PTJ_2016-3 - page 7

hin auf der Agenda der Gesundheitspolitik. Dabei zeichnete
sich allerdings frühzeitig ab, dass es nicht nur um zusätzli-
che Kapazitäten in der ambulanten psychotherapeutischen
Versorgung gehen kann. Es würde auch um die qualitative
Frage gehen, innerhalb welcher Strukturen und mit welchen
Angeboten die psychotherapeutische Versorgung der Zu-
kunft organisiert werden soll (Harfst & Tophoven, 2013). Als
ein zentrales gemeinsames Merkmal der verschiedenen Re-
formvorschläge und -modelle kristallisierte sich frühzeitig die
Einführung einer psychotherapeutischen Sprechstunde her-
aus, die einen schnellen Zugang
für die Patienten mit psychischen
Beschwerden bzw. Erkrankun-
gen zur psychotherapeutischen
Versorgung ermöglichen und
eine bessere Koordination und
Steuerung der Versorgung von
Patienten gewährleisten sollte.
Während Modelle einzelner Kran-
kenkassen auf die Einführung unabhängiger, sogenannter „in-
telligenter Koordinierungsstellen“ für Psychotherapie setzen
(Janssen & Malinke, 2013), welche den Erstzugang von Pa-
tienten zum Psychotherapeuten durch zentrale Zuweisungs-
stellen ersetzen, oder die zentrale Koordinationsfunktion bei
den Fachärzten für Psychiatrie oder Psychosomatik verorten
wollten, zielten die Vorschläge der BPtK und der psychothe-
rapeutischen Berufsverbände auf eine umfassende Stärkung
der Rolle der Psychotherapeuten in der Versorgung von Pati-
enten mit psychischen Erkrankungen ab (BPtK, 2014; Best &
Schäfer, 2013).
Dieser Richtung folgte dann auch der Gesetzgeber mit seinen
Aufträgen an den G-BA im GKV-Versorgungsstärkungsgesetz
im Jahr 2015. Darin erhielt der G-BA in § 92 Absatz 6a SGB V
den Auftrag, bis zum 30. Juni 2016 in der Psychotherapie-
Richtlinie „
Regelungen zur Flexibilisierung des Therapiean-
gebotes, insbesondere zur Einrichtung von psychotherapeu-
tischen Sprechstunden, zur Förderung der frühzeitigen diag-
nostischen Abklärung und der Akutversorgung, zur Förderung
von Gruppentherapien und der Rezidivprophylaxe sowie zur
Vereinfachung des Antrags- und Gutachterverfahrens“
zu be-
schließen
.
Bedeutsam sind in diesem Zusammenhang aber auch wei-
tere zentrale Aufträge an den G-BA, die ebenfalls der Ver-
besserung der Versorgung von Patienten mit psychischen
Erkrankungen dienen. Dies betrifft die Aufhebung von Befug-
niseinschränkungen von Psychotherapeuten in § 73 Absatz 2
SGB V, die Vergrößerung des Praxisumfangs für psychothe-
rapeutische Praxen bei Jobsharing und Anstellung in § 101
Absatz 1 Satz 1 Nummer 6 SGB V und schließlich die Überar-
beitung der Bedarfsplanungs-Richtlinie insbesondere für die
Arztgruppe der Psychotherapeuten in § 101 Absatz 1 Satz 7
SGB V.
Die neuen Befugnisse der Psychotherapeuten, die voraus-
sichtlich bis Ende 2016/Anfang 2017 in den entsprechenden
Richtlinien des G-BA umgesetzt werden, stärken die Rolle
von Psychotherapeuten als Versorger von Patienten mit psy-
chischen Erkrankungen. Dazu gehören die Einweisung ins
Krankenhaus, die Verordnung von medizinischer (psychothe-
rapeutischer) Rehabilitation zu Lasten der GKV, die Verord-
nung von Soziotherapie sowie die Verordnung von Kranken-
transporten. Damit wird das Aufgabenspektrum von Psycho-
therapeuten deutlich breiter definiert, als es der bisherige
Rahmen der Psychotherapie-Richtlinie hergegeben hat. Bei
der Bedarfsplanungs-Richtlinie wurde am 16. Juni 2016 zu-
nächst eine Änderung beschlossen, die es Psychotherapeuti-
schen Praxen, die bislang einen unterdurchschnittlichen Pra-
xisumfang hatten, ermöglicht, ihre Behandlungskapazitäten
durch Jobsharing und Anstellung deutlich zu erhöhen (BPtK,
2016). Die umfassende Reform der Bedarfsplanung für die
Arztgruppe der Psychotherapeuten steht dagegen noch aus
und wird voraussichtlich nicht in der dafür vorgesehenen Frist
bis zum 1. Januar 2017 beschlossen werden, da zuvor um-
fangreiche Gutachten beauftragt werden sollen.
Die Reform der Psychotherapie-Richtlinie wurde vom G-BA
fristgerecht am 16. Juni 2016 beschlossen. Dabei werden die
bedeutsamsten Neuerungen zum 1. April 2017 in Kraft treten.
Die wesentlichen Änderungen des Beschlusses des G-BA
zur Änderung der Psychotherapie-Richtlinie betreffen folgen-
de Punkte, die in den nachfolgenden Abschnitten ausführlich
vorgestellt werden:
I.
Einrichtung von psychotherapeutischen Sprechstunden,
II.
Einführung einer neuen Leistung der Akutbehandlung, die
direkt im Anschluss an die Sprechstunde begonnen wer-
den kann und lediglich anzeigepflichtig ist,
III.
Definition der Aufgaben, Inhalte und Umfänge von proba-
torischen Sitzungen,
IV.
Änderungen im Antrags- und Gutachterverfahren
einschließlich Bewilligungsschritten,
V.
Regelungen zur Durchführung der Rezidivprophylaxe als
Bestandteil von Langzeittherapie,
VI.
Änderungen zur zulässigen Gruppengröße in der
Gruppenpsychotherapie und weiterer Detailregelungen,
die der Förderung der Gruppenpsychotherapie dienen sol-
len, und schließlich die
VII.
Festlegung einer Standarddokumentation einschließlich
obligatorischer psychometrischer Verfahren.
Mit der psychotherapeutischen Sprechstunde wird der
Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung neu struk-
turiert.
3/2016 Psychotherapeuten
journal
233
T. Harfst & A. von Wolff
1,2,3,4,5,6 8,9,10,11,12,13,14,15,16,17,...106
Powered by FlippingBook