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son et al., 2009) im DSM-5 (American Psychiatric Associati-
on, 2013) letztendlich nicht mit in das Klassifikationssystem
aufgenommen. Als Begründung wurde eine nicht ausreichen-
de empirische Evidenz angegeben, dass die anhaltende Trau-
erstörung eine eigenständige klinische Diagnose darstelle.
Der damalige Diagnosevorschlag wurde als unzureichender
Kompromiss bewertet. In den Medien fand parallel eine öf-
fentliche Diskussion statt, inwieweit trauernde Menschen
psychisch krank seien. Als Konsequenz aller Bedenken wur-
de der Diagnosevorschlag für die Edition des DSM-5 (APA,
2013) schließlich verworfen. Hingegen wurden einschnei-
dende Veränderungen im Hinblick der Diagnose einer De-
pression nach einem Todesfall hinzugefügt. Seit der Aus-
gabe des DSM-III beinhaltete die Diagnose der Depression
ein Ausschlusskriterium für Trauer. Eine Depression konnte
demzufolge nicht diagnostiziert werden, wenn die Sympto-
me durch eine Trauerreaktion erklärt werden konnten. In den
folgenden Revisionen des DSM-III-R und DSM-IV wurde das
Ausschlusskriterium ausgeweitet, indem eine Depressionsdi-
agnose auch dann bei einer Trauerreaktion gegeben werden
konnte, sofern die Symptomatik länger als zwei Monate vor-
handen war. Dieses Ausschlusskriterium sollte den normalen
Trauerverlauf berücksichtigen, um Trauernde nicht zu patholo-
gisieren. Im DSM-5 wurde indessen das Ausschlusskriterium
von Trauer bei der Depressionsdiagnose aufgehoben und der
Trauerreaktion somit ein neuer Platz im DSM-5 zugeordnet.
Anstelle einer eigenständigen Diagnose einer Trauerstörung
wurde die Diagnose für die Depression erweitert. Das bedeu-
tet, dass Trauernde nun gemäß der DSM-5-Diagnosekriterien
für eine Major Depression bereits zwei Wochen nach dem
Tod einer nahestehenden Person eine Depressionsdiagnose
erhalten können. Die Aufhebung des Exklusionskriteriums der
Depression ist in vielerlei Hinsicht problematisch. Zum einen
ist das Risiko, relativ früh im Trauerprozess die Fehldiagnose
einer Depression zu erhalten, sehr hoch. Die Gefahr der Ver-
gabe von ausufernden falsch positiven Diagnosen wurde von
vielen Kritikern erwähnt und diskutiert (Fox & Jones, 2013).
Trauer und Depression sind sehr komplexe psychische
Phänomene, die sich zum Teil in ihren Symptomen über-
lappen, aber auch deutlich voneinander unterscheiden. Der
wesentliche Unterschied zwischen einer anhaltenden Trau-
erstörung und einer Depression liegt in der Zeitdauer einer
normalen Trauerreaktion. Während bei den meisten Trau-
ernden die Schwere der Trauersymptomatik nach einiger
Zeit graduell abnimmt, werden bei der Depression mitunter
ein längerer Verlauf der depressiven Episoden beobachtet
(Fox & Jones, 2013). Typische Symptome der Depression
wie beispielsweise negative Selbstabwertung, motorische
Verlangsamung, Gefühle von Wertlosigkeit werden bei Trau-
ernden deutlich seltener gefunden. Allerdings sind die em-
pirischen differentialdiagnostischen Befunde zur Trauer und
Depression uneinheitlich. Während die Arbeitsgruppe von
Boelen und Kollegen (Boelen, van de Schoot, van den Hout,
de Keijser & van den Bout, 2010; Boelen, van den Bout &
de Keijser, 2003; Boelen & van den Bout, 2005) deutliche
Unterschiede zwischen der Trauer und der Depression in ih-
ren Studien fanden, konnten andere Forschergruppen keine
diagnostischen Unterschiede nachweisen (Zisook & Kend-
ler, 2007). Des Weiteren kann eine falsche Diagnose einer
Depression zu einer inkorrekten Verschreibung von Antide-
pressiva führen, im Versuch, die eigentlichen Trauersymp-
tome zu behandeln. Das ist dahingehend problematisch, da
es kaum nachgewiesene Wirksamkeit für Antidepressiva bei
einer Trauerstörung gibt (Bui, Nadal-Vicens & Simon, 2012;
Reynolds et al., 1999).
Forschungsdiagnose „persistierende kom-
plexeTrauerstörung“
Ergänzend wurde im DSM-5 als Appendix die
„persistieren-
de komplexe Trauerstörung“
als Forschungsdiagnose aufge-
nommen. Der Begriff wurde explizit als Forschungsdiagno-
se neu geschaffen, um sich bewusst nicht an vorangegan-
gene Konstrukte und Denkschulen (z. B. prolongierte Trauer,
komplizierte Trauer, traumatische Trauer) anzulehnen. Diese
neue Forschungsdiagnose berücksichtigte sowohl Symp-
tomcluster aus der vorgeschlagene Validierungsstudie für
die ICD-11 (Prigerson et al., 2009) als auch Symptome aus
einer Validierungsstudie mit einer klinischen Studienpopu-
lation, welche bereits an einer Form der pathologischen
Trauer litten (Simon et al., 2011). Einen wesentlichen Unter-
schied im Vergleich zum ICD-11-Diagnosevorschlag stellt
das Zeitkriterium dar. Während bei dem Vorschlag der ICD-
11 mindestens sechs Monate nach dem Verlust vergangen
sein sollten (Prigerson et al., 2009), liegt das Zeitkriterium
bei der Forschungsdiagnose des DSM-5 bei zwölf Monaten
nach dem Verlust.
Diagnosevorschlag für die ICD-11
In der bisherigen Edition der ICD-10 sind Diagnosen aufgrund
einer pathologischen Trauerreaktion nur begrenzt möglich,
und die meisten Diagnosen im Symptomspektrum der Trau-
er wurden bisher als Anpassungsstörung, Depression oder
posttraumatische Belastungsstörung vergeben (siehe Info-
kasten 1).
Vergleichbar mit der Diskussion um die Aufnahme der anhal-
tenden Trauer im DSM-5 gibt es derzeit parallele Bestrebun-
gen, die anhaltende Trauerstörung in der kommenden ICD-11
zu inkludieren (Maercker et al., 2013a; Maercker et al., 2013b).
Die anhaltende Trauerstörung als neuer Diagnosevorschlag
der ICD-11 legt einen Schwerpunkt auf zeitlich länger andau-
ernde Trauerreaktionen (Boelen & Prigerson, 2007; Prigerson
et al., 2009). Die Trauernden erleben starkes Verlangen und
Sehnsucht nach der verstorbenen Person, welches über ei-
nen längeren, mindestens sechs monatigen Zeitraum anhält
(Prigerson et al., 2009). Der Übergang von der akuten Trauer-
phase zur integrierten Trauer gelingt bei dieser Betroffenen-
gruppe nicht, und die trauernden Personen bleiben dauerhaft
in der akuten Trauerphase haften (Zisook et al., 2014). Der bis-
herige Vorschlag für die anhaltende Trauerstörung entspricht
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Psychotherapeuten
journal
3/2016
Wann ist Trauer eine psychische Erkrankung?
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