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einer Langzeittherapie sind die Dokumentationsbögen dem
Bericht an den Gutachter beizufügen. Dazu gehört auch die
verpflichtende Verwendung von psychometrischen Testver-
fahren für alle Patienten. Insbesondere der Strengths and
Difficulties Questionaire (SDQ), der als Standardverfahren
zur Unterstützung der Diagnostik und zur Evaluation der
ambulanten Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen
eingesetzt werden soll, ist für diese Zwecke ungeeignet.
Trotz ausführlicher fachlicher Kritik im Stellungnahmeverfah-
ren hat der G-BA diesbezüglich weder Änderungen im Be-
schlussentwurf vorgenommen noch begründet, warum die
Änderungsvorschläge der BPtK nicht berücksichtigt wurden
(siehe auch BPtK, 2016b). Ferner sehen die Dokumentati-
onsbögen bei Kindern und Jugendlichen grundsätzlich eine
Erfassung der Intelligenz vor, unabhängig davon, ob dies bei
der jeweiligen psychischen Erkrankung überhaupt erforder-
lich ist. Somit muss die Intelligenz losgelöst von der Indi-
kation mit einigem zeitlichen Aufwand lege artis gemessen
werden oder es kann in dem Bogen eine fachlich fragwürdi-
ge Schätzung des IQ dokumentiert werden oder es wird im
Bogen vermerkt, dass das Intelligenzniveau nicht bekannt
ist.
Kritisch erscheint auch, dass einige der vorgeschriebenen
Fragen und Antwortmöglichkeiten in einer zum Teil verlet-
zenden und stigmatisierenden Sprache verfasst sind und
erkennbar nicht für die Verwendung in einem gemeinsam
mit dem Patienten auszufüllenden Dokumentationsbogen
entwickelt worden sind. Als Faktoren, die eine Erkrankung
gefördert haben, müssen Eltern gemeinsam mit dem Psy-
chotherapeuten zum Beispiel „abnorme Erziehungsbedin-
gungen“ ankreuzen oder „abnorme intrafamiliäre Beziehun-
gen“ angeben.
Insgesamt ist diese verpflichtende Dokumentation für alle
Patienten in psychotherapeutischer Behandlung weder pati-
enten- oder nutzenorientiert noch evidenzbasiert. Die Test-
verfahren sind zum Teil ungeeignet, um die Diagnostik psy-
chischer Erkrankungen zu unterstützen und können insbeson-
dere bei Kindern und Jugendlichen den Behandlungserfolg
nicht abbilden. Vor dem Hintergrund einer vollständig fehlen-
den fachlichen Begründung der Inhalte und diagnostischen
Verfahren der Dokumentationsbögen, hat die BPtK daher das
Bundesministerium für Gesundheit (BMG) als Rechtsaufsicht
des G-BA um Beanstandung des Beschlusses gebeten. Zum
Zeitpunkt der Erstellung dieses Beitrags war die zweimonati-
ge Beanstandungsfrist des BMG noch nicht abgelaufen und
das BMG hatte sich zu diesem Beschluss des G-BA noch
nicht geäußert.
Ausblick
Bevor die Änderungen der Psychotherapie-Richtlinie zum
1. April 2017 in Kraft treten, sind von den Partnern des Bun-
desmantelvertrags, also der KBV und dem GKV-SV, noch
weitere Detailregelungen zu treffen, die die Umsetzung der
Richtlinienänderungen in der Praxis deutlich beeinflussen
werden. Hierzu zählen u. a. die Regelungen zur individuellen
Patienteninformation, aber auch
weitere Präzisierungen zu den
neuen Leistungen der psycho-
therapeutischen Sprechstunden,
der psychotherapeutischen Akut-
behandlung, den probatorischen
Sitzungen, der Rezidivprophylaxe
und zum Antrags- und Geneh-
migungsverfahren. Schließlich werden die Beratungen zur
Vergütung der neuen Leistungen im Bewertungsausschuss
folgen, die innerhalb von sechs Monaten nach Nichtbean-
standung und Veröffentlichung des Richtlinienbeschlusses
abzuschließen sind. Im Kontext der Entscheidung über die
neuen EBM-Ziffern zur Sprechstunde und zur Akutbehand-
lung wird dann auch wieder die Konstruktion der Berech-
nungsgrundlage für Strukturzuschläge für Leistungen aus
dem Kapitel 35.2 auf der Tagesordnung stehen. Hier ist zu
wünschen, dass eine Neukonstruktion der Strukturzuschläge
künftig die gesetzlichen Vorgaben des § 87 Absatz 2c Satz 6
SGB V umfassender berücksichtigen, wonach die Bewertun-
gen für psychotherapeutische Leistungen eine angemessene
Höhe der Vergütung je Zeiteinheit zu gewährleisten haben
und auch die nicht-genehmigungspflichtigen psychothera-
peutischen Leistungen hierbei mit einbezogen werden. Bis
zum zweiten Quartal 2017 sollten auch die Beschlüsse des
G-BA zur Umsetzung der Befugnisse der Psychotherapeuten
in der Krankenhauseinweisungs-Richtlinie, Reha-Richtlinie,
Soziotherapie-Richtlinie und Krankentransport-Richtlinie ge-
fasst worden sein, sodass mit Einführung der psychothera-
peutischen Sprechstunde Psychotherapeuten ihre Rolle in
der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankun-
gen umfassender wahrnehmen können.
Die beschlossene Richtlinie enthält eine Reihe von Evaluations-
klauseln. Nicht zuletzt die Sprechstunde soll innerhalb von fünf
Jahren nach Beschlussfassung evaluiert werden. Ein zentraler
Aspekt dieser Evaluation wird dabei sein, inwieweit es gelingt,
über die Einführung der psychotherapeutischen Sprechstunde
das Problem der Wartezeiten auf ein Erstgespräch beim Psy-
chotherapeuten erfolgreich anzugehen. Unabhängig von die-
sem längerfristigen Evaluationsauftrag des G-BA sollte jedoch
zeitnah geprüft werden, ob flächendeckend ein ausreichendes
Angebot an Sprechstunden entsteht, welche Unterstützungs-
bedarfe für die psychotherapeutischen Praxen bestehen und
inwieweit es gelingt, Patienten, bei denen im Rahmen der
Sprechstunde ein Behandlungsbedarf festgestellt wurde, auch
frühzeitig einen Behandlungsplatz anzubieten. Bei auftreten-
den Problemen in der Versorgung sollte dann zeitnah an geeig-
neter Stelle nachgebessert werden.
Verpflichtende Dokumentation ist weder patientenorientiert noch
evidenzbasiert.
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Psychotherapeuten
journal
3/2016
Schneller Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung – die Reform der Psychotherapie-Richtlinie
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