PTJ_2016-3 - page 16

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eue elektronische Medien bzw. Informations- und
Kommunikationstechnologien (IKT) – vom Smartphone
über das Tablet bis zum Notebook – und die damit ver-
bundenen Nutzungs- und Kommunikationsformen, insbeson-
dere die sogenannten „Sozialen Netzwerke“ wie Facebook
u. a. sowie die Kommunikation über die Nachrichtendienste,
haben eine sehr große Bedeutung im Alltag und generell im
Leben von Kindern und Jugendlichen.
So besitzt die große Mehrheit der Jugendlichen in Deutsch-
land Mediengeräte und ist dadurch bei der Nutzung des Inter-
nets autonom. Nach eigenen Angaben haben 73% der 12- bis
19-jährigen Mädchen und 78% der Jungen einen eigenen Com-
puter bzw. Laptop. Noch höher ist die Zahl der Smartphone-
Besitzer (Mädchen: 90%, Jungen: 87%, mpfs, 2014a, S. 8).
Unabhängig vom eigenen Gerätebesitz nutzen laut Klingler,
Feierabend & Turecek (2015) 100% der 12- bis 20-Jährigen
zumindest gelegentlich das Internet. Für diese Altersgruppe ist
das Internet das Medium, auf das sie nach eigenen Angaben
am wenigsten verzichten könnten (ebd. S. 201, 208). Ähnliche
Tendenzen finden sich schon bei jüngeren Kindern: Der Anteil
der Kinder, die das Internet täglich nutzen, liegt bei den 6- bis
7-Jährigen bei 15%, bei den 12- bis 13-Jährigen sind es schon
viermal so viele (60%, mpfs 2014b, S. 33).
Zu den Auswirkungen der Mediennutzung ist ein heftiger Dis-
kurs entbrannt, bei dem es im Wesentlichen um die Frage
geht, ob durch die Medien-/Internetnutzung die Lernfähigkeit
ab- sowie Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen zunehmen,
ob und wie sich die realen sozialen Kontakte verändern und
Die Bedeutung der neuen Informations- und
Kommunikationstechnologie für die Gestaltung
des Patientenkontakts in der
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
Michel Fröhlich-Gildhoff & Klaus Fröhlich-Gildhoff
Zusammenfassung:
Der Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, wie neue elektronische Kommunikationsmedien den
Kontakt zwischen Patientinnen und Patienten
1
im Kindes- und Jugendalter und Psychotherapeuten beeinflussen. Hierzu
wurde eine Fragebogenuntersuchung mit 170 Psychotherapeuten durchgeführt, die sich unter anderem mit der Nutzung
der verschiedenen elektronischen Kommunikationskanäle zu verschiedenen Zeitpunkten im therapeutischen Kontakt
beschäftigt. Zudem wurden die neuen Möglichkeiten der Kontaktgestaltung bezüglich ihrer Nützlichkeit im Patienten-
kontakt bewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass die neuen elektronischen Medien in der Kommunikation zwischen Psy-
chotherapeuten und Patienten eine zentrale Rolle spielen. Die Bewertung der neuen Kommunikationsformen zeigt kein
eindeutiges Ergebnis, jedoch konnte festgestellt werden, dass die neuen elektronischen Kommunikationsmedien bei
den Psychotherapeuten die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend verschwimmen lassen.
wie hoch das Suchtpotenzial der Mediennutzung ist. Dieser
Diskurs kann an dieser Stelle nicht aufgearbeitet werden –
einen guten Einblick gibt die Kontroverse um das provokativ
formulierte Konstrukt der (drohenden) „Digitalen Demenz“
(Spitzer, 2012) in der „Psychologischen Rundschau“ (Ap-
pel & Schreiner, 2014, 2015; Spitzer, 2015); eine sorgfältige
Betrachtung des Themas aus jugendpsychotherapeutischer
Sicht finden sich etwa bei Labatzki (2013), Lehmkuhl und
Fröhlich (2013) oder Appel (2016).
Der vorliegende Beitrag fokussiert die Frage, wie sich der
Kontakt zwischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeu-
ten (KJP) und ihren (potenziellen) Patienten angesichts die-
ser hohen Bedeutung der Informationstechnologie gestaltet.
Hierzu wird – nach einem kurzen Überblick über die Informa-
tionstechnologien im Feld der Kinder- und Jugendlichenpsy-
chotherapie im Allgemeinen – eine Befragung von niederge-
lassenen KJP vorgestellt und diskutiert. Der Fokus des Bei-
trags liegt also auf den Behandelnden.
Stand der Diskussion: Neue Medien
in der Kinder- und Jugendlichen­
psychotherapie
Das Thema „Neue Medien“ oder genauer „IKT und Psycho-
therapie“ wird in verschiedener Weise wissenschaftlich be-
1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden im Folgenden nicht beide
Geschlechtsformen durchgehend genannt – selbstverständlich sind jedoch
immer Frauen und Männer gleichermaßen gemeint.
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Psychotherapeuten
journal
3/2016
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