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son, 2009), können auch in den ersten Wochen und Mona-
ten nach dem Tod einer nahestehenden Person auftreten.
Der einzige Unterschied scheint tatsächlich das vorgegebe-
ne Zeitkriterium von mindestens sechs Monaten nach dem
Tod zu sein. Zwar wird eine Berücksichtigung der sozialen
und kulturellen Normen eingeräumt (Maercker et al., 2013a),
dennoch stellt sich hier die Frage, inwieweit ein solcher kul-
tureller und sozialer Kontext quantifiziert werden kann. Eine
Fallvignetten-Feldstudie der WHO untersuchte mit Studien-
teilnehmern aus verschiedenen internationalen Berufsgrup-
pen aus dem Bereich Mental Health (
N
= 1.789), inwieweit ei-
ne anhaltende Trauerstörung von einer normaler Trauer durch
die Teilnehmer diagnostiziert werden konnte (Keeley et al.,
2015). Die Teilnehmer zeigten deutliche Schwierigkeiten be-
züglich der Diagnosevergabe, inwieweit in der dargestellten
Fallvignette die Trauerreaktion eine kulturell bedingte norma-
le Trauerreaktion war oder eine klinisch relevante anhaltende
Trauerstörung präsentierte.
Das Zeitkriterium von mindestens sechs Monaten nach dem
Verlust stellt in vielen Diskussionen einen wesentlichen Kri-
tikpunkt der anhaltenden Trauerstörung dar. Dieses Zeitkrite-
rium impliziert die Annahme, dass einem länger andauernden
Trauerprozess ein Störungsprozess zugrunde liegt. Bedeutet
ein längerer Trauerprozess deswegen eine dysfunktionale
Anpassung an die veränderte Lebenssituation? Die Trauerver-
arbeitung kann ein langwieriger Prozess sein, der mit einem
wissenschaftlichen
Cut-off
-Wert von sechs Monaten nicht alle
Trauergruppen repräsentiert. Obwohl die meisten Trauernden
eine deutliche Abnahme der Trauersymptomatik innerhalb der
ersten sechs Monate bei sich wahrnahmen (Prigerson et al.,
2009), basiert dieses Zeitkriterium vorwiegend auf der Validie-
rungsstudie, welche mit älteren Witwern und Witwen (84%)
durchgeführt wurde, die im Durchschnitt 62 Jahre alt waren.
Nicht berücksichtigt wurden traumatische Todesfälle, jüngere
Altersgruppen, der Verlust eines Elternteils oder Geschwisters
in der Kindheit oder der Tod eines Kindes. Zahlreiche Studien
zu spezifischen Trauergruppen verdeutlichen, dass der Verlust
eines Kindes oder Elternteils langfristige Trauerreaktionen be-
deuten kann (siehe Tabelle). Dies wirft generell die Frage auf,
inwieweit eine Diagnose einer anhaltenden Trauerstörung un-
ter Berücksichtigung des Zeitkriteriums zu rechtfertigen ist,
wenn die Mehrheit der Betroffenen eine solche Diagnose er-
halten würde. Oder wäre es nicht eher ein Beleg dafür, dass für
bestimmte Trauergruppen ein normaler langfristiger Trauerpro-
zess zu erwarten ist, ohne dass dieser pathologisiert werden
sollte? Bei dem derzeitigen Diagnosevorschlag besteht die Ge-
fahr, dass zu viele falsch positive Diagnosen vergeben werden.
Dies betrifft insbesondere spezifische Trauergruppen – wie
beispielsweise trauernde Eltern, trauernde Geschwister und
Trauernde, die traumatische Todesfälle erlebt haben.
Einen weiteren Kritikpunkt an einer Diagnose einer anhalten-
den Trauerstörung stellen methodische Aspekte dar, welche
bisher nur begrenzt berücksichtigt wurden. Die diagnosti-
schen Kriterien für die anhaltende Trauerstörung wurden
maßgeblich durch ein Messinstrument, dem
Inventory of
Complicated Grief
(Prigerson et al., 1995) erfasst. Das bedeu-
tet, dass diese limitierte Zusammenstellung von Symptomen
eventuell wichtige andere Bereiche einer Trauerstörung ver-
nachlässigt hat (Shear et al., 2011). Dies betrifft beispielswei-
se Berücksichtigung der Todesumstände oder die Beziehung
zur verstorbenen Person. In der Vergangenheit wurden zahl-
reiche Denkschulen von nicht normalen Trauerreaktionen be-
schrieben (z. B.
„traumatische Trauer“
,
„komplizierte Trauer“
,
„pathologische Trauer“
), dennoch scheint eine theoriebasier-
te Herangehensweise, welche spezifische Todesumstände,
den Zusammenhang von Trauer und posttraumatischer Be-
lastungsstörung, altersbezogene Traueraspekte sowie die Be-
ziehung zur verstorbenen Person berücksichtigt, noch nicht
entwickelt worden zu sein (Kaplow, Layne & Pynoos, 2014).
Diskussion
Die Entscheidung, dass im DSM-5 vor drei Jahren die anhalten-
de Trauerstörung nicht als eigenständige Diagnose aufgenom-
men wurde, kann sowohl als Weckruf, aber auch als Neustart
Autoren
Trauergruppe Zeit seit Verlust Trauerverar-
beitung
Lannen et al.
(2008)
Trauernde Eltern 4-9 Jahre
26% Tod nicht
verarbeitet
23% ein wenig
verarbeitet
Dyregrov et al.
(2003)
Trauernde
Eltern nach
Verlust durch
gewaltsame und
unerwartete
Todesfälle
18 Monate
57-78% trauma-
tische Trauer
Dijkstra (2000)
Trauernde Eltern 20 Monate
komplizierte
Trauer:
50% Väter
75% Mütter
Lin & Lasker
(1996)
Trauernde Eltern
nach pränatalem
Verlust
2 Jahre
59% chronische
Trauer
Melhem et al.
(2011)
Trauernde Ju-
gendliche nach
dem Verlust
eines Elternteils
12 Monate
3 Jahre
31% langsame
Abnahme der
Trauersympto-
matik
10% anhaltende
Trauersympto-
matik
Bylund-
Grenklo et al.
(2016)
Trauernde Ju-
gendliche nach
dem Verlust
eines Elternteils
6-9 Jahre
49% unverarbei-
tete Trauer
Herberman
Mash et al.
(2013)
Trauernde
Geschwister
3 Jahre
57% komplizier-
te Trauer
Dyregrov et al.
(2014)
Trauernde
Geschwister
18 Monate
75% komplizier-
te Trauer
Tabelle: Zeitkriterium nach spezifischen Trauerfällen
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Psychotherapeuten
journal
3/2016
Wann ist Trauer eine psychische Erkrankung?
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