PTJ_2016-3 - page 32

geringes Arbeitsengagement gekennzeichnet waren, sich
aber im Ausmaß der Distanzierungsfähigkeit unterschieden.
Es zeigten sich allerdings keine Unterschiede in der Unzufrie-
denheit mit der alltäglichen Arbeit oder dem Mangel an sozi-
aler Anerkennung, verglichen mit der Allgemeinbevölkerung
(ebd.).
Benecke und Eschstruth (2015) befragten 430 Studierende
im Master-Studium Psychologie zur wahrgenommenen Ver-
fahrensvielfalt und dem Praxisbezug in ihrem Studium. Rund
ein Drittel der Studierenden gab an, dass psychodynamisches
(34,0%), humanistisches (32,4%) und systemisches (33,4%)
Wissen in ihrem Studium „gar nicht“ vermittelt wurden und
die kognitive Verhaltenstherapie bei Erwachsenen den Groß-
teil der Wissensvermittlung einnahm (ebd.). Die Studierenden
gaben weiterhin an, sich nicht gut auf die praktisch-therapeu-
tische Tätigkeit vorbereitet zu fühlen (ebd.). Aus den Ergeb-
nissen ergaben sich für Benecke und Eschstruth (2015) die
Forderungen nach 1. einer stärkeren Verfahrensausgewogen-
heit, 2. einer stärkeren Berücksichtigung von Besonderheiten
der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie sowie 3. einer
stärkeren Vermittlung praktischer Kompetenzen.
Ziele der Untersuchung
Basierend auf den dargestellten theoretischen und empiri-
schen Grundlagen soll die vorliegende Untersuchung dazu
dienen, die bisherige psychotherapeutische Ausbildung aus
Sicht der PiA zu beurteilen. Dabei soll ein besonderes Augen-
merk sowohl auf dem Änderungsbedarf der einzelnen Aus-
bildungsabschnitte als auch auf Veränderungsvorschlägen
seitens der PiA liegen. Des Weiteren stellt ein Ziel der Unter-
suchung dar, zu überprüfen, welche Einstellung die PiA zur
Einführung des Direktstudiums haben und welche Begrün-
dungen sie für ihre Entscheidung geben.
Methodisches Vorgehen
Fragebogen
Zur Beantwortung der leitenden Forschungsfragen wurden
Fragen ausgewertet, die in eine größere Online-Erhebung
eingebunden waren. Neben demografischen Angaben und
Angaben zur Ausbildung wurden auch Anforderungen, Res-
sourcen und psychische Beanspruchung in der psychothera-
peutischen Ausbildung erfasst. Die für die vorliegende Un-
tersuchung relevanten Fragen werden im Folgen vorgestellt.
Zur Abfrage des Änderungsbedarfs waren die Bereiche Prak-
tische Tätigkeit I, Praktische Tätigkeit II, Praktische Ausbil-
dung, Theoretische Ausbildung, Selbsterfahrung und Super-
vision vorgegeben, die von den Probanden in eine Reihen-
folge gebracht werden sollten. Dabei sollten die Bereiche
von 1 (mit dem stärksten Änderungsbedarf) bis 6 (mit dem
geringsten Änderungsbedarf) angeordnet werden. Anschlie-
ßend an diese Aufgabe sollten in einem offenen Format Än-
derungsvorschläge für die psychotherapeutische Ausbildung
angegeben werden.
Bezogen auf das Direktstudium wurden die Probanden ge-
beten anzugeben, ob sie sich eher für oder gegen ein Direkt-
studium aussprechen. Um von den Befragten eine eindeutige
Aussage zu erhalten, wurde auf eine „Unentschieden“-Ka-
tegorie verzichtet und die Frage musste mit „eher ja“ oder
„eher nein“ beantwortet werden. Anschließend sollte in ei-
nem offenen Format die Wahl begründet werden.
Stichprobe
Um eine möglichst große Stichprobe zu erhalten, wurden
zum einen Ausbildungsinstitute gebeten, den entsprechen-
den Link über ihre E-Mail-Verteiler zu verbreiten, zum an-
deren wurde über Gruppen in sozialen Netzwerken darauf
aufmerksam gemacht. Insgesamt nahmen
N
= 945 Personen
an der Onlinebefragung teil. Datensätze, in denen nur die ers-
te Seite bearbeitet wurde, wurden anschließend aussortiert,
wodurch sich die endgültige Stichprobe für die folgenden
Analysen auf
N
= 903 belief. Die Antwortenden waren zu
83,9% weiblich und im Durchschnitt
M
= 30,63 Jahre alt
(
SD
= 5,58). Die wöchentliche Arbeitszeit im Rahmen der
psychotherapeutischen Ausbildung umfasste durchschnitt-
lich
M
= 27,16 Stunden (
SD
= 13,60), zählten weitere neben-
berufliche Tätigkeiten hinzu, arbeiteten die Teilnehmenden
im Durchschnitt
M
= 43,10 Stunden (
SD
= 11,63). 74,6% der
Stichprobe befanden sich in der Ausbildung zu PP und 23,9%
in der zu KJP. Die verbleibenden Personen gaben beide Spezi-
alisierungen an. Bezüglich der Verfahren befanden sich 79,2%
in einer verhaltenstherapeutischen Ausbildung und 17,0% in
einer psychoanalytischen oder tiefenpsychologischen Ausbil-
dung. Die restlichen 3,8% gaben mehrere Verfahren oder ei-
ne Ausbildung zu systemischen Psychotherapeuten an.
Datenanalyse
Zur Beantwortung der beiden quantitativen Fragen
(Änderungsbedarf in den Ausbildungsbereichen sowie Mei-
nung zur Einführung eines Direktstudiums) wurden die Häu-
figkeiten ausgezählt. Im ersten Fall, wie häufig der jeweilige
Ausbildungsbereich an den jeweiligen Rangplatz sortiert wur-
de, und im zweiten Fall, wie häufig dafür und dagegen ge-
stimmt wurde. Die qualitativen Daten wurden angelehnt an
die Qualitative Inhaltsanalyse (Mayring, 2003) ausgewertet.
Die übergeordneten Kategorien wurden induktiv gebildet,
d. h. von den vorhandenen Daten abgeleitet. Die Auswertung
folgte der zentralen Vorgehensweise der inhaltlichen Struktu-
rierung. In einem ersten Materialdurchlauf wurden die Kate-
gorien definiert und Ankerbeispiele markiert; hierbei wurden
die Kategorien fortlaufend adaptiert, um eine bestmögliche
Passung zu den Daten zu gewährleisten. In einem zweiten
Materialdurchlauf wurde das Material den Kategorien inhalt-
lich zugeordnet und im letzten Schritt quantitativ ausgewertet
(ebd.).
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Psychotherapeuten
journal
3/2016
Die psychotherapeutische Ausbildung aus Sicht der Ausbildungsteilnehmerinnen und -teilnehmer
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