PTJ_2016-3 - page 30

Die psychotherapeutische Ausbildung aus
Sicht der Ausbildungsteilnehmerinnen und
-teilnehmer
Eine Befragung zu Veränderungsvorschlägen und der Einstellung zum
Direktstudium
Marie Drüge & Sandra Schladitz
Zusammenfassung:
Die psychotherapeutische Ausbildung gerät derzeit einerseits aufgrund der Umstrukturierung der
Ausbildung (Planung eines Direktstudiums) und andererseits durch berichtete Missstände während der Ausbildung
vielfach in den Fokus. In der vorliegenden Untersuchung wurden die Angaben von
N
= 903 Psychotherapeuten und
-therapeutinnen in Ausbildung
1
(Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten)
zu Änderungsbedarf und Veränderungsvorschlägen in der derzeitigen Ausbildung sowie zu einer Stellungnahme zum
Direktstudium ausgewertet. In den Ergebnissen sind ein akuter Änderungsbedarf in der PraktischenTätigkeit sowie eine
Ambivalenz gegenüber dem geplanten Direktstudium zu erkennen. Es wird deutlich, dass sich die größte Unzufrieden-
heit auf die Rahmenbedingungen bezieht, auf die in der Umstrukturierung entsprechend besonderes Augenmerk gelegt
werden sollte.
Problemstellung
D
ie Ausbildung zum Psychotherapeuten/zur Psycho-
therapeutin (Psychologische Psychotherapeuten,
PP; Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten,
KJP) blickt derzeit im Zusammenhang mit der Reform des
Psychotherapeutengesetztes (PsychThG) großen Verände-
rungen entgegen. Besonders das Modell des Direktstudi-
ums wird stark diskutiert (z. B. Krämer, 2015; Siegel, 2015;
Abele-Brehm & Rief, 2016; Berufsverband Deutscher Psy-
chologinnen und Psychologen, 2016). Interessant dabei ist,
dass die Debatte sowohl aufseiten der Wissenschaftler als
auch aufseiten der Praktiker vielfach auch von Personen ge-
führt wird, welche die Ausbildung zu PP oder KJP nach dem
PsychThG nicht durchlaufen haben. Gleichzeitig wird derzeit
in den Medien von einem Missstand in der Ausbildung be-
richtet, Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) nennen sich
häufig „Psychotherapeuten in Ausbeutung“ (z. B. Hütten,
2014; Spanner, 2015). Die Sicht der derzeitigen PiA auf Än-
derungsbedarf, Veränderungsvorschläge sowie das Direkt-
studium wird bislang allerdings wenig berücksichtigt. Wie
empfinden PiA ihre derzeitige Ausbildungssituation? Mit
welchen Aspekten der Ausbildung sind sie zufrieden bzw.
wo sehen sie Veränderungsbedarf? Welche konkreten Än-
derungsvorschläge haben PiA? Wie stehen sie dem Direkt-
studium gegenüber? Der vorliegende Beitrag versucht, sich
dieser wichtigen Perspektive anzunähern.
Theoretische und Empirische
Grundlagen
Die Überarbeitung des PsychThG sowie die Zugangsvor-
aussetzungen zur Ausbildung wurden im Koalitionsvertrag
von 2013 festgelegt. Die Reform soll sowohl die durch die
Umstellung auf Bachelor-/Master-Studium entstandenen
Schwierigkeiten in den Zugangsvoraussetzungen lösen als
auch weitere Probleme (z. B. angemessene Vergütung in der
Praktischen Tätigkeit) der Ausbildung aufgreifen. In diesem
Zusammenhang wird vielfach auch ein Direktstudium disku-
tiert.
Der 25. Deutsche Psychotherapeutentag hat mit einer Mehr-
heit von 67,2% (Siegel, 2015) verschiedene Eckpunkte zur
Reform der psychotherapeutischen Ausbildung beschlossen
(Deutscher Psychotherapeutentag, 2015). In einer ersten
Qualifizierungsphase an einer wissenschaftlichen Hoch-
schuleinrichtung, die sich bis einschließlich Master-Studium
erstreckt, sollen alle vier Grundorientierungen (psychodyna-
misch, verhaltenstherapeutisch, humanistisch, systemisch)
sowie Inhalte bezogen auf die gesamte Altersspanne gelehrt
werden. Diese Phase soll mit einem Staatsexamen mit einer
Approbation abgeschlossen werden. In einer anschließenden
zweiten Qualifizierungsphase in Weiterbildungsstätten (ehe-
malige Ausbildungsstätten) sollen eine Vertiefung in den wis-
1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden im Folgenden nicht beide
Geschlechtsformen durchgehend genannt – selbstverständlich sind jedoch
immer Frauen und Männer gleichermaßen gemeint.
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Psychotherapeuten
journal
3/2016
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