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gen Diskurs wider: Der größte Änderungsbedarf wird in der
Praktischen Tätigkeit I und der zweitgrößte in der Praktischen
Tätigkeit II gesehen. Möglicherweise sind diese Ergebnis-
se auf die von Hölzel (2006) empirisch belegte schwierige
Finanzierung zurückzuführen. Eine andere Erklärung könnte al-
lerdings sein, dass die Praktischen Tätigkeiten mit insgesamt
mindestens 1.800 Stunden den zeitaufwändigsten Teil der
Ausbildung umfassen, der den PiA dadurch präsenter ist.
Zudem ist anzumerken, dass ein Teil der Antwortenden die
Praktische Ausbildung noch nicht begonnen hatte, daher ist
fraglich, inwieweit sie sich hierzu ein fundiertes Urteil basie-
rend auf eigenen Erfahrungen bilden konnten. In der Theore-
tischen Ausbildung, der Supervision und der Selbsterfahrung
wird verhältnismäßig am wenigsten Änderungsbedarf gese-
hen, dies könnte als weitestgehende Zufriedenheit interpre-
tiert werden, wie es sich auch in Ergebnissen im Forschungs-
bericht zur psychotherapeutischen Ausbildung (Strauß et al.,
2009) zeigte. Allerdings sollte an dieser Stelle erwähnt wer-
den, dass die Reihung der einzelnen Ausbildungsbereiche
erzwungen wurde, woraus folgt, dass Änderungsbedarfe
nicht gleich hoch eingeschätzt werden konnten. Für weitere
Studien wäre die einzelne Abfrage der Änderungsbedarfe zu
empfehlen.
Allerdings zeigte sich auch in der offenen Frage zu Verän-
derungsvorschlägen, dass knapp Dreiviertel der Vorschläge
den Kategorien Rahmenbedingungen und Praktische Tätig-
keit zuzuordnen sind. Auch hier spiegeln sich die berichteten
Missstände in der Praktischen Tätigkeit wider, beispielsweise
bezüglich Vergütung und Betreuung, wie sie auch schon im
Forschungsgutachten zur psychotherapeutischen Ausbildung
(Strauß et al., 2009) gefordert wurden. Veränderungsvor-
schläge in den anderen Bereichen der Ausbildung (Theoreti-
sche Ausbildung, Supervision und Selbsterfahrung) sind eher
gering. Die Reduzierung der psychosozialen Belastung und
daraus resultierenden Erschöpfung der PiA, die von Grund-
mann et al. (2013) sowie Schröder und Reis (2015) berichtet
wurde, wird hingegen eher selten genannt. Dieser Befund
wurde an derselben Stichprobe auch in Fragebogenmaßen
gefunden (Schladitz & Drüge, in Begutachtung). Gerade im
Bereich der Supervision und Selbsterfahrung ist der meist-
genannte Vorschlag nach einer Erhöhung der Häufigkeit, was
auch als Ausdruck der Zufriedenheit mit diesen Aspekten ge-
deutet werden kann.
