PTJ_2020-4_online

V öllig aus dem Nichts und ohne Zeit, sich darauf vorzu- bereiten, stieg eine Vielzahl an Psychotherapeutinnen im Zuge der Corona-Pandemie auf Behandlungen per Bildschirm um. Und Sie werden festgestellt haben: Es ist nicht ganz dasselbe … oder doch?! „Crashkurs“ unter erschwerten Bedingungen Für viele Kolleginnen kamen im Rahmen dieses unfreiwilligen Crashkurses im Umgang mit Videotherapie plötzlich Fragen und Herausforderungen auf, mit denen sich die meisten bis dahin nie beschäftigen mussten und es zu einem großen Teil vielleicht auch nie vorgehabt hatten. Und dies auch noch unter erschwerten Bedingungen zu Zeiten einer weltweiten Pandemie: Abgesehen von den vielfältigen inhaltlichen Besonderheiten, welche in diesem Artikel beleuchtet werden, konfrontierte der unvorhergesehene Wechsel Kolleginnen mit grundlegen- den technischen und formalen Fragen wie auch deren sich dynamisch entwickelnden Ausnahmeregelungen. Hilfestel- lung und Informationsvermittlung hierzu folgten schrittweise, etwa in der „Praxis-Info Coronavirus“ der BPtK (2020, s. In- fokasten). Doch nicht nur für die meisten Psychotherapeutinnen, auch für unsere Patientinnen, welche nie geplant hatten, uns zu sich „nach Hause“ einzuladen, fand der Umstieg auf dieses Medium unvorbereitet und nur bedingt freiwillig statt. Ein deutlicher Unterschied zu den sonst angestrebten Vorausset- zungen videogestützter Psychotherapie. Weiterhin erschwerend kam hinzu, dass neben Ängsten und Unsicherheiten, welche die Situation einer Pandemie naturgemäß mit sich bringt und Psychotherapeutinnen wie Patientinnen gleichermaßen betrifft, viele Ressourcen nur eingeschränkt verfügbar waren. Nicht zuletzt hatten unsere Patientinnen im Zuge von Homeoffice und Homeschooling häufig ohnehin wenig Raum für Privatsphäre – und nun sollte auch noch ein ruhiger Ort für die Therapie gefunden werden! Andere wiederum waren besonders einsam und sehnten sich umso mehr nach dem persönlichen Kontakt zur Psychothera- peutin. Die Situation erforderte ein enormes Ausmaß an Flexibilität, Offenheit und Anpassungsleistung auf allen Seiten. Die Re- aktionen von Psychotherapeutinnen fielen dabei sehr unter- schiedlich aus. Sowohl im eigenen kollegialen Umfeld wie auch in Umfragen der BPtK (2020) und der Berliner Kammer (2020) war die ganze Bandbreite zwischen großer Frustration bis hin zu Überraschung über die Möglichkeiten vertreten. Es zeigte sich, dass ein großer Teil der Psychotherapeutinnen sich wünscht, diese Möglichkeit weiterhin nutzen zu können und viele die Erfahrung als positiv und bereichernd erlebten. Bei einigen hinterließ das Medium aber auch starke Skepsis und den Eindruck von deutlicher Eingeschränktheit in Bezug auf Beziehung und Methoden. Ein ähnliches Bild zeichnet ei- ne internationale Studie zu den Erfahrungen von Psychothe- rapeutinnen während der Pandemie (Aafjes-van Doorn et al., 2020) . Diese ergab, dass Psychotherapeutinnen trotz anfäng- licher Bedenken etwa bezüglich technischer Hürden oder der Herstellung von Nähe die Arbeitsbeziehung während Online- Sitzungen als tragend und die persönliche Beziehung als stark bewerteten. Gleichzeitig hatten viele trotz mehrheitlich posi- Psychotherapie auf Distanz? Spezifika und Implikationen der Arbeit mit Videositzungen Christina Sümmerer Zusammenfassung: Dieser Artikel soll vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen für die Spezifika des Videosettings in der Psychotherapie und deren inhaltliche Implikationen für die therapeutische Arbeit sensibilisieren. In Form eines Berichts aus der Praxis, ergänzt durch Erkenntnisse aus Forschung und Literatur, soll aufgezeigt werden, dass dieses Setting nicht das „funktionale Äquivalent“ der Präsenztherapie ist (Russell, 2015) , 1 sondern ganz eigene Besonder- heiten aufweist. Deren Kenntnis kann dazu beitragen, dieses Medium auf eine Weise zu nutzen, welche die Potenziale möglichst ausschöpft und gleichzeitig einen Umgang mit den inhärenten Limitierungen findet. Insbesondere das Spannungsfeld von physischer Distanz bei gleichzeitiger intensiver Nähe, welche durch die Arbeit in der Lebenswelt von Patientinnen 2 entstehen kann, wird reflektiert. 1 Zu den hier kursiv ausgewiesenen Kurztiteln finden Sie ausführliche bibliogra- phische Angaben am Ende des Artikels, das vollständige Literaturverzeichnis auf der Homepage der Zeitschrift unter www.psychotherapeutenjournal.de . 2 Zu der mit der Ausgabe 4/2017 eingeführten geschlechtersensiblen Schreib- weise im Psychotherapeutenjournal lesen Sie bitte den Hinweis auf der hinte- ren inneren Umschlagseite. Bei dieser Ausgabe handelt es sich um ein Heft in der weiblichen Sprachform. 350 Psychotherapeuten journal 4/2020

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