PTJ_2019-3_online

Die Verleugnung der Apokalypse – der Umgang mit der Klimakrise aus der Perspektive der Existenziellen Psychotherapie Fabian Chmielewski Trotzdem leugnen wichtige Entscheidungsträger entweder den menschengemachten Klimawandel komplett oder ver- harmlosen ihn und die Dringlichkeit des Handlungsdrucks deutlich. Paradox scheint, dass auf der einen Seite die For- derungen der Schüler und der wissenschaftliche Konsens miteinander einhergehen, auf der anderen Seite aber selbst politisch gemäßigte Politiker den Schülern vorschlagen, sich mit der Schule statt dem Klimawandel zu beschäftigen – die Fragwürdigkeit dieses Vorschlags bringt die Aktivistin Gre- ta Thunberg auf den Punkt : „Why should I be studying for a future that soon may be no more, when no one is doing anything to save that future?“ Absurd wird hier das Hochhal- ten der schulischen Bildung vor dem Hintergrund einer Welt der Erwachsenen, die sich nicht um das langfristige Überle- ben ihrer Nachkommen kümmert. Ein großer Teil der Bevölkerung scheint sich nicht angemes- sen für die drohende Zerstörung der Welt, wie wir sie kennen, zu interessieren und hat – wie es Brick und van der Linden (2018) formulieren – nur ein lethargisches „Gähnen“ für die Apokalypse übrig. Noch fragwürdiger erscheint die Motivati- on von Personen zu sein, die die menschliche Verursachung des Klimawandels als Lüge abweisen – teils mit erstaunlicher Einleitung E in breiter Konsens seriöser Forschung warnt vor dem Szenario einer bedrohlichen und vielleicht bald nicht mehr abzuwendenden Spirale des menschengemach- ten Klimawandels (z. B. Figueres et al., 2017; Cook et al., 2013). 2 Aktuell weist am deutlichsten und medienwirksams- ten eine Bewegung engagierter junger Schüler im Rahmen der „Fridays for Future“-Streiks und Demonstrationen auf das drohende Untergangsszenario hin und verlangt die Um- setzung der von der Wissenschaft geforderten drastischen klimapolitischen Maßnahmen. Sowohl Ärzte als auch Psy- chologen warnen vor den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels und räumen ihm oberste Priorität ein: Der Marburger Bund fordert auf seiner Hauptversammlung: „Der Stopp des vom Menschen gemachten Klimawandels und damit seiner Folgen auf die menschliche Gesundheit muss absolute Priorität auch im gesundheitspolitischen Handeln bekommen“ (Marburger Bund, 2019). Die Ame- rican Psychological Association hat bereits 2008 eine Task Force zum Thema „Klimawandel“ ins Leben gerufen (Swim et al., 2009) und warnt vor profunden psychosozi- alen Verwerfungen durch den Klimawandel. In der jünge- ren Zeit haben sich global verschiedene Psychologen und Psychotherapeuten in Anlehnung an die Proteste der Ju- gend mit der Initiative „Psychologists/Psychotherapists for Future“ gleichermaßen positioniert, sie kennzeichnen den Klimawandel als „existenzielle Bedrohung“ (Psychologists for Future, 2019). 1 Zu der mit der Ausgabe 4/2017 eingeführten geschlechtersensiblen Schreib- weise im Psychotherapeutenjournal lesen Sie bitte den Hinweis auf der vorde- ren inneren Umschlagseite. Bei dieser Ausgabe handelt es sich um ein Heft in der männlichen Sprachform. 2 Die kursiv ausgezeichneten Kurztitel finden Sie mit ausführlichen Quellen- angaben am Ende des Artikels, das vollständige Literaturverzeichnis auf der Homepage der Zeitschrift unter www.psychotherapeutenjournal.de . 3/2019 Psychotherapeuten journal 253 Zusammenfassung: Ein breiter Konsens seriöser Forschung warnt vor dem Szenario einer bald nicht mehr abzuwendenden Spirale des menschengemachten Klimawandels. Trotzdem scheinen sowohl große Teile der Bevölkerung als auch der Entschei- dungsträger sich nicht für die drohende Zerstörung der Welt, wie wir sie kennen, angemessen zu interessieren. Die düsteren Prophezeiungen der Klimawissenschaftler 1 werden heruntergespielt oder sogar geleugnet, die nötigen klimapolitischen Schritte werden nicht unternommen. Der Artikel betrachtet diese Phänomene aus der Perspektive der Existenziellen Psychotherapie und versucht hierbei, sowohl auf mögliche Ursachen und Mechanismen dieser Verdrängung hinzuweisen als auch konkrete psychotherapeutische „Interventionen“ abzuleiten. Plädiert wird zudem für eine aktive Beteiligung der Psychotherapeuten an Gesundheitskampagnen gegen diese weit verbreitete „existenzielle Neurose“. „Life and death are just things that you do when you‘re bored“ (John Cale, Fear Is A Man‘s Best Friend)

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