PTJ_2016-3 - page 24

Einführung
D
er Tod einer nahestehenden Person kann eine erschüt-
ternde Lebenserfahrung sein, welche unter Umstän-
den einen langfristigen oder lebenslangen Adaptions-
prozess zur Folge haben kann. Die wahrgenommene Tren-
nung von der verstorbenen Person ist eine der intensivsten
Trauerreaktionen, welche nicht nur psychisch, sondern auch
körperlich von den Trauernden erlebt werden kann. Dieser
intensive Trennungsschmerz wird häufig von einer starken
Sehnsucht nach der verstorbenen Person begleitet. Physio-
logische Untersuchungen konnten aufzeigen, dass insbe-
sondere in den ersten Tagen und Wochen nach dem Tod die
Trauerreaktionen einem Stress-Reaktions-Modell zugeordnet
werden können (O’Connor & Arizmendi, 2013) und sich nicht
von anderen belastenden Lebensereignissen (z. B. traumati-
scher Stress) unterscheiden. Sowohl eine erhöhte Herzrate
und erhöhte Kortisolwerte als auch erhöhte Blutdruckwerte
konnten in den ersten zwei Wochen nach dem Verlust nach-
gewiesen werden (Buckley et al., 2011; O’Connor, 2012). Erst
in den Wochen und Monaten nach dem Tod normalisiert sich
das Stresserleben und nimmt über den Verlauf des Trauerpro-
zesses kontinuierlich ab.
Der normale Trauerprozess wurde in einer Reihe von Theori-
en beschrieben. Insbesondere wurden in der Vergangenheit
Phasenmodelle, die einen bestimmten systematischen Ver-
lauf des Trauerprozess zugrunde legten, als häufige Erklä-
rungsansätze genannt. Kübler-Ross (1969) beschrieb in ihrem
Phasenmodell die folgenden fünf Trauerphasen: (1) Nicht-
wahrhabenwollen (
„Das ist nicht mein Kind …“
); (2) Wut; (3)
Feilschen (
„Wenn … dann …“
); (4) Depression und (5) Akzep-
tanz. Spätere Phasenmodelle (Bowlby, 1980; Worden, 1991)
wurden in Anlehnung an das Phasenmodell von Kübler-Ross
(1969) entwickelt. Der empirische Nachweis, inwieweit diese
einzelnen Trauerphasen so klar voneinander zu trennen sind
oder chronologisch aufeinander folgen, wurde bisher nur in
einer Studie („Yale Bereavement Study“) unternommen (Ma-
ciejewski, Zhang, Block & Prigerson, 2007). Die Ergebnisse
der Studie zeigten zwar, dass eine normale Trauer tatsächlich
einen systematischen Verlauf aufweist, dennoch wurden die
Symptome (z. B. Nichtwahrhabenwollen, Sehnsucht, Wut)
nicht phasenweise durchlebt, sondern zeigten ihre höchste
Ausprägung überlappend innerhalb der ersten sechs Monate
nach dem Verlust. Hingegen nahm die Akzeptanz des Verlus-
tes graduell während der dem Verlust folgenden 24 Monate
zu. Ein Theorieansatz der modernen Trauertheorien stellt das
Duale-Prozess-Modell
dar (Stroebe & Schut, 1999). Stroebe
und Schut (1999) integrierten mit ihrem
Dualen-Prozess-Mo-
dell
sowohl den Aspekt der Verarbeitung der Trauer als auch
die Bewältigung des zukünftigen Lebens ohne die verstor-
bene Person. Trauerarbeit wird in diesem Modell als dyna-
mischer Prozess verstanden, in welchem sich das verlustori-
entierte Verarbeiten mit dem wiederherstellungsorientierten
Bewältigen immer wieder zeitweise abwechselt.
Trotz der starken Negativsymptomatik ist Trauer Teil eines
normalen Lebenszyklus, der zu einem Leben gleichermaßen
dazugehört wie die Geburt oder andere wichtige Lebensab-
schnitte. Das heißt, Trauer ist an sich keine psychische Erkran-
kung, sondern Teil des normalen Lebensverlaufes eines jeden
Menschen. Insgesamt zeigten in Prävalenzstudien 65-99% der
Trauernden einen normalen nicht pathologischen Trauerverlauf
(Wagner, 2013a). Dennoch ist es für eine spezifische Gruppe
von Trauernden nicht möglich, einen normalen Trauerprozess
zu durchlaufen. Anstelle einer graduellen Abnahme der Trauer-
symptomatik im Verlauf der Zeit wird der Trauerprozess „kom-
plizierter“ und langanhaltender von den Betroffenen durchlebt.
Wann istTrauer eine psychische Erkrankung?
Trauer als diagnostisches Kriterium in der ICD-11 und im DSM-5
Birgit Wagner
Zusammenfassung:
Der Verlust einer nahestehenden Person hat in der Regel einen normalen und nicht pathologisch
verlaufendenTrauerprozess zur Folge. Die Reaktionen auf einenVerlust können sowohl kulturell als auch individuell sehr
unterschiedlich erlebt werden und nur ein kleiner Teil der Trauernden zeigt eine pathologische Symptomatik, welche
zu einer Einschränkung in sozialen und anderen wichtigen Lebensbereichen führt. Die Aufhebung der Trauer als Ex-
klusionskriterium bei der Depression im DSM-5 hat eine kritische Diskussion initiiert. Für die neue Ausgabe der ICD-11
wird aktuell die Aufnahme der lang anhaltendenTrauer als eigenständiges Krankheitsbild geplant, welches sich von der
Depression, posttraumatischen Belastungsstörung oder Anpassungsstörung unterscheidet. Dennoch stellen eine Reihe
von offenen Fragen wichtige Beiträge in der Debatte für eine anhaltendeTrauerstörung als Diagnose. Ab wann istTrauer
eine psychische Erkrankung? Inwieweit unterscheiden sich normale von pathologischen Trauerverläufen? Der Artikel
beschreibt den aktuellen Forschungsstand zum Thema Trauer als psychische Erkrankung in Abgrenzung zu normalen
Trauerreaktionen.
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