vormaligen Modells
des GKV-Spitzenverbandes, welches zwischen den beiden
Abschnitten der Kurzzeittherapie noch eine obligatorische
Therapiepause von sechs Wochen vorsah. Die Daten der KBV
hatten gezeigt, dass die überwiegende Zahl der Kurzzeitthe-
rapien vor der 25. Behandlungsstunde beendet und die The-
rapiedauer offensichtlich an den individuellen Bedarf der Pa-
tienten und den Therapieverlauf angepasst wird (Multmeier,
2014). Auch die von den Krankenkassen angeführten Ergeb-
nisse der Dosis-Wirkungsforschung eignen sich gerade nicht,
eine spezifische Zäsur in der Kurzzeittherapie nach der zwölf-
ten Sitzung vorzusehen. Doch alle fachlichen Argumente
hierzu, die im Stellungnahmeverfahren vorgetragen wurden,
blieben vor dem Hintergrund der schwierigen Kompromiss-
bildungen im G-BA ungehört. Dabei kann diese Zweiteilung
angesichts des festgelegten Antrags- und Genehmigungs-
verfahrens in der Kurzzeittherapie keine steuernde Wirkung
im Sinne der Krankenkassen entfalten, wenn man einmal
von überflüssigen Therapieunterbrechungen absieht. Denn
das Antrags- und Genehmigungsverfahren in der Kurzzeit-
therapie sieht keine eigentliche Prüfung der Therapieanträge
vor, sondern im Modell der Genehmigungsfiktion erfolgt die
Genehmigung einer beantragten Psychotherapie regelhaft
über das Verstreichen der gesetzlichen Frist von drei Wochen
ab Antragstellung (bzw. fünf Wochen bei Einschalten eines
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Psychotherapeuten
journal
3/2016
Schneller Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung – die Reform der Psychotherapie-Richtlinie
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