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handelt, wobei die meisten Publikationen die Zielgruppe der
Erwachsenen fokussieren: Ott und Eichenberg (2003) unter-
teilen die gesundheitsbezogenen und gesundheitspsycholo-
gischen Aspekte der IKT aus psychologischer Sicht generell
in (1) Information, (2) Intervention, (3) Beziehungsänderung,
(4) (Unerwünschte) Nebeneffekte und (5) Forschung.
Das Internet bietet die Möglichkeit, schneller an
Informatio-
nen
über psychische – und natürlich auch körperliche – Er-
krankungen und Behandlungsmöglichkeiten zu gelangen, laut
Berger (2009) geben 80% der Internetnutzer an, gesund-
heitsrelevante Informationen über das Internet bezogen zu
haben. Eichenberg und Kienzle (2013) referieren eine Studie,
bei der mittels Onlinefragebögen in NRW 234 Psychothera-
peuten verschiedener Richtungen befragt wurden. Dabei ga-
ben 64,4% an, dass Patienten heutzutage informierter seien,
vor allem bezüglich potenzieller Diagnosen und Erfahrungen
anderer Patienten. Nach Stetina & Krypsin-Exner (2009) sind
„informierte PatientInnen aufwendiger, wollen aktiv an ihrer
Behandlung teilnehmen und verlangen mehr Zeit, noch mehr
Informationen und einen größeren Aufwand“ (ebd., S. 15).
In den Überblicken zur Mediennutzung bei
Interventionen
im
Rahmen von Psychotherapie bei Eichenberg (2011), Eichen-
berg und Ott (2012) oder Kordy (2013) werden die Chancen,
Risiken und Grenzen abgewogen, ohne dass es zu einer kla-
ren Positionierung kommt; es fehlen hierzu insbesondere Da-
ten von Langzeitstudien. Nach Wilhelm und Pfaltz (2009) ist
der begleitende Einsatz von IKT eher im Rahmen von Verhal-
tenstherapien zu finden; computergestützte Psychotherapie
gehört demnach bei vielen Verhaltenstherapeuten zum Alltag
(E-Mail, Skype, Programme für „Hausaufgaben“). Moessner
et al. (2008, S. 277) konstatierten gar, dass „dank der spezi-
fischen Eigenschaften neuer Medien (…) Versorgungslücken
erfolgreich gefüllt werden“ können.
Eine größere Zahl evaluierter Interventionsprojekte findet sich
zum – begleitenden – Einsatz der IKT im Rahmen der Psycho-
therapie bei umschriebenen Störungsbildern, z. B. bei Ess-
störungen (Bauer & Moessner, 2013; Moessner et al., 2013;
Zimmer et al., 2015). Wilhelm und Pfalz (2009) führen in ihrem
Übersichtsartikel Programme für weitere Störungsbilder auf.
Die Evaluationen der Studien sind eher positiv, wenngleich fast
ausnahmslos lediglich kleine Stichproben untersucht wurden.
Weitere Publikationen befassen sich mit Folgen der IKT-Nut-
zung – im Besonderen mit exzessivem Computerspielen, das
als Abhängigkeitserkrankung verstanden wird – als Gegen-
stand bzw. Inhalt von Psychotherapien (z. B. Wölling & Mül-
ler, 2013; Lehmkuhl & Fröhlich, 2013).
Sehr wenige Informationen stehen zur Frage zur Verfügung,
wie sich der
Kontakt
zwischen Psychotherapeut und Patient
mittels IKT gestaltet. Lediglich in der schon zitierten Studie
von Eichenberg und Kienzle (2013) gaben 92,4% der in NRW
befragten Psychotherapeuten an, E-Mail-Kontakt anzubieten,
welcher von 94% der Patienten genutzt wird, vor allem für
Formalitäten und als unterstützender Kontakt zwischen den
Sitzungen; dies wurde größtenteils positiv bewertet. In die-
ser Studie korreliert die Nutzung der Medien mit der psycho-
therapeutischen Ausrichtung: Psychoanalytisch bzw. tiefen-
psychologisch ausgebildete Psychotherapeuten nutzen die
IKT zum Kontakt mit ihren erwachsenen Patienten deutlich
seltener als Kollegen anderer Psychotherapierichtungen. Die
Einstellung der Psychotherapeuten zu
Onlineberatungsange-
boten
insgesamt konnte in der Summe als neutral betrachtet
werden (je älter, desto negativer die Einstellung, je vertrauter
mit dem Computer, desto positiver); hier zeigt sich kein Zu-
sammenhang zwischen psychotherapeutischer Ausrichtung
und Einstellung zu Onlineberatung.
Es ließen sich keine Untersuchungen identifizieren, die spe-
zifisch die Kontaktgestaltung zwischen Kindern/Jugendlichen
und Psychotherapeuten zum Gegenstand haben – wobei
Seiffge-Krenke (2013, S.179) unspezifisch konstatiert, dass
„die neuen Medien (…) als drittes Objekt sowohl in die Di-
agnostik als auch in die Behandlungstechnik eingreifen“. Vor
dem Hintergrund des hohen Nutzungsgrades der IKT durch
Jugendliche ist es von Interesse zu wissen,
wie
mit dieser
Zielgruppe Kontakte im Rahmen von Psychotherapie mithilfe
der neuen Medien gestaltet werden. Dies betrifft folgende
Themen: (a) Kontaktaufnahme/Anbahnung Erstkontakt, (b)
Kontakte während der Psychotherapie, (c) Vereinbarungen
bei Krisen, (d) Bedeutung für das Erleben des Behandelnden
und (e) mögliche Auswirkungen auf das Beziehungsgesche-
hen. Darüber hinaus ist die Frage interessant, ob sich der o. g.
Zusammenhang zwischen Kontaktgestaltung und psychothe-
rapeutischer Ausrichtung auch bei KJP wiederfinden lässt.
Forschungsfragen
Wesentliches Ziel der hier vorgestellten Untersuchung war
es, einen breiteren Einblick in die Kontaktgestaltung zwischen
jugendlichen und jungen erwachsenen Patienten (Altersgrup-
pe 13 bis 21 Jahre) und KJP zu gewinnen. Dies führte zu fol-
genden Einzelfragestellungen:
A)
Welche Kommunikationskanäle werden bei der
Kontakt-
aufnahme
genutzt?
B)
Welche Kommunikationskanäle werden im
Verlauf
der
Psychotherapie genutzt? Werden die IKT-Medien in be-
sonderer Weise in der Psychotherapie genutzt?
C)
Wie verändern sich
Kontaktverhalten und Kontaktintensität
bei Nutzung der IKT? Werden von den KJP Zusammenhän-
ge zwischen Mediennutzung und bestimmten Patienten­
typen beobachtet?
D)
Wie werden die erweiterten Formen der Kontaktgestal-
tung mittels IKT von den Psychotherapeuten
erlebt und
bewertet
?
E)
Welche Auswirkungen ergeben sich auf die
Arbeitszeiten
und
-gestaltung
?
3/2016 Psychotherapeuten
journal
243
M. Fröhlich-Gildhoff & K. Fröhlich-Gildhoff
1...,7,8,9,10,11,12,13,14,15,16 18,19,20,21,22,23,24,25,26,27,...106
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