Psychotherapeutenjournal 3-2020

Nachruf zumTode von Prof. Dr. Dr. Horst Kächele Am 28. Juni 2020, mittags um 13:20 Uhr, ist unser Freund und Kollege Prof. Dr. Dr. Horst Kächele in Ulm im Beisein seiner selbst erkrankten Frau Beate und im Kreis seiner Familie gestorben. Nach langem Leiden, so muss man hinzufü- gen. Eine Zeit, die er in bewunderns- werter Tapferkeit damit verbrachte, die neue Auflage des „Ulmer Lehrbuchs“ zu überarbeiten; im Bett liegend, den Rechner auf dem Schoß. Ein Inbegriff der Hingabe an eine lebenslang verfolg- te Aufgabe, dazu beizutragen, die Psy- choanalyse auf der Höhe ihrer Zeit zu halten. Die drei Bände des „Ulmer Lehr- buch“, seit 1985 in mehr als 20 Welt- sprachen übersetzt und neu aufgelegt, werden auch für einstige Historiker der Psychoanalyse ein Leitstern sein. Für Kliniker sind sie es jetzt schon. Tatsächlich gab und gibt es kaum je- manden, der derartig weitgefächert über die vielfältigen theoretischen und klinischen Verzweigungen von längst geführten, hochinteressanten Diskus- sionen Bescheid wusste, der so reiche Bezüge zu Nachbarwissenschaften (v. a. Säuglingsforschung, aber auch Literatur, Neurowissenschaften, Sozial- forschung und Philosophie) herstellen und dabei beständig auf Erfahrung aus erster Hand zurückgreifen konnte, denn er kannte einfach Gott und die psy- choanalytische Welt, himmelweit und international. Kein Wunder, denn er, der schon als 17-Jähriger Freud las, be- zeichnete sich amüsiert als „Frühstar- ter“ und hatte schon lange Wege hinter sich, als andere erst anfingen. Die Art, wie Horst Kächele auf meh- reren, gemeinsam an der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin organisierten Kongressen die einge- ladenen Vortragenden vorstellte, war davon beeinflusst. Er mied förmliches Ablesen von diesem und jenem, was jemand publiziert hatte, sondern ge- noss es sichtbar, wenn er die Großen aus persönlicher Erfahrung beschrieb, mit Wärme und Charme und zugleich einer unnachahmlich ironischen Dis- tanz, womit er sich auch über sein ei- genes Vergnügen, in deren Nähe zu stehen, amüsierte – und man musste über diese Variante des „Apud Sanc- tos“ unwillkürlich mitschmunzeln. Apud Sanctos – das war die Formel für die, die „bei den Heiligen“, in oder nahe der Kirche, beerdigt sein wollten. Das hinderte ihn freilich nicht, sich mit der besten psychoanalytischen Höflichkeit, nämlich mit respektlosem Respekt, mit kräftiger Stimme zu Gehör zu bringen und sich einzumischen und manchmal seicht werdende Diskussionen kräf- tig aufzumischen. Wer darüber beim ersten Mal erschrak, erkannte sehr bald den großen Wert dieses mutigen Durchbrechens von falschen Rücksicht- nahmen. Horst Kächele, der Forscher, musste manchmal mit dem Gerücht kämpfen, er sei ja „kein Kliniker“. Nun, wer Ton- aufnahmen seiner Behandlungen ge- hört hat, die er Forschern zur Verfügung stellte oder in Seminaren nutzte (immer mit Einwilligung), der wunderte sich. Denn er war ein Kliniker ersten Ranges, mit Feingefühl, Sprachkunst, Klugheit und Takt. Vom „Emo-Talk“, der sich im Zeitgeist so weit in die allgemeine Öf- fentlichkeit vorgedrängt hat und Tiefe nur suggerieren kann, distanzierte er sich; das war ihm zu flach. Es stimmt ja auch – wer wie er Lehrer, Kollegen und Freunde wie Helmut Thomä hatte oder Lester Luborsky und Merton Gill, der wusste, um was es im Behandlungs- zimmer geht, wie man es anpackt und wie man sich hilfreich für seine Patien- ten engagiert. Das haben alle, die ihn wirklich kannten, so gesehen. Er enga- gierte sich für seine Patienten, weil er die Psychoanalyse liebte, die sich natür- lich in der Praxis bewähren muss. Über die psychoanalytische Welt hin- aus engagierte er sich in der Society for Psychotherapy Research (SPR), zu deren Mitgründern er gehörte und die er von Anfang an mit steuerte, deren Expertise er nach Ulm zog. Seit der un- vergessenen ersten „Ulmer Werkstatt“ 1987 war Psychotherapieforschung in Deutschland mit seinem Namen und zu jener Zeit v. a. mit dem der Psychoana- lyse verbunden. Seine Verdienste um Beides, Forschung und Psychoanalyse, wurden geehrt durch den Sigmund- Freud-Preis der Stadt Wien 2002 und den Signourney-Award der Internatio- nalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) 2004. Weil er wusste, dass die Praxis der Psychoanalyse ein Sprechen und Schweigen ist, und dazu in Ulm seit den 1980er-Jahren mit Erhard Mer- genthaler die „Ulmer Textbank“ aufge- baut hatte, promovierte er, der in seinen Sechzigern angekommene Mediziner, auch noch einmal in der Psychologie, natürlich über Themen der Kommunika- tion. Das war für ihn auch ein Sieg über das Älterwerden. Dass er diesen Kampf nicht wirklich würde gewinnen können, war klar. Er belebte und verausgabte sich dennoch – mit Förderung von Studierenden im In- und Ausland, mit der Bearbeitung seiner Texte und mit dem gemein- schaftlichen Schreiben an neuen Publi- kationen und gemeinsamen Reisen mit Promovenden nach Teheran, Moskau, Bukarest, Jerusalem, Istanbul. Eine Hingabe an die Sache, die ihresgleichen nur sehr schwer findet. Wir wollen ihn ehren, indem wir ihn vermissen, um ihn trauern und uns an- stecken lassen von seiner Ergebenheit an Psychoanalyse und Wissenschaft. Das mindert den Schmerz, wenn wir uns gewahr werden müssen: Horst, Du fehlst! Prof. Dr. Dr. Michael B. Buchholz 232 Psychotherapeuten journal 3/2020

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