PTJ_2016-3 - page 29

bewertet werden. Auf der einen Seite wurde ein deutliches
Signal gegeben, dass die empirische Evidenz für ein eigenstän-
diges diagnostisches Kriterium nicht ausreichend zufrieden-
stellend gewesen ist. Mit der Aufnahme der
„persistierenden
komplexen Trauerstörung“
in den Appendix als Forschungsdia-
gnose wurde zeitgleich eine neue Aufforderung formuliert, das
Konzept der „pathologischen Trauerreaktion“ neu zu überden-
ken und empirisch abermals zu überprüfen. Was kann aus der
Erfahrung des DSM-5 im Hinblick auf die ICD-11 gelernt wer-
den? Das diagnostische Kriterium der anhaltenden Trauerstö-
rung beruht zunächst auf der gleichen Validierungsstudie wie
seinerseits der Diagnosevorschlag für den DSM-5 (Prigerson
et al., 2009). Das heißt, einige der unbeantworteten Fragestel-
lungen, welche beim DSM-5 zur Ablehnung führten, sind nach
wie vor nicht ausreichend empirisch belegt.
Zwar zeigen die empirischen Daten, dass sich die anhalten-
de Trauerstörung von anderen psychischen Erkrankungen
(z. B. Depression, posttraumatische Belastungsstörung und
Anpassungsstörung) differentialdiagnostisch unterscheidet,
dennoch fehlt nach wie vor eine ausreichende empirische
Grundlage für die Differenzierung zwischen einer intensiven
normaler Trauersymptomatik und einer anhaltenden Trau-
erstörung. Der einzige Unterschied ist, dass sich bei der
anhaltenden Trauerstörung die Symptome im Lauf der Zeit
weniger abschwächen (Wakefield, 2012). Dennoch sollte das
Zeitkriterium von sechs bis zwölf Monaten als
Cut-off
für eine
psychische Störung nach wie vor diskutiert werden. Wake-
field (2012) ist einer der prominentesten Kritiker der Diagnose
einer anhaltenden Trauerstörung. Er argumentiert, dass Trau-
erverläufe auch langsamer (mehr als zwölf Monate) verlau-
fen können, ohne dass dies als pathologisch zu bezeichnen
wäre. Er bestreitet das Vorhandensein der „Unnabänderlich-
keits-Hypothese“. Die „Unnabänderlichkeits-Hypothese“
geht davon aus, dass Trauersymptome, welche nach sechs
bis zwölf Monaten noch intensiv erlebt werden, nicht mehr
von selbst graduell abnehmen und somit zu einem
Cut-off
für
eine psychische Störung werden. Dennoch zeigten Studien,
dass auch bei den meisten der langsamen Trauerverläufe die
Symptome im Laufe der Monate langsam abnehmen können
(Bonanno et al., 2002; Horowitz, Siegel, Holen, Bonnano,
Milbrath & Stinson, 1997; Maciejewski et al., 2007). Wake-
field (2012) sieht es als problematisch an, dass die anhaltende
Trauerstörung letztendlich Schwellenwerte für die Trauerzeit
einschließt, welche noch innerhalb unserer kulturellen und
traditionellen Vorstellung von einer intensiven Trauerzeit lie-
gen (Wakefield, 2012). Die Diskussion um das Zeitkriterium
wirft generell die Frage auf, wie lange Trauer in unserer mo-
dernen Gesellschaft dauern darf? Viele Rituale haben in der
heutigen Zeit ihre Bedeutung verloren und Trauernden wird
immer weniger Zeit gegeben, ihren Verlust zu verarbeiten.
So ist der Anspruch auf Sonderurlaub nach einem Todesfall
häufig von Verwandtschaftsgraden und dem Arbeitgeberver-
hältnis abhängig. In der Regel stehen Betroffenen nach dem
Verlust eines Kindes oder Ehepartners zwei Tage Sonderur-
laub zu. Längere Fehlzeiten werden meistens durch die ärzt-
liche Krankschreibung geregelt. Dies zeigt auch das Dilemma
in der Diskussion um eigenständige diagnostische Kriterien
für die Trauer auf.
Weitere wichtige Aspekte sollten in der zukünftigen Forschung
der anhaltenden Trauerstörung als eigenständiges Kriterium
Berücksichtigung finden. Dazu gehört die Differenzierung der
Forschung in altersentsprechende und gruppenspezifische
Kategorien und entsprechende Testverfahren. Ein 17-jähriger
Jugendlicher, der seine Mutter durch einen Verkehrsunfall oder
Suizid verliert, hat unter Umständen einen anderen entwick-
lungsbedingten Trauerprozess als eine 65-jährige Witwe nach
30 Ehejahren. Bisher gibt es nur sehr wenige Langzeitstudien,
die sich differenziert mit den spezifischen Trauergruppen und
deren Trauerverläufen beschäftigen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die For-
schungsbestrebungen in den vergangenen 20 Jahren wich-
tige Arbeiten im Hinblick auf Trauerprozesse und Konzeptu-
alisierung von Trauer hervorgebracht haben. Es sind sich die
meisten darüber einig, dass es betroffene Trauernde gibt, wel-
che selbst nach vielen Jahren nach wie vor in ihrer intensiven
Trauersymptomatik verhaftet sind. Häufig sind dies Patienten,
welche schon vor dem Tod eine konfliktreiche Beziehung zur
verstorbenen Person aufzeigten oder bei denen unverarbei-
tete traumatische Aspekte eine graduelle Trauerverarbeitung
verhinderten. Für diese Patienten ist es wichtig, geeignete
Messinstrumente und verbesserte Behandlungsoptionen zu
entwickeln. Der aktuelle Forschungsstand zeigt allerdings
auch die Lücken auf, für die es noch weiteren Forschungs-
bedarf gibt. Dies betrifft insbesondere das Zeitkriterium von
sechs bis zwölf Monaten und die Normierung von normaler
Trauer abhängig vom soziokulturellen Hintergrund.
Literatur
Die Literaturangaben zu diesem Artikel finden Sie auf der Internetseite der
Zeitschrift unter
Prof. Dr. BirgitWagner
Medical School Berlin
Villa Siemens
Calandrellistraße 1-9
12247 Berlin
Prof. Dr. phil. Birgit Wagner ist Professorin für Klinische Psy-
chologie und Verhaltenstherapie an der Medical School Berlin
und Psychologische Psychotherapeutin. 2007 erhielt sie für
ihre Arbeit den Forschungspreis der Deutschen Gesellschaft
für Psychotraumatologie (DeGPT). Ihre Forschungs- und The-
rapieschwerpunkte sind die Traumafolgestörungen mit einem
Schwerpunkt auf die anhaltende Trauerstörung und internet-
basierter Psychotherapie. Sie ist im wissenschaftlichen Bei-
rat des Bundesverbandes verwaiste Eltern und trauernde Ge-
schwister Deutschland e. V.
3/2016 Psychotherapeuten
journal
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B. Wagner
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