PTJ_2016-3 - page 22

Ein Teil der Befragten meinte, dies „gehört zum Job“, man
müsse es mitmachen, weil das für die Jugendlichen die
normale Kommunikation sei.
(2)
Die Auswirkungen wurden
ambivalent
erlebt. So müsse
man einen „Mittelweg finden bzgl. der Verfügbarkeit“, die
Abgrenzung sei wichtig, „der Erreichbarkeitsfilter bleibt
ein Problem“.
(3)
Ebenso wurden die
negativen Auswirkungen
betont; dies
betraf die „permanente Abgrenzung“, auch würden „Miss-
verständnisse leicht entstehen“, drei Befragte gaben an,
dass diese Zeit „nicht bezahlt wird“.
F) Zusammenhänge zwischen Psychothera-
peutenmerkmalen, der Kontaktgestaltung
und dem Belastungserleben
Entsprechend der Forschungsfragen wurde versucht, aus
den Daten korrelative Zusammenhänge zwischen der Kon-
taktgestaltung und Psychotherapeutenvariablen – also den im
Fragebogen erhobenen soziobiografischen Daten – abzulei-
ten. Die Korrelationsanalysen erbrachten folgende Resultate:
„
„
Es konnte kein statistisch bedeutsamer Zusammenhang
zwischen psychotherapeutischer Grundorientierung und
Mediennutzung im Kontakt mit den jugendlichen Patienten
festgestellt werden.
„
„
Ebenso gibt es keinen statistisch signifikanten Zusammen-
hang zwischen dem Alter der Psychotherapeuten und er-
lebten Auswirkungen durch die veränderte Kontaktgestal-
tung über die IKT.
„
„
Es fand sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen
der persönlichen Nutzung der IKT und den erlebten Aus-
wirkungen auf die persönlichen Zeitressourcen.
„
„
Hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen der persönli-
chen Nutzung/Präferenz unterschiedlicher Medien (Tele-
fon, E-Mail, SMS, Facebook, WhatsApp) einerseits und der
Nutzung dieser Medien im Kontakt mit den Patienten ins-
besondere außerhalb der Psychotherapiesitzungen konn-
ten keine eindeutigen, statistisch relevanten Korrelationen
festgestellt werden. Allerdings zeigen sich tendenziell drei
„Kommunikationsmuster“ in der Gruppe der Psychothera-
peuten, die sich im persönlichen wie beruflichen Bereich
in gleicher Weise identifizieren lassen: Eine Gruppe bevor-
zugt privat wie beruflich das Telefon, eine weitere bevor-
zugt die Kommunikation per E-Mail und eine dritte nutzt
besonders häufig WhatsApp bzw. Facebook. Korrespon-
dierend wird die entsprechende Kommunikationsform mit
den jugendlichen Patienten präferiert. Die beschriebenen
Kommunikationsmuster sind als erste qualitative Hinweise
für weitere Untersuchungen zu verstehen, sie ließen sich
jedoch als Cluster statistisch nicht eindeutig abbilden.
Zusammenfassende Diskussion
Die referierte Untersuchung befasste sich mit der Frage, wie
sich der Kontakt zwischen KJP und ihren (potenziellen) Pati-
enten angesichts der hohen Bedeutung der IKT im Jugendal-
ter – aus der Perspektive der Behandelnden – gestaltet. Da-
zu wurde ein Fragebogen entwickelt, KJP wurden über die
Berufsverbände unterschiedlicher Psychotherapierichtungen
zur Beteiligung an der Studie angesprochen. Die Stichprobe
umfasste 170 Teilnehmer (70,4% weiblich, 39,6% männlich)
mit differierenden psychotherapeutischen Orientierungen
und einer breiten Altersspanne.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Kommunikation mittels der
IKT zwischen KJP und ihren jugendlichen Patienten eine gro-
ße Bedeutung gewonnen hat. Zwar findet der Erstkontakt in
der Regel immer noch per Festnetztelefon (79,4% der Fälle)
statt, aber bei fast einem Drittel der Psychotherapeuten und
nahezu der Hälfte der Patienten sind E-Mail, SMS und Whats-
App die bevorzugten Kommunikationsformen außerhalb der
regelmäßigen Psychotherapiesitzungen.
Die befragten Psychotherapeuten bewerteten die Möglich-
keiten der neuen Medien insbesondere zur Terminabsprache
in weitaus überwiegender Zahl als positiv, bei Krisen sind die-
se Medien neben dem Telefon ein sehr etabliertes Kommu-
nikationsmittel.
Die Kommunikation per IKT zwischen den Sitzungen wird un-
terschiedlich genutzt und bewertet: Knapp 60% der Psycho-
therapeuten bieten ihren Patienten diese Möglichkeit grund-
sätzlich an, allerdings würden vier Fünftel der Patienten dies
nicht oder nur selten nutzen. Wenn die Patienten sich melden,
erfolgt zumeist eine schnelle Antwort am selben Tag (53,6%)
oder innerhalb der nächsten zwei bis drei Tage (35,1%).
Die Psychotherapeuten erleben die Gestaltung der Kontakte
mittels der neuen IKT überwiegend positiv, v. a. weil dadurch
eine leichtere Terminvereinbarung möglich sei. Zugleich gibt
die Hälfte der Befragten an, dass die Kontaktintensität gestie-
gen ist und eine erhöhte zeitliche Belastung erlebt wird. Die
Nutzung der IKT zu Beginn, aber stärker noch im Verlauf einer
Psychotherapie erweitert also einerseits das psychotherapeu-
tische Kontakt- und Beziehungsangebot. Andererseits kann
diese Ausweitung zu einer Vermischung von berufsbezoge-
ner Zeit und Privatzeit führen: Es ist mehr (innerpsychischer)
„Aufwand“ nötig, um sich abzugrenzen und Berufliches und
Privates zu trennen. Dies gilt im Besonderen in der Arbeit mit
Patienten mit „Frühen Störungen“, „Strukturstörungen“ oder
„Grenzstörungen“.
In der Untersuchung konnten keine Zusammenhänge zwi-
schen soziobiografischen Daten bzw. psychotherapeutischer
Orientierung der Psychotherapeuten einerseits und der Nut-
zung der IKT andererseits festgestellt werden – dies ist ein
Unterschied zu den Daten einer vergleichbaren Studie im Er-
wachsenenbereich (Eichenberg & Kienzle, 2013).
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Psychotherapeuten
journal
3/2016
Die Bedeutung der neuen Informations- und Kommunikationstechnologie
für die Gestaltung des
Patientenkontakts
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