PTJ_2016-3 - page 9

zur Entfernung zum nächstgelegenen Facharzt (Anlage 8 zum
BMV-Ä).
Umfang der Sprechstunde
Erwachsene können in der Sprechstunde bis zu sechs Mal
25-minütige Termine erhalten. Bei Kindern und Jugend-
lichen können bis zu zehn Mal 25-minütige Termine durch-
geführt werden, davon können bis zu 100 Minuten mit den
Eltern auch ohne die betroffenen Kinder oder Jugendlichen
durchgeführt werden. Bei Kindern und Jugendlichen ist vor
dem Hintergrund einer Änderung des § 9 der PTR (Einbezie-
hung des sozialen Umfeldes) hier auch die Einbeziehung von
relevanten Bezugspersonen aus dem sozialen Umfeld, z. B.
von Lehrern und Erziehern, möglich. Die Einheiten von min-
destens 25 Minuten ermöglichen für die Psychotherapeuten
eine flexible Ausgestaltung des Sprechstundenangebotes,
da die Einheiten nach Bedarf auch in größeren Einheiten (à
50 Minuten) zusammengefasst werden können. So könnte
beispielsweise das Erstgespräch im Rahmen einer 25-mi-
nütigen Einheit erfolgen, während für diejenigen Patienten,
die danach einer umfangreicheren diagnostischen Abklärung
bedürfen, in der Folge 50-minütige Termine angeboten wer-
den könnten. Vor einer Akutbehandlung oder der Probatorik
müssen bei einem Patienten in jedem Fall Sprechstunden im
Umfang von insgesamt mindestens 50 Minuten durchgeführt
worden sein.
Die Sprechstunde kann mit oder ohne Terminvergabe – also
ggf. auch als offene Sprechstunde – erfolgen, dabei sind die
KVen jedoch über die gewählte Organisationsform und die
Zeiten zu informieren. Das System der Terminvergabe in einer
psychotherapeutischen Praxis für die Sprechstunde soll dabei
so gestaltet sein, dass ein zeitnaher Zugang zur Sprechstunde
gewährleistet wird. Bei der Terminvergabe soll auch berück-
sichtigt werden, dass akute Behandlungsfälle schnell identifi-
ziert werden können.
Auch wenn die weiteren Detailregelungen zur Psychothera-
peutischen Sprechstunde in der Psychotherapie-Vereinba-
rung und im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) noch
abzuwarten sind, laufen die Regelungen in der Richtlinie da-
rauf hinaus, dass Psychotherapeuten, wenn sie sich dafür
entscheiden, in dem definierten Mindestumfang von 100
Minuten Sprechstunden anzubieten, die Möglichkeit haben,
flexibel zusätzliche Sprechstundentermine anbieten zu kön-
nen. Zu beachten ist weiterhin, dass auch die zweiten, dritten
und ggf. weiteren Sprechstundentermine, die ein Patient zur
diagnostischen Abklärung und Indikationsstellung erhält, im
Rahmen des wöchentlichen Mindestumfangs von 100 Minu-
ten pro vollem Versorgungsauftrag erbracht werden. Unter
der Annahme, dass z. B. erwachsene Patienten durchschnitt-
lich Sprechstunden im Umfang von 100 Minuten erhalten,
ehe sie probatorische Sitzungen bzw. eine Akutbehandlung
erhalten oder auf andere Angebote innerhalb oder außerhalb
der GKV-Versorgung weitervermittelt werden, würde dies
für eine psychotherapeutische Praxis bedeuten, dass pro
Monat etwa vier „neue“ Patienten im Rahmen der Sprech-
stunde diagnostiziert, beraten und ggf. behandelt werden
können. Legt man zusätzlich zugrunde, dass nach den Da-
ten der KVen bislang fast 40 Prozent der Patienten nach den
probatorischen Sitzungen keine ambulante Psychotherapie
beginnen und die durchschnittliche Therapiedauer bei 70 Pro-
zent der Behandlungen 20 Sitzungen beträgt, dann übertrifft
ein Sprechstundenangebot von 100 Minuten pro Woche nur
geringfügig den erforderlichen Umfang, um in der eigenen
Praxis freiwerdende Behandlungsplätze mit neuen Patienten,
bei denen eine Indikation für eine ambulante Psychotherapie
besteht, zu besetzen.
Inhalte der Sprechstunde
Die Sprechstunde dient der zeitnahen Abklärung, ob eine
krankheitswertige psychische Störung vorliegt oder nicht. Bei
Verdacht auf eine psychische Erkrankung soll im Rahmen der
Sprechstunde eine orientierende diagnostische Abklärung
erfolgen, die nicht verfahrensbezogen ausgestaltet sein soll,
sondern eine Diagnosestellung nach ICD-10 ermöglichen soll.
Bei Bedarf soll im Rahmen der Sprechstunde auch die dif-
ferenzialdiagnostische Abklärung erfolgen. Diese wird in der
Richtlinie nicht näher definiert, bezieht sich aber offensicht-
lich auf die erforderliche Differenzialdiagnostik bei Patienten
mit komplexeren, komorbiden psychischen Störungsbildern.
Der Richtlinientext kann an dieser Stelle so interpretiert wer-
den, dass hierbei auch bereits Aspekte der Prüfung der Eig-
nung für ein Psychotherapieverfahren zum Tragen kommen
können, eine Aufgabe, die im Weiteren insbesondere für die
probatorischen Sitzungen vorgesehen ist. Bei beiden Formen
der diagnostischen Abklärung sind laut Richtlinie (§ 10 Abs. 2)
in der Regel standardisierte diagnostische Instrumente einzu-
setzen. Hierunter lassen sich neben psychometrischen Ver-
fahren u. a. auch Diagnosechecklisten, strukturierte klinische
Interviews oder Teile von Diagnosesystemen, z. B. aus der
Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD),
fassen. Die Ergebnisse der Diagnostik sollen dann auch Ge-
genstand der Beratung des Patienten über eine ggf. vorlie-
gende Erkrankung, den Behandlungsbedarf und die entspre-
chenden Behandlungsempfehlungen sein. Liegt bei einem
Patienten eine Indikation für eine ambulante Psychotherapie
vor, soll der Patient eingehend über die unterschiedlichen Psy-
chotherapieverfahren und Anwendungsformen (Einzel-/Grup-
pentherapie) und den Ablauf einer Psychotherapie informiert
werden, um dessen Entscheidungsfindung zu unterstützen.
Bei Bedarf soll der Patient aber auch über andere Hilfemög-
lichkeiten informiert werden, nicht zuletzt auch dann, wenn
(noch) keine krankheitswertige psychische Störung vorliegt
oder aus anderen Gründen alternative Unterstützungsange-
bote z. B. einer Beratungsstelle oder der Selbsthilfe zielfüh-
render erscheinen.
Eine weitere relevante Neuerung stellt in diesem Zusammen-
hang die sogenannte „individuelle Patienteninformation“ dar,
mit der der Patient eine schriftliche Rückmeldung der Ergeb-
nisse der Sprechstundenleistung erhält. Welche exakten In-
3/2016 Psychotherapeuten
journal
235
T. Harfst & A. von Wolff
1,2,3,4,5,6,7,8 10,11,12,13,14,15,16,17,18,19,...106
Powered by FlippingBook