PTJ_3_2018_Onlinefassung

Neurogenes Zittern als neuer Baustein in der Traumabehandlung? Praktische Erfahrungen und theoretische Erläuterungen Susanne Winkler Zusammenfassung: Die Spannungsregulation und Stressreduktion, vor allem bei traumatisierten Patienten, 1 aber nicht nur bei diesen, stellt für uns Psychotherapeuten immer wieder eine Herausforderung dar. Das neurogene Zittern ist ein angeborener Mechanismus der organismischen Spannungsabfuhr. David Berceli hat mit den Trauma and Tension Releasing Exercises (TRE) eine Technik entwickelt, die genau dieses neurogene Zittern zur Spannungsregulation und Stressreduktion nutzt. Es wird erklärt, warum und wie dieseTechnik wirkt und warum es von großem Nutzen sein kann, psychotherapeutischen Behandlungsmethoden diesen Behandlungsbaustein an die Seite zu stellen, der neurophysio- logisch fundiert ist. W er hat nicht schon Erfahrung mit dem Zittern gemacht, nach übergroßer Anstrengung, nach einem Schock oder großer Erschütterung, bei großer Aufregung oder Angst oder Erschöpfung! Wer mit Trauma- oder Angstpatienten arbeitet, hat wahrscheinlich ebenfalls häufiger Berichte von „Zitteranfällen“ gehört oder diese in der psychotherapeutischen Situation miterlebt. Die Erfahrung des spontanen Zitterns ist uns vertraut, wenn auch oft irritierend. So sind wir in unserer Kultur bemüht, alles unter Kontrolle zu halten, gilt das Zittern doch als Zei- chen der Schwäche, das zu unterdrücken oder zu beruhigen ist, z. B. im Falle eines Unfalls mit einer sog. Beruhigungs- spritze. Das Zittern hat – völlig zu Unrecht – einen schlechten Ruf. Viele von uns wissen vermutlich von den Berichten über die Kriegszitterer, zigtausende Soldaten, die im Ersten Weltkrieg aus den Schützengräben an der Westfront im Zustand eines Granatschocks nach Hause kamen, gelähmt oder unkontrol- liert zitternd, ohne dass die hinzugezogene Ärzteschaft darauf hätte Einfluss nehmen können – schließlich wusste man ja auch noch nichts über die Auswirkungen von Trauma auf die Strukturen des Gehirns und die hormonellen Veränderungen im Körper. Stattdessen entwertete man sie damals als haltlo- se Affektmenschen, als Querulierer und unterstellte diesen schwer traumatisierten Männern, sie simulierten eine Krank- heit, entweder zur Erzwingung von Rentenansprüchen oder um nicht wieder an die Front zurückgeschickt werden zu kön- nen. Einzig die Vertreter der Psychoanalyse, allen voran Freud und seine Kollegen Ferenczi, Abraham, Simmel und Jones, nahmen vehement dagegen Stellung (Freud, Ferenczi, Abra- ham, Simmel & Jones, 1919; siehe auch Freud, 1920). Auf dem fünften psychoanalytischen Kongress in Budapest, übri- gens vor genau 100 Jahren im September 1918, sprachen sie von der Kriegsneurose, einer traumatischen Neurose, an der die Soldaten erkrankt seien, deren Symptome psychogener, also unbewusster Herkunft seien, diese Menschen mithin be- handlungsbedürftig, aber auch -fähig seien. Freud sprach von einem Ich-Konflikt, also einem Konflikt innerhalb des Ichs (im Gegensatz zum Konflikt zwischen Es und Ich) (Freud, 1919, S. 5). Und Simmel verstand bereits, dass die Kriegsneurosen „eingeschaltete Sicherungen [sind], die den Soldaten vor der Psychose bewahren sollen“ (Simmel, 1919, S. 45) und berich- tete, dass sich die Zittersymptomatik mithilfe der „katharti- schen Methode“, Hypnose und Traumdeutung als reversibel erwiesen hätte. In diesen Genuss aber kamen wohl die wenigstens Soldaten angesichts der „Zitter- epidemie“ dieses nach heutiger Begrifflichkeit „psychogenen Tre- mors“ (Deuschl, Raethjen & Kös­ ter, 1998). Das Phänomen der Kriegszitterer – der totale Kon- trollverlust seitens der Opfer, die damit einhergehende Hilflo- sigkeit des größeren Anteils der Helfer und die Scham auf beiden Seiten – ist, so nehme ich an, aber in das kollektive Gedächtnis unserer Gesellschaft, vermutlich aber in jedem Fall in das kollektive Gedächtnis unserer Profession eingra- viert. Und so mögen dies die Gründe sein, dass obgleich „all- 1 Zu der mit der Ausgabe 4/2017 eingeführten geschlechtersensiblen Schreib- weise im Psychotherapeutenjournal lesen Sie bitte den Hinweis auf der vorde- ren inneren Umschlagseite. Bei dieser Ausgabe handelt es sich um ein Heft in der männlichen Sprachform. Das Zittern hat – völlig zu Unrecht – einen schlechten Ruf. 244 Psychotherapeuten journal 3/2018

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