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Die Trauernden bleiben in ihren intensiven Trauergefühlen haf-
ten und zeigen Schwierigkeiten mit der Akzeptanz des Todes.
Häufig wird die anhaltende Trauerstörung von komorbiden psy-
chischen Erkrankungen wie beispielsweise der Depression,
posttraumatischen Belastungsstörung oder von Substanzmiss-
brauch begleitet. In einer deutschen Repräsentativbefragung
(
N
= 2.520) lag die bedingte Wahrscheinlichkeit, eine Diagnose
einer anhaltenden Trauerstörung zu erhalten bei 6.7% und die
Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung betrug 3.7% (Kersting,
Brähler, Glaesmer & Wagner, 2011). Risikofaktoren, eine an-
haltende Trauerstörung zu entwickeln, waren weibliches Ge-
schlecht, geringeres Einkommen, höheres Lebensalter und der
Verlust eines Kindes oder Partners.
Obwohl inzwischen empirische Evidenz dafür vorliegt, dass
es Unterschiede zwischen einer normalen und einer patholo-
gischen Trauerreaktion gibt (Prigerson et al., 2009), bleibt die
Skepsis nach wie vor bestehen, inwieweit die anhaltende Trau-
erstörung als eigenständiges diagnostisches Kriterium valide
gegenüber der normalen Trauer abzugrenzen ist. Die anhalten-
de Trauerstörung als diagnostisches Kriterium wird mitunter
kritisch sowohl von Wissenschaftlern
1
als auch von praktisch
tätigen Psychotherapeuten, Psychiatern und Berufsverbänden
diskutiert. Die beherrschende Fragen in der Diskussion um die
Aufnahme einer pathologischen Form von Trauer in die diag-
nostischen Klassifikationssysteme ist: Kann Trauer eine psychi-
sche Erkrankung sein? Inwieweit unterscheidet sich ein norma-
ler Trauerprozess von einem pathologischen Prozess? Der Arti-
kel beschreibt den aktuellen Forschungsstand der anhaltenden
Trauerstörung als eigenständiges diagnostisches Kriterium in
Abgrenzung zu normalen Trauerreaktionen.
Was ist eine normale Trauer?
Die Trauer um eine verstorbene Person verläuft individuell
und wird von multifaktoriellen Einflussfaktoren mitbestimmt.
Der Versuch, eine allgemeingültige Normierung der nicht pa-
thologischen Trauer empirisch zu definieren, fällt nach wie vor
schwer. Der normale Trauerprozess nach dem Tod einer na-
hestehenden Person beinhaltet eine Reihe von meist als be-
lastend empfundenen Symptomen wie beispielsweise Tren-
nungsschmerz, Traurigkeit und sozialer Rückzug. Der normale
Trauerprozess wird durch die Todesumstände, die Beziehung
zur verstorbenen Person und durch intrapsychische und sozi-
ale Faktoren beeinflusst.
Diese Ausprägungen können sich durch gesellschaftliche und
kulturelle Normen stark unterscheiden (Wagner, 2013a). In
früheren Jahren wurde die fehlende bzw. schwache Trauer
als eine pathologische Trauerreaktion eingeordnet (Bowlby,
1980). Die betroffenen Personen erlebten beispielsweise
nur in den ersten Tagen und Wochen nach dem Tod Gefüh-
le von Trauer und Verlust. Die
fehlende Trauer wurde früher als
behandlungswürdig eingestuft.
Inzwischen wurden eine Reihe
von Längsschnittstudien mit Trau-
ernden durchgeführt, die den pa-
thologischen Charakter einer ge-
ring ausgeprägten oder fehlenden
Trauer nicht belegen konnten (Bonanno et al., 2002; Bonanno,
Wortman & Nesse, 2004).
Trauerstörung – ein Ringen um den
richtigen Begriff
Während man sich auf der einen Seite uneinig ist, inwieweit
sich eine pathologische Trauerreaktion von einer normalen
Trauer abgrenzt, zeigt die mühevolle Suche nach einem Ter-
minus für einen nicht normalen Trauerverlauf, wie schwierig
es ist, die Diagnose in richtige Begrifflichkeiten zu fassen.
Die Trauer als Störungsbild wurde in den vergangenen Jah-
ren von verschiedenen Arbeitsgruppen und Denkschulen mit
unterschiedlichen Termini beschrieben. Horowitz et al. be-
nannten das Phänomen zunächst
pathologische Trauer
(Ho-
rowitz, Bonanno & Holen 1993). Prigerson et al. nutzten in
den 1990er-Jahren zunächst die Definition
komplizierte Trau-
er
(Prigerson et al., 1995) und später (1997-2001) wurde in
den Veröffentlichungen vor allem von
traumatischer Trauer
gesprochen (Prigerson et al., 1997). Durch die traumatischen
Ereignissen des 11. September 2001 in New York entschied
sich die Forschergruppe von Prigerson et al., wieder zu dem
Begriff der
komplizierten Trauer
zurückzukehren, da die Termi-
nologie „traumatisch“ zu sehr mit der posttraumatischen Be-
lastungsstörung in Verbindung gebracht worden sei. Im Jahre
2007 entschied sich die Forschergruppe von Prigerson und
Kollegen erneut zu einer Umbenennung der Terminologie (Pri-
gerson et al., 2009). In neueren Veröffentlichungen wurde der
Begriff der
„prolonged grief“
(
prolongierten Trauer)
verwen-
det. Im deutschsprachigen Raum hat sich seit Kurzem der
Begriff der
anhaltenden Trauerstörung
etabliert. Die häufigen
Wechsel der Begrifflichkeit waren der Findung eines einheit-
lichen Diagnosekriteriums nicht förderlich und verursachten
Verwirrung sowohl bei Wissenschaftlern und Praktikern als
auch bei Betroffenen.
Trauer im DSM-5
Entgegen der vorangegangenen Erwartung wurde die vorge-
schlagene Diagnose der anhaltenden Trauerstörung (Priger-
Trauer ist Teil eines normalen Lebenszyklus und gehört zu
einem Leben gleichermaßen dazu wie die Geburt oder andere wichtige
Lebensabschnitte.
1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden im Folgenden nicht beide Ge-
schlechtsformen durchgehend genannt – selbstverständlich sind jedoch immer
Frauen und Männer gleichermaßen gemeint.
3/2016 Psychotherapeuten
journal
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B. Wagner
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