PTJ-4-2018

E in sehr großer Teil depressiver Menschen wird medi- kamentös behandelt. Auch Psychologische Psychothe- rapeutinnen 1 sollen sich kundig zu den Möglichkeiten pharmakologischer Behandlung dieser weit verbreiteten Störung äußern. Einige fordern, im Rahmen einer umfassen- den Behandlung sollten sie in Zukunft auch selbst Psycho- pharmaka verordnen dürfen. Zeit für eine Bestandsaufnah- me. Welches Bild wird in der Öffentlichkeit von der Wirkung von Antidepressiva gezeichnet? Wie ist die Forschungslage? Und welche Entwicklung ist in Zukunft möglich? Die Öffentlichkeitsarbeit Gewandhaus Leipzig, ein Samstag im Spätsommer. 1.200 Menschen, meist Betroffene, sind zum größten deutschen Depressionskongress gepilgert. Für dieses schwere Thema wählt der Eröffnungsredner einen ungewöhnlich launigen Einstieg. „Wir sind natürlich heute Morgen alle extremst leb- haft und sitzen vorne auf der Stuhlkante. Aber es kann noch Placebos, Drogen, Medikamente – Der schwierige Umgang mit Antidepressiva Thorsten Padberg Zusammenfassung: Der Text stellt die aktuelle Forschungslage zu Antidepressiva im Kontrast zur veröffentlichten Mei- nung dar. Die Art undWeise der Verbreitung der Serotoninhypothese der Depression wird geschildert. Anhand der Dis- kussion um die bekannt gewordene Kirsch-Studie wird nachgezeichnet, wie niedrig die pharmakologische Wirksamkeit von Antidepressiva einzuschätzen ist. Antidepressiva können nicht als Heilmittel betrachtet werden. Gleichzeitig erfor- dert der klinische Alltag ein schnelles Hilfsmittel. Als gangbare Möglichkeit wird der „medikamentenzentrierte Ansatz“ von Moncrieff vorgestellt. Die Entscheidung für oder gegen ein Medikament ist anhand des Haupt- und Nebenwirkungs- profils in jedem Einzelfall zu treffen. emotionaler werden.“ Der da spricht, ist Harald Schmidt; er übernimmt die Moderation für diesen Tag. Er hat sich der gu- ten Sache verschrieben. Angeworben für seine neue Rolle als Botschafter für die gesellschaftliche Anerkennung der De- pression hat ihn der Psychiater Professor Ulrich Hegerl vom Universitätsklinikum Leipzig. Schmidt soll helfen aufzuklären. Über Depression, ihre Ursachen und ihre Behandlungsmög- lichkeiten. Eine ehrenhafte Sache für einen Mann, den viele sonst wegen seiner zynischen Kommentare fürchten. Zahl- reiche Prominente versuchen inzwischen so wie Schmidt, eine Lanze für psychisch Kranke zu brechen. Sie zu entlasten, indem man um Anerkennung für ihr Leiden als echte Krank- heit wirbt. Die inhaltlichen Details der Behandlung überlässt Schmidt aber lieber Hegerl selbst. Er ist nicht vom Fach, das muss der Professor regeln. Mit ruhiger Stimme erklärt Hegerl den Betroffenen anschließend, worunter sie leiden. „Alles, was wir reden und tun, hat mit den Hirnfunktionen zu tun. So auch die Depressionen. Hormone im Gehirn“, sagt er, „kön- nen aus dem Gleichgewicht sein. Vom Serotonin haben Sie vielleicht gehört“ (Friedrichs & Padberg, 2016) . 2 Das Seelen- leiden Depression, so lernen die Anwesenden, ist eine kör- perliche Krankheit, eine Stoffwechselstörung. Stellen wir uns also die Kommunikation zwischen Nervenzel- len vor wie die zwischen zwei Menschen, die miteinander sprechen. Eine Nervenzelle äußert etwas, das dann von der anderen Nervenzelle aufgenommen wird. Serotonin wandert wie eine Nachricht von der einen Zelle zur anderen durch den synaptischen Spalt. Bei Menschen kommt es zu einer Stö- rung, einer kommunikativen Blockade, wenn die ganze Zeit 1 Zu der mit der Ausgabe 4/2017 eingeführten geschlechtersensiblen Schreib- weise im Psychotherapeutenjournal lesen Sie bitte den Hinweis auf der hinte- ren inneren Umschlagseite. Bei dieser Ausgabe handelt es sich um ein Heft in der weiblichen Sprachform. 2 Die kursiv ausgezeichneten Quellen finden Sie abgedruckt am Ende des Artikels, das vollständige Literaturverzeichnis auf der Homepage der Zeitschrift unter www.psychotherapeutenjournal.de . Redaktionelle Vorbemerkung: Liebe Kolleginnen und Kollegen, in dieser Arbeit setzt sich Thorsten Padberg kritisch mit den in der Behandlung von depressiv Erkrankten sehr häufig verordneten Psycho- pharmaka auseinander. Seine Perspektive ist die eines klinisch erfah- renen Psychologischen Psychotherapeuten, der sich als Praktiker und Forschungskundiger einmischt und der so einen Beitrag zur Debatte über den auch in der Profession strittigen Umgang mit Psychopharmaka in der Psychotherapie leistet. Wir wollen Sie auch mit diesem Artikel wieder anregen, über ein glei- chermaßen gesundheitspolitisch und fachlich relevantes Thema nach- zudenken und freuen uns auf Ihre Rückmeldungen! Anne Springer (Berlin) für den Redaktionsbeirat 324 Psychotherapeuten journal 4/2018

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