PTJ_2019-3_online

unterstellt, kränkt dies wiederum das Selbstwertleben der betroffenen Person und dies wird eher nicht zu einer Ände- rung führen, sondern eher zu defensiven Reaktionen. Bei all diesen Strategien gilt zu beachten: Wenn wir Vermei- dungsmechanismen unterminieren, müssen wir zugleich konkrete Handlungsanweisungen formulieren und Selbst- wirksamkeit vermittelnde Aussagen machen. Es besteht ansonsten die Gefahr, dass Menschen, die die Strategie des Vermeidens aufgeben, von Angst überflutet werden und vom Vermeiden zum Erdulden wechseln. Nur indem große Furcht plus hohe Wirksamkeitserwartungen gleichermaßen vermit- telt werden, werden Menschen handlungsfähig (s. a. Witte & Allan, 2010). Wie können die Menschen im „Kämpfer- Modus“ abgeholt werden? Leider wird es sich schwierig gestalten, Menschen, die offen- siv gegen eine von ihnen so empfundene „Klimahysterie“ an- kämpfen, zurückzugewinnen. In keinem Fall sollte dies durch ein Mehr an (Todes-)Angst zu erreichen versucht werden – den aktuellen Erkenntnissen nach müsste dies bewirken, dass diese Menschen noch in tiefer in ihren Überkompen- sationsmodus rutschen. Auch eine Abwertung ihrer jeweili- gen symbolischen Unsterblichkeitsideologien (Becker, 1973) , die Werte wie „Wirtschaftswachstum“ oder „internationale Wettbewerbsfähigkeit“ beinhalten können, wird eher zu einer stärkeren negativen Reaktion führen. Ein aus der Sicht der existenziell-psychotherapeutischen Perspektive besonders wichtiges psychologisches Grund- bedürfnis, das in diesem Zusammenhang zentral ist, ist die Selbstbestimmung (Deci & Ryan, 1993) . Versucht man Men- schen ihre für sie stimmigen und identitätsstiftenden Werte auszureden, wird dieses Bedürfnis frustriert – und sie reagie- ren defensiv. Auf diese Weise ist die Perspektive eines Po- litikers auf die von den Klimaschützern geforderten Schritte als „Öko-Dirigismus“ zu verstehen. Er wertet diese als Ein- schränkungen persönlicher Freiheit: Umweltschützer wollen „den Petrolheads das Auto nehmen und den Fleischliebha- bern das Steak“ (Die Welt, 2019). Ebenso mag die neu vom US-Energieministerium eingeführte Bezeichnung von CO 2 als „molecules of freedom“ aus reiner Reaktanz erfolgt sein. Die Chance im Umgang mit Menschen im kämpferischen Modus bestünde darin, an deren übergeordnete Werte zu appellieren, z. B. die Fürsorge für zukünftige Generationen. Die Person müsste also verstehen: Aktuell opfere ich für mei- ne Selbstbestimmung im Kleinen („so viel Auto fahren, wie ich will“) meine Selbstbestimmung im Großen und meine bedeutsamsten Werte („für meine Nachkommen sorgen“). Um dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung entgegenzukom- men, können und sollten Kampagnen also nicht versuchen, Menschen zu neuen Werten zu überreden, sondern bereits vorhandene, übergeordnete Werte von Personen ansprechen und aktivieren. Annäherungsziele statt Vermeidungs­ ziele – Alternativen zur Angst Die beschriebenen Strategien „Erdulden“, „Vermeiden“ und „(Über-)Kompensation“ sind Angstreaktionen. Wir haben es innerhalb dieser Vemeidungsmodi folglich mit der motivatio- nalen Orientierung der Vermeidungsmotivation zu tun – alle Strategien versuchen Angst und Bedrohung gering zu halten. Langfristig funktionaler ist es, bei Menschen eine Annähe- rungsmotivation für den Klimaschutz aufzubauen: Wofür lohnt sich (positiv) die Auseinandersetzung mit der Angst? Wofür lohnen sich die nötigen Einschränkungen im Alltag? Kampagnen sollten deshalb auch Annäherungsziele bieten. Es soll an dieser Stelle auf drei aus einer existenziell-psycho- therapeutischen Perspektive besonders wichtige Annähe- rungsziele eingegangen werden: „ „ Sinnerfüllung „ „ Zugehörigkeit „ „ Selbstwert Ein erstes Annäherungsziel kann die in Aussicht gestellte Sinnerfüllung sein. Wohlbefinden und die psychische und physische Gesundheit von Menschen werden durch Sinner- füllung gesteigert (Kleiman & Beaver, 2013). Die Bekämpfung des Klimawandels eignet sich besonders gut als sinnerfüllen- des Ziel, weil es Selbsttranszendenz beinhaltet: Ein außerhalb der eigenen Person stehendes Ziel wird verfolgt. Diese Selbst- transzendenz erweist sich in Studien besonders in Verbindung mit den Zielen von „Fürsorge“ und „Generativität“ als sinn- stiftender Faktor (Schnell, 2016) . Das „Retten der Welt“ kann deswegen auch als sinnstiftendes Projekt beworben werden. Ein zweites Annäherungsziel kann die in Aussicht gestellte Zugehörigkeit sein. Der existenzielle Psychotherapeut Ya- lom betont die Wichtigkeit der Erkenntnis der „Universalität des Leidens“ und weist diese Erkenntnis auch als wichtigen Wirkfaktor von Gruppentherapien nach (1985). Zugehörigkeit hilft uns, unsere existenzielle Isolation besser zu ertragen (Yalom, 2005) : Wir sitzen alle in einem Boot. Die leidvolle Tatsache, dass es die Titanic ist, kann Menschen ihr tiefes Bedürfnis nach Zugehörigkeit (Deci & Ryan, 1993) auf globa- lem Niveau erfüllen. Auch Fromm (1992) schildert eine Visi- on des globalen Zugehörigkeitsgefühls. Er schlägt vor, statt vergeblich zu versuchen, den menschlichen Wunsch, einer wertvollen Gruppe anzugehören, zu beseitigen (er nennt das „Gruppennarzissmus“), die partikulare „In-Group“ nach und nach zu vergrößern: von der Gruppe wertvoller Kleinstadtbe- wohner hin zu einer Gruppe der Erdenbürger. Pyszczynski und Kollegen (2012) können tatsächlich empirisch nachweisen, dass die Bewusstmachung des Klimawandels die Wahrnehmung von Unterschieden zwischen Gruppen und Völkern reduzieren und die Kooperationsbereitschaft erhöhen 258 Psychotherapeuten journal 3/2019 Die Verleugnung der Apokalypse – der Umgang mit der Klimakrise aus der Perspektive der Existenziellen Psychotherapie

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