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senschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Verfahren
und eine Qualifizierung für eine Altersspanne erfolgen. Dieser
Abschluss wiederum stellt die Voraussetzung für die eigen-
ständige Behandlung Krankenversicherter dar.
Stimmen, die sich für den Erhalt der postgradualen Ausbil-
dung aussprechen, betonen die Wichtigkeit der Koppelung
der Grundlagenwissenschaft (Psychologie) an die Psycho-
therapie, die Wichtigkeit von supervidierter Praxiserfahrung
und Selbsterfahrung sowie die hohen Umsetzungskosten
für Einzelne und Bundesländer (Krämer, 2015). Zudem sehen
kritische Stimmen aufgrund der kürzeren Ausbildung die Ver-
sorgungsqualität in Gefahr. Gleichzeitig fordern sie eine ein-
heitliche Zugangsvoraussetzung und klare Vergütungsregeln
(ebd.). Auf der anderen Seite gibt es positive Stimmen, die
die Implementierung des Direktstudiums an den psycholo-
gischen Instituten der Universitäten als prinzipiell günstig er-
achten (z. B. Benecke, 2013) und von verschiedenen bereits
bestehenden Konzepten der Lehrerfahrungen an den Uni-
versitäten (z. B. Fallseminare) berichten (Rief, Abele-Brehm,
Fydrich, Schneider & Schulte, 2014). Im Folgenden werden
die Argumente beider Seiten ausführlicher dargestellt und an-
schließend weitere empirische Befunde zur Situation der PiA
präsentiert.
Das Psychotherapeutenjournal befragte Vertreter von Ausbil-
dungsinstituten (Corman-Bergau & Pichler, 2016), die Präsi-
dentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs; Vo-
gel, 2015), Psychologiestudierende (Corman-Bergau & Wirth,
2015) sowie Professoren, die im Ausland tätig sind (Springer
& Vogel, 2015). Auf die staatlich anerkannten Ausbildungsin-
stitute käme eine komplette Umstellung der bisherigen post-
gradualen Ausbildung zu Weiterbildungsinstituten zu. Vortei-
le sehen die Vertreter in der strukturellen Verbesserung für
die PiA, z. B. in der ökonomischen Verbesserung oder dem
professionellen Selbstverständnis (Corman-Bergau & Pichler,
2016). Nachteile sehen sie in der bisherigen starken Fokus-
sierung der klinisch-psychologischen Lehrstühle auf das Ver-
fahren der Verhaltenstherapie, in der Gefahr, dass die psycho-
therapeutische Ausbildung nicht (über Ausbildungsinstitute)
zentral koordiniert und gesteuert werden und außerdem die
Legaldefinition von Psychotherapie bedroht sein könne. Zu-
dem wird betont, dass jegliche empirische Evidenz für eine
allgemeine, verfahrensfreie Psychotherapie fehle (ebd.). Die
Präsidentin der DGPs (Vogel, 2015) betonte die therapeuti-
sche Vielfalt der Verfahren und Behandlungsmethoden, die
im Direktstudium berücksichtigt werden sollten, und mahnte
zudem an, dass das Direktstudium nicht zu Lasten der ande-
ren psychologischen Teildisziplinen führen dürfe. Als Vorteil
wird die engere Verknüpfung von Psychotherapieforschung
mit der Praxis beschrieben (ebd.). Die Psychologiestudieren-
den stehen der Umstrukturierung ambivalent gegenüber: Ei-
nerseits befürchten die Studierenden, die Umstrukturierung
könne – ähnlich der Bologna-Reform – ihre vielen Verspre-
chungen nicht halten und andererseits könne sich die derzei-
tige Fokussierung der Lehrstühle auf die Verhaltenstherapie
fortsetzen und die Verfahrensvielfalt somit eingrenzen. Die
Studierenden empfinden eine Wahl zum Direktstudium nach
dem Abitur als sehr früh und fordern „Umwege und Brüche“,
die neben der „Autobahn“ Direktstudium bestehen können
sollen (ebd.). Andererseits könne man sich frühzeitiger spe-
zialisieren (Corman-Bergau & Wirth, 2015), was als Vorteil
eines Direktstudiums betrachtet wird. In der Außenperspek-
tive betonen im Ausland tätige Professoren, wie einmalig der
freie Zugang zur Psychotherapie, das PsychThG und, damit
verbunden, wie hochqualifizierend die Ausbildung zum Psy-
chotherapeuten in Deutschland sei (Springer & Vogel, 2015).
