PTJ_2016-3 - page 6

Schneller Zugang zur psychotherapeutischen
Versorgung –
die Reform der Psychotherapie-Richtlinie
Timo Harfst & Alessa von Wolff
überprüfen.“
(S. 75 des Koalitionsvertrags von CDU, CSU und
SPD in der 18. Legislaturperiode)
Mit diesen drei Sätzen haben CDU, CSU und SPD im Jahr
2013 ihre Eckpunkte für die Weiterentwicklung der ambulan-
ten psychotherapeutischen Versorgung im Koalitionsvertrag
umrissen. In den drei Seiten des Koalitionsvertrags, die sich
mit der ambulanten Gesundheitsversorgung befassen, nimmt
die psychotherapeutische Versorgung erstaunlich viel Raum
ein und die Detailtiefe überrascht. Die langen Wartezeiten in
der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung waren
offensichtlich von der Politik als ein zentraler Engpass in der
Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen
identifiziert worden. Einer Studie der Bundespsychothera-
peutenkammer (BPtK) zufolge warteten Patienten im Jahr
2011 im bundesweiten Durchschnitt circa drei Monate auf ein
erstes Gespräch beim niedergelassenen Psychotherapeuten,
in ländlichen Regionen und im Ruhrgebiet nochmals deutlich
länger (BPtK, 2011). Bis zum Beginn der eigentlichen Richtlini-
enpsychotherapie vergingen dann durchschnittlich nochmals
drei Monate.
Die letzte große Reform der Bedarfsplanung 2012 hatte ins-
besondere in ländlich geprägten Regionen eine deutliche Ver-
besserung der ambulanten psychotherapeutischen Versor-
gung geschaffen, allerdings auch ausgehend von einer ext-
rem schlechten Versorgungsdichte. In anderen Regionen und
insbesondere auch im Ruhrgebiet hatte sich dagegen kaum
etwas getan. Somit stand auch die Bedarfsplanung weiter-
A
m 16. Juni 2016 hat der Gemeinsame Bundes-
ausschuss (G-BA) eine umfassende Reform der
Psychotherapie-Richtlinie beschlossen, die insbe-
sondere mit der Einführung der Psychotherapeutischen
Sprechstunde und der Akutbehandlung für psychisch
Kranke eine wesentliche Verbesserung der psychothera-
peutischen Versorgung bewirken dürfte. Zugleich vergab
der G-BA Chancen, die Versorgungsangebote für schwer
chronisch kranke Patientinnen und Patienten
1
weiterzuent-
wickeln, Gruppenpsychotherapie substanziell zu fördern
und bürokratische Hemmnisse im Antrags- und Genehmi-
gungsverfahren abzubauen. Im Gegenteil, ungeachtet der
vorliegenden Evidenz wurde die Kurzzeittherapie in zwei
Abschnitte à zwölf Sitzungen unterteilt und eine Standard-
dokumentation eingeführt, die jeder wissenschaftlichen
Evidenz spottet. Viele Aspekte der aktuellen Reform haben
bei niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen Kopfschüt-
teln oder Empörung ausgelöst – und dies sicherlich an vie-
len Stellen zu Recht. Insgesamt bietet sie jedoch für die
Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten langfristig
die Chance, ihre zentrale Rolle in der Versorgung von Pati-
enten mit psychischen Erkrankungen weiter zu etablieren
und umfassender auszugestalten.
„Wir wollen in der psychotherapeutischen Versorgung War-
tezeiten reduzieren und mehr Betroffenen ein zeitnahes An-
gebot für eine Kurzzeittherapie eröffnen. Hierzu werden wir
das Antrags- und Gutachterverfahren entbürokratisieren, die
Gruppentherapie fördern und den Gemeinsamen Bundesaus-
schuss beauftragen, in einer gesetzlich definierten Frist die
Psychotherapierichtlinie zu überarbeiten. Die bestehenden
Befugnisbeschränkungen für Psychotherapeuten werden wir
1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden im Folgenden nicht beide
Geschlechtsformen durchgehend genannt – selbstverständlich sind jedoch
immer Frauen und Männer gleichermaßen gemeint.
232
Psychotherapeuten
journal
3/2016
Zusammenfassung:
Durch das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz wurden umfassende Reformen der psychotherapeu-
tischen Versorgung angestoßen. Eine wesentliche Reform betrifft die Psychotherapie-Richtlinie, die durch neue Versor-
gungsangebote einen schnelleren Zugang zur psychotherapeutischenVersorgung ermöglichen soll. Der folgende Artikel
stellt die Hintergründe der Reform und die wesentlichen Änderungen der Psychotherapie-Richtlinie dar. Es wird eine
Übersicht über die zentralen Inhalte im Hinblick auf die Auswirkungen für die psychotherapeutische Praxis gegeben.
Dazu gehören, neben der Einrichtung der psychotherapeutischen Sprechstunde und der Akutbehandlung, Änderungen
bezüglich der probatorischen Sitzungen, imAntrags- und Gutachterverfahren, bei der Gruppenpsychotherapie, Regelun-
gen zur Rezidivprophylaxe und die Festlegung einer Standarddokumentation. Diskutiert werden die damit verbundenen
Herausforderungen und Chancen für die psychotherapeutische Versorgung.
1,2,3,4,5 7,8,9,10,11,12,13,14,15,16,...106
Powered by FlippingBook