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weitestgehend den diagnostischen Kriterien des ursprüngli-
chen Diagnosevorschlags von Prigerson et al. (2009) (siehe
Infokasten 2).
Vorteile einer Diagnose einer anhaltenden
Trauerstörung
Die Argumente für die Aufnahme einer anhaltenden Trauer-
störung in die ICD-11 richten sich insbesondere auf die frühe
Identifizierung derjenigen aus, welche an einer anhaltenden
Trauerstörung leiden. Dieser Trauergruppe sollte entspre-
chende psychologische Unterstützung angeboten werden,
um eine chronische Entwicklung der Trauersymptomatik zu
verhindern. Nicht verarbeitete Trauer kann nicht nur langfris-
tige psychische Störungen zur Folge haben, sondern auch
somatische Erkrankungen (z. B. Herzerkrankungen) (Rostila,
Saarela & Kawachi, 2013a) oder eine erhöhte Mortalität auf-
weisen (Stroebe, 1994). Insbesondere Hinterbliebene von
Suizid haben ein vielfach höheres Risiko, ebenfalls an Sui-
zid zu sterben (Rostila, Saarela & Kawachi, 2013b). Weitere
wichtige Aspekte eines einheitlichen diagnostischen Kriteri-
ums wäre die Verbesserung von diagnostischen Messinst-
rumenten und Psychotherapieangeboten. Seit 1999 wurden
insgesamt fünf Metaanalysen und systematische Reviews
veröffentlicht, welche die Wirksamkeit von Trauerinter-
ventionen untersuchten. Tatsächliche Behandlungseffekte
konnten nur eingeschränkt nachgewiesen werden (Wagner,
2013b). Die Ergebnisse zeigten, dass unspezifische Trauerin-
terventionen nur einen schwachen bis keinen Behandlungs-
effekt erzielen konnten. Das heißt, aus wissenschaftlicher
Sicht konnte keine generelle Wirksamkeit von Trauerinter-
ventionen nachgewiesen werden. Dagegen erzielen Inter-
ventionen dann mittelstarke Behandlungseffekte, wenn sie
sich spezifisch an Trauernde richten, welche bereits an einer
anhaltenden Trauerstörung litten. Präventionsinterventio-
nen und Trauerinterventionen, die sich an alle Trauernden
ausrichteten, zeigen hingegen keine Therapiewirksamkeit
(Schut, Stroebe, van den Bout & Terheggen, 2001; Currier,
Neimeyer & Berman, 2008; Wittouck, van Autreve, de Jae-
gere, Portzky & van Heeringen, 2011) bis hin zu einem nega-
tiven Behandlungseffekt (Neimeyer, 2000).
Kritik an der anhaltendenTrauerstörung als
psychische Erkrankung
Obwohl inzwischen eine Reihe von Studien aufzeigen konn-
te, dass sich die anhaltende Trauerstörung differentialdiag-
nostisch von anderen Störungsbildern unterscheidet, gibt es
auch Kritik an einer zukünftigen Diagnose in der ICD-11. Ein
Aspekt, über den es nach wie vor Unklarheit gibt, betrifft den
qualitativen Unterschied zwischen der normalen Trauer und
einer anhaltenden Trauerstörung. Obwohl immer wieder die
Aussage gemacht wird, dass sich die anhaltende Trauerstö-
rung durch ein einzigartiges Symptomcluster von anderen
Störungsbildern unterscheidet (Lichtenthal, Cruess & Priger-
son, 2004), gibt es dennoch Einigkeit darüber, dass sich die
anhaltende Trauerstörung qualitativ nicht von der normalen
Trauer unterscheidet (Wagner, 2013a; Wakefield, 2013). Alle
Symptome, welche in den vorgeschlagenen diagnostischen
Kriterien aufgelistet sind (Holland, Currier & Gallagher-Thomp-
Infokasten 1:
Trauerreaktionen in der ICD-10
Bisher wurden pathologische Trauerreaktionen in der ICD-10 vorwie-
gend unter der Anpassungsstörung (F43.28) diagnostiziert. Bei der An-
passungsstörung werden implizit Trauerfälle mit eingeschlossen. Des
Weiteren konnten mit der Z-Kodierung diejenigen Fälle berücksichtigt
werden, in denen Probleme und Schwierigkeiten des Patienten gege-
ben sind (z. B. durch Trauerfälle) und den Gesundheitszustand negativ
beeinflussen. Die ICD-10 hat mit der Kodierung „Z63.4 Verschwinden
oder Tod eines Familienangehörigen, Vermuteter Tod eines Familien-
angehörigen“ eine Möglichkeit der Klassifizierung geschaffen, die al-
lerdings keinen Krankheitswert im Sinne einer psychischen Störung
darstellt.
Infokasten 2:
Diagnosevorschlag für die ICD-11 – Anhaltende Trauer­
störung
A.
Das Diagnostische Kriterium für die anhaltende Trauerstörung ist
dann erfüllt, wenn die Trauersymptomatik sich durch den Tod einer
nahestehenden Person entwickelt hat.
B.
Eine anhaltende Trauerstörung kann nur dann diagnostiziert wer-
den, wenn die Trauerreaktion außerhalb der normativen Erwartun-
gen des kulturellen Kontextes der Person liegen (mindestens also
sechs Monate nach dem Tod).
C.
Trennungsschmerz: das Gefühl von starker Sehnsucht und Suchen
nach der verstorbenen Person, welches sowohl körperliches als
auch emotionales Leiden fast täglich hervorruft.
D.
Psychosoziale Schwierigkeiten: Die Belastungen haben klinischen
Krankheitswert und behindern die betroffene Person in allen wich-
tigen Lebensbereichen.
E.
Zusätzlich sollten fünf oder mehr der folgenden Symptome täglich
oder zu einem beeinträchtigenden Ausmaß auftreten
„
„
Unsicherheit bezüglich der eigenen Gefühle oder der Rolle im
Leben
„
„
Schwierigkeiten, den Verlust zu akzeptieren
„
„
Vermeidung von Erinnerungen an den Verlust
„
„
Unfähigkeiten, anderen Menschen seit dem Verlust zu vertrauen
„
„
Gefühl von Verbitterung und Wut im Bezug auf den Verlust
„
„
Schwierigkeit, mit dem Leben voranzugehen
„
„
Emotionale Taubheit
„
„
Einsamkeitsgefühle und Sinnlosigkeit seit dem Tod
„
„
Gefühl von Schock und Erstarrung seit dem Verlust
(Jordan & Litz, 2014; Maercker et al., 2013a; Prigerson et al., 2009)
3/2016 Psychotherapeuten
journal
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B. Wagner
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