Allerdings wird die Psychotherapie-Richtlinie, die zu den
zwei Klassen der Verfahrenslandschaft (Richtlinienverfah-
ren und weitere wissenschaftliche Verfahren) führt, auch als
Behinderung der Integration und des schulenübergreifenden
Denkens gesehen (ebd.). Kritisiert wurde am derzeitigen
System, dass die Ausbildung an den Instituten zu weit ent-
fernt von der Forschung stattfände, wohingegen das Direkt-
studium sehr „vollgestopft“ wirke (ebd.). Die Qualität der
Ausbildung bis zur Approbation könne sich verringern, eben-
so die Spezialisierung in Forschung und Praxis auf die KJP
(ebd.). Einerseits sollten Reformen nur behutsam vorgenom-
men werden im Sinne von
„never change a winning team“
,
andererseits sehen die im Ausland tätigen Professoren die
überstarke Verfahrensorientierung sowie die Ausbeutung der
PiA als veränderungsbedürftig (ebd.).
Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit wurde
von Strauß und Kollegen (2009) ein Forschungsgutachten zur
psychotherapeutischen Ausbildung verfasst, in dem in einer
umfangreichen Befragung auch die Perspektive der PiA be-
rücksichtigt wurde. Es zeigte sich, dass die Ausbildungsteil-
nehmer die einzelnen Abschnitte unterschiedlich beurteilten:
Während die Praktische und die Theoretische Ausbildung, die
Selbsterfahrung und die Supervision eher positiv bewertet
wurden, fiel die Bewertung für die Praktische Tätigkeit ne-
gativer aus und es wurden viele Verbesserungen genannt
(z. B. Vergütung oder Betreuung). Die bisherige empirische
Forschung zu PiA fokussierte zudem auch spezielle Aspekte,
wie beispielsweise die geringe Vergütung der Praktischen Tä-
tigkeit (Hölzel, 2006), die psychische Gesundheit im Vergleich
zu approbierten Psychotherapeuten (Schröder & Reis, 2015)
oder zur Allgemeinbevölkerung (Grundmann, Sude, Löwe &
Wingenfeld, 2013). Hölzel (2006) bestätigte die starke finan-
zielle Belastung, die in Diskussionen immer wieder berichtet
wird: In der Praktischen Tätigkeit gaben über die Hälfte der
Probanden an, kein Gehalt zu beziehen. Dies ist besonders
unter Berücksichtigung der durch die Ausbildung entstehen-
den Kosten zu beachten: 55,9% finanzierten sich die Aus-
bildung durch das Gehalt aus einer nicht psychologischen
Nebentätigkeit. Schröder und Reis (2015) fanden, dass PiA
mehr psychische Belastung sowie stärkere Erschöpfung und
ein geringeres Wohlbefinden berichteten als approbierte Psy-
chotherapeuten. Gleichzeitig nahmen sie Ressourcen in ähn-
lichem Maß wahr. Grundmann, Sude, Löwe und Wingenfeld
(2013) zeigten, dass PiA häufig ein Schonungs- oder Erschöp-
fungsmuster in Zusammenhang mit ihren arbeitsbezogenen
Verhaltens- und Erlebensmuster aufwiesen, die beide durch
3/2016 Psychotherapeuten
journal
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M. Drüge & S. Schladitz
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