PTJ_4-2022_online

Wie spricht man mit Klient*innen „empirisch richtig“ über Antidepressiva? Ein Update zu „Placebos, Drogen, Medikamente. Der schwierige Umgang mit Antidepressiva“ Thorsten Padberg Zusammenfassung: Mit Erscheinen einer umfassenden Übersichtsarbeit zu Serotonin und Depression und einer groß- angelegten Meta-Analyse zur Wirksamkeit von Antidepressiva auf individuellem Level gibt die Forschungslage neue Hinweise für das Klient*innengespräch zur Medikamenteneinnahme. Aus den empirischen Befunden können konkre- te Formulierungen abgeleitet werden. Dabei zeigt sich, dass das Gespräch nicht allein von den Daten bestimmt wird, sondern auch von theoretischen Positionen, die implizit politisch sein können. 1 I m Jahr 2018 veröffentlichte ich im Psychotherapeuten- journal den Text „Placebos, Drogen, Medikamente. Der schwierige Umgang mit Antidepressiva“. Im ersten Teil stellte ich ein weit verbreitetes Erklärungsmodell der De- pression dar: Die „Serotonin-Hypothese“, nach der ein Serotonin-Mangel oder -Ungleichgewicht für Depressionen verantwortlich ist. In der Fachliteratur fand ich jedoch keine Belege für diese Hypothese. Im zweiten Teil widmete ich mich der Frage, wie wirksam Antidepressiva sind. Mit Blick auf die Forschung skizzierte ich eine an der Datenlage orien- tierte Formulierungshilfe für das Gespräch mit Klient*innen, die nicht sehr schwer depressiv sind: „In leichten, mittelschweren und nicht allzu schweren Fäl- len erzeugen Antidepressiva im Durchschnitt keine größe- ren Effekte als Placebos. Die Chance auf einen pharmako- logischen Effekt der Behandlung in Ihrem konkreten Fall liegt bei ca. 14%. Sie müssen daher überlegen, ob Ihnen die Chance auf diese Verbesserung die Nebenwirkungen, die sie möglicherweise verspüren werden (wie Mundtro- ckenheit, Gewichtszunahme, Absetzsyndrome, Verlust der sexuellen Appetenz etc.), wert sind.“ (Padberg, 2018, S. 329) Inzwischen gibt es sowohl zur Frage der Verursachung von Depressionen durch Serotonin als auch zur Wirksamkeit von Antidepressiva jeweils eine große neue Studie. Zeit für ein Update. Im Folgenden werde ich die Studien kurz darstel- len und dabei die Formulierungshilfe an den neuesten For- schungsstand anpassen. Irving Kirsch und seine „Gegen­ spieler*innen“ – Neue Daten zur Wirksamkeit von Antidepressiva Es heißt, wer kein Freund von Antidepressiva sei, der lese gern die Arbeiten des Psychologen und Depressionsfor- schers Irving Kirsch. Er ist u. a. stellvertretender Direktor für Placebo-Studien an der Harvard Medical School. Er gilt als der vielleicht prominenteste Antidepressiva-Kritiker. Die Kri- tik am Einsatz von Antidepressiva geht meist auch