Knapp über die Hälfte der Stichprobe sprach sich gegen ein
Direktstudium der Psychotherapie aus. Eine Vielzahl der Be-
fragten zeigt sich ambivalent und nennt sowohl Gründe, die
dafür als auch solche, die dagegen sprechen. Einige beklagen
das Fehlen eines Unentschieden-Buttons oder nennen statt
einer Begründung eher Alternativvorschläge. Möglicherwei-
se könnte dies auch damit zusammenhängen, dass nicht alle
PiA gleicherweise den Diskurs um das Direktstudium diffe-
renziert verfolgt hatten. Viele der Befragten heben die Wich-
tigkeit der Praxis hervor, egal ob sie sich für oder gegen die
Einführung eines Direktstudiums aussprechen. In diesem Zu-
sammenhang sei auf die Studie von Benecke und Eschstruth
(2015) hingewiesen, aus der hervorging, dass sich eine Viel-
zahl an Studierenden durch das Studium nicht gut auf die Pra-
xis vorbereitet fühlt. Interessanterweise wird der Verlust der
Verfahrensbreite nur von wenigen Befragten als Begründung
angegeben. Benecke und Eschstruth (2015) zeigten empi-
risch, was auch von Studierenden der Psychologie im Inter-
view (Corman-Bergau & Wirth, 2015) berichtet wurde: Die
Verfahrensvielfalt ist derzeit an den deutschen Universitäten
stark auf die Verhaltenstherapie beschränkt. Daher ist es ver-
wunderlich, dass nur wenige der Befragten den Verlust der
Verfahrensbreite nennen. Eine mögliche Begründung hierfür
könnte das vorherrschende Ausbildungsverfahren der Be-
fragten sein: 79,2% befinden sich derzeit in einer Ausbildung
der Verhaltenstherapie. Die Studierenden im Interview (ebd.)
forderten zudem, dass Studienfachwechsel und Brüche in
Biographien möglich sein müssten, dies spiegelt sich in den
Antworten der Befragten wider, welche der „Autobahn“ Di-
rektstudium sowohl in den Zugangsvoraussetzungen als auch
in dem jungen Alter der Entscheidung kritisch gegenüberste-
hen. Zudem drückt sich in den Ergebnissen auch die Sorge
der Antwortenden um die Zugangsvoraussetzungen für Pä-
dagogen aus, die derzeit noch nicht klar geregelt scheinen.
Insgesamt betrachtet hat die Auswertung gezeigt, dass die
PiA trotz des recht langen Fragebogens ausführliche Antwor-
ten zu den offenen Fragen schrieben, was ein große Bereit-
schaft widerspiegelt und vielleicht auf die Aktualität des The-
mas, das große Interesse oder aber die Notwendigkeit des
Wahrnehmens dieser wichtigen Perspektive zurückzuführen
ist. Aufgrund der starken Ambivalenz, die in den Antworten
mitschwang, war die Zuordnung zu einzelnen Kategorien
teilweise schwierig. Methodisch wäre auch ein deduktiver
Zugang interessant gewesen, in dem zunächst qualitative In-
terviews oder Diskussionsrunden geführt und ausgewertet
worden wären, um im Anschluss Kategorien abzuleiten, de-
ren Ausmaß in einer weiteren Umfrage quantifiziert werden
könnte.
Fazit: Die vorliegende Studie zeigt, dass Änderungsbedar-
fe in den einzelnen Abschnitten der psychotherapeutischen
Ausbildung differenziert zu betrachten sind. Besonders für
die Praktischen Tätigkeiten gaben die Befragten einen gro-
ßen Änderungsbedarf an und nannten zahlreiche Verän-
derungsvorschläge, vor allem bezogen auf die Rahmenbe-
dingungen. Trotz der geplanten großen Umstrukturierung
im Sinne eines Direktstudiums geht aus dieser Studie ein
akuter Änderungsbedarf für die Praktische Tätigkeit hervor.
Die schon im Koalitionsvertrag (2013) beschlossenen Ände-
rungen zum PsychThG (insbesondere Zugangsvoraussetzun-
gen und angemessene Vergütung der Praktischen Tätigkeit)
drängen aus Sicht der PiA. Neben der Berücksichtigung vieler
anderer Perspektiven (u. a. BDP, 2016; BPtK, Deutscher Psy-
chotherapeutentag, 2015; DGPs, Abele-Brehm & Rief, 2015)
wäre es für die Umstrukturierung der psychotherapeutischen
Ausbildung wünschenswert, auch die Sichtweise der PiA mit-
einzubeziehen. Hierbei könnte an Bewährtem, das aus Sicht
der PiA geringen Veränderungsbedarf hat, festgehalten und
3/2016 Psychotherapeuten
journal
261
M. Drüge & S. Schladitz
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