PTJ_2016-3 - page 8

I. Psychotherapeutische Sprechstunde
Mit Einfügung eines neuen § 11 der Psychotherapie-Richtli-
nie (PTR) wurde als neue Leistung die psychotherapeutische
Sprechstunde eingeführt und der Zugang der Patienten zur
psychotherapeutischen Versorgung neu strukturiert. Künftig
müssen Patienten regelhaft vor Inanspruchnahme einer psy-
chotherapeutischen Behandlung (sowohl als Richtlinienthera-
pie wie auch als Akutbehandlung) die Diagnostik und Indika-
tionsstellung im Rahmen der psychotherapeutischen Sprech-
stunde durchlaufen haben, ehe sie probatorische Sitzungen
oder eine Akutbehandlung erhalten können. Eine Ausnahme
hiervon stellen lediglich diejenigen Patienten dar, die zuvor
in einem psychiatrischen oder psychosomatischen Kranken-
haus oder einer Rehabilitationsklinik behandelt wurden und
bei denen dort die Indikation für eine psychotherapeutische
Weiterbehandlung gestellt wurde. Dafür muss eine psychi-
sche Erkrankung vorliegen, die in der Liste der Indikationen
zur Anwendung von Psychotherapie in der PTR enthalten ist.
Bei Überweisung eines Patienten von einem niedergelasse-
nen Arzt oder Psychotherapeuten kann nur dann direkt mit
einer probatorischen Sitzung begonnen werden, wenn die-
ser den Patienten im Rahmen einer psychotherapeutischen
Sprechstunde gesehen und die Indikation für eine ambulante
Psychotherapie gestellt hat. Obwohl dies im G-BA bis zum
Schluss intensiv diskutiert und insbesondere von den Patien-
tenvertretern gefordert wurde, sind Psychotherapeuten nicht
verpflichtet, Sprechstunden anzubieten. Die Einrichtung von
Sprechstunden ist freiwillig, jedoch bietet sie Psychothera-
peuten die Möglichkeit, Patienten einen direkten Zugang in
die eigene Praxis zu verschaffen, eine umfassende Rolle in
der Versorgung auszufüllen und nicht auf die Zuweisung von
Patienten durch stationäre Einrichtungen oder durch andere
Psychotherapeuten und Psychiater angewiesen zu sein.
Wer kann die psychotherapeutische
Sprechstunde anbieten?
Grundsätzlich kann jeder Vertragspsychotherapeut und Ver-
tragsarzt, der über eine Abrechnungsgenehmigung für die
Behandlung mit einem Richtlinienverfahren verfügt, eine
psychotherapeutische Sprechstunde anbieten. Auch in die-
sem Punkt gab es im Vorfeld der G-BA-Entscheidung ein
intensives Ringen, insbesondere wurde eine Verknüpfung
der Sprechstunde mit einer gleichzeitigen somatischen Ab-
klärung diskutiert, was bedeutet hätte, dass der Zugang zur
psychotherapeutischen Versorgung zu einem Nadelöhr ver-
kommen wäre und nicht zum schnellen, niederschwelligen
Zugang zum Psychotherapeuten.
Psychotherapeuten, die eine psychotherapeutische Sprech-
stunde anbieten wollen, sind verpflichtet, Sprechstunden im
Umfang von mindestens 100 Minuten (bzw. 50 Minuten bei
halbem Versorgungsauftrag) pro Woche anzubieten. Darüber
hinaus sind Psychotherapeuten mit vollem Versorgungsauf-
trag, die Sprechstunden anbieten, verpflichtet, eine telefoni-
sche Erreichbarkeit der Praxis von 250 Minuten (in Einheiten
von mindestens 25 Minuten) zu gewährleisten. Da künftig
generell eine telefonische Erreichbarkeit im Umfang von min-
destens 150 Minuten von allen Psychotherapeuten gewähr-
leistet werden muss, bedeutet dies für Psychotherapeuten,
die Sprechstunden anbieten wollen, dass sie zusätzlich wei-
tere 100 Minuten telefonische Erreichbarkeit sicherstellen
müssen. Für Psychotherapeuten mit halbem Versorgungs-
auftrag halbieren sich die Umfänge dieser Verpflichtungen je-
weils entsprechend. Dabei müssen Psychotherapeuten nicht
persönlich telefonisch erreichbar sein, sondern können dies
auch über Praxispersonal oder entsprechende Dienstleister
gewährleisten. Zur Terminkoordination müssen Psychothe-
rapeuten ihrer Kassenärztlichen Vereinigung (KV) spätestens
bis zum 1. April 2017 mitteilen, ob sie Sprechstunden anbie-
ten und zu welchen Zeiten sie bzw. ihre Praxen telefonisch
erreichbar sind.
Rolle derTerminservicestellen der KVen
Ab dem 1. April 2017 werden die Terminservicestellen der
KVen auch für die Psychotherapeuten die Aufgabe der Ver-
mittlung eines Termins für ein Erstgespräch im Rahmen der
psychotherapeutischen Sprechstunden und der sich aus der
Abklärung ergebenden zeitnah erforderlichen Behandlungs-
termine übernehmen. Hierzu sollen ergänzende Regelungen
zur „Vereinbarung über die Einrichtung von Terminservice-
stellen und die Vermittlung von Facharztterminen“ getroffen
werden (Anlage 28 zum Bundesmantelvertrag-Ärzte). Dabei
bedarf es bei den Psychotherapeuten, wie bereits auch bei
den Frauenärzten und den Augenärzten, keiner Überweisung
durch einen Hausarzt, damit die Terminservicestelle einen
Behandlungstermin vermittelt. Die Patienten werden sich di-
rekt zur Terminvermittlung an die Terminservicestellen wen-
den können. Nach der aktuellen Vereinbarung wäre es dann
die Aufgabe der Terminservicestellen, den gesetzlich Versi-
cherten innerhalb einer Woche einen Behandlungstermin bei
einem Psychotherapeuten zu vermitteln. Dabei darf die War-
tezeit auf den zu vermittelnden Behandlungstermin bzw. der
Termin für ein Erstgespräch in der Sprechstunde vier Wochen
ab Anfrage nicht überschreiten. Gelingt es der Terminservice-
stelle nicht, dem Versicherten innerhalb von einer Woche ei-
nen Termin innerhalb der Vier-Wochen-Frist zu vermitteln, hat
sie den Versicherten innerhalb einer weiteren Woche einen
Behandlungstermin in einem Krankenhaus anzubieten. Be-
deutsam bei dieser Regelung ist, dass die Versicherten we-
der einen Anspruch auf Vermittlung eines Termins bei einem
bestimmten Psychotherapeuten noch auf Vermittlung eines
zeitlich passenden Termins haben. Wenn der Versicherte ei-
nen angebotenen Termin nicht wahrnehmen kann und dies
der Terminservicestelle sofort bzw. am selben Tag mitteilt,
soll ihm ein weiterer Termin angeboten werden. Danach er-
lischt der Vermittlungsanspruch der Versicherten gegenüber
der Terminservicestelle. Die zumutbare Entfernung zum Fach-
arzt, bei dem ein Termin vermittelt wird, ist für die allgemeine
fachärztliche Versorgung, zu der auch die Psychotherapeuten
zu rechnen wären, definiert als maximal 30 Minuten Fahrtzeit
mit dem öffentlichen Personennahverkehr (
ÖPNV
) zusätzlich
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Psychotherapeuten
journal
3/2016
Schneller Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung – die Reform der Psychotherapie-Richtlinie
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