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Rezensionen Wenn eine Psychotherapeutin selber Hilfe braucht … Saalfrank, B. (2019). Ich, Birgit, Autis- tin und Psychotherapeutin, Ostfildern: Patmos, 262 S., 24,00 € In diesem Buch berichtet die Autorin von ihrer Lebens-, Leiden- und Thera- piegeschichte. Ihre Herkunftsfamilie be- schreibt sie als zerstritten, ihre Mutter als unfähig, Mitgefühl zu zeigen, und bei ihrem früh verstorbenen Vater vermutet sie mittlerweile auch eine autistische Störung. Da die Mutter sie früh in ihre Partnerschaftsprobleme „einbezieht“, bleibt sie dem Vater fern. Daher, so ver- mutet sie, hat ihr die Erfahrung gefehlt, sich in einer Dreierbeziehung zu erle- ben, und sie konnte vor ihren späteren verschiedenen Therapien nur symbioti- sche Beziehungen eingehen. Von ihrer Mutter stammt die Aussage: „Ich kann, was ich will“. Mit diesem Motto hat sie erfolgreich Psychologie studiert und eine verhaltenstherapeutische Psycho- therapieausbildung absolviert. Zwar sei sie schon in der Schule nicht besonders sozial integriert gewesen, die Schwierigkeiten mit dem Bezug zu anderen Menschen sind aber erst in der psychotherapeutischen Berufstätigkeit richtig deutlich geworden. „Ich war nun in keinster Weise mehr ich selbst, son- dern wurde immer mehr zu einer Rolle, die meine eigene Identität, mein ,Wah- res Selbst’ verdrängte“ (S. 76). Die Au- torin beginnt eine psychoanalytische Therapie und versucht durch einen Ar- beitsplatzwechsel den Druck zu vermin- dern. Aber auch in der Leitungsfunktion eines Psychosozialen Zentrums kommt sie nicht zur Ruhe. Nach der Arbeit ver- bringt sie den Rest des Tages mit Grü- beln und findet keinen Kontakt zu sich selbst und zu ihrer Lebenspartnerin. Ein Buch bringt sie zur Frage, ob es sich auch bei ihr um Autismus handelt. Nach der Diagnose Asperger-Autismus kommt es dann zu einem „autistischen Schub“. Schließlich entscheidet sie sich dafür, so schreibt sie, lieber autis- tisch auffällig zu sein, als immer unter Anspannung zu stehen. Mit Hilfe eines „Teilemodells“ beginnt sie, sich selbst besser zu verstehen. Sie erlebt einen kindlichen Teil, einen Funktionsteil, der viel leistet und sich sehr anstrengt, aber ihr „Ich“, vermutet sie, ist lange Zeit im Winterschlaf gewesen. Sehr schwer fällt es ihr, endgültig Ab- schied von ihrem Beruf zu nehmen und in die Berentung zu gehen. Sie erlebt das als Verlust des gesellschaftlichen Status, was starke Suizidgedanken zur Folge hat. Sie holt sich viel unterschied- liche Hilfe: Neben der Psychoanalyse sucht sie Unterstützung in Kliniken, bei einer Verhaltenstherapeutin, einer Paartherapie und einem Coaching. Es wird deutlich, wie unterschiedlich die verschiedenen Hilfen wirken, aber al- les trägt dazu bei, dass ihr Kontakt zum „Ich“ sich verstärkt. Vor allem die Psychoanalytikerin erlebt sie als nach „beelternde“, fürsorgliche neue Beziehungserfahrung. Aber auch die anderen Unterstützungsangebote haben ihren Beitrag dazu geleistet, dass Frau Saalfrank heute ein Leben mit Au- tismus, aber ohne Depression in einer dauerhaften Beziehung lebt. Sie ist eh- renamtlich tätig. Von einer Rückkehr in die Berufstätigkeit als Psychothera- peutin ist keine Rede mehr. Außerdem geht sie davon aus, lebenslang ein An- tidepressivum und ein Neuroleptikum nehmen zu müssen. Dieses Buch ist gut verständlich ge- schrieben. Es bringt einem die Person der Autorin sehr nahe. Aber es ist natür- lich verfasst worden, als die Autorin die tiefen Täler und schmerzhaften Heraus- forderungen im Wesentlichen bereits hinter sich hatte. Dies macht es zu ei- ner „Erfolgsgeschichte“. Die mit dieser Entwicklung verbundenen Schmerzen lassen sich nur erahnen. Eine Frage hat sich mir gestellt: Wie konnte den Supervisorinnen 1 in der Approbations- ausbildung verborgen bleiben, dass die Autorin so wenig bei sich und so sehr in einer Rolle gesteckt hat? † Hans Schindler, Bremen 1 Zu der mit der Ausgabe 4/2017 eingeführten geschlechtersensiblen Schreibweise im Psycho- therapeutenjournal lesen Sie bitte den Hinweis auf der hinteren inneren Umschlagseite. Bei dieser Ausgabe handelt es sich um ein Heft in der weiblichen Sprachform. 406 Psychotherapeuten journal 4/2019

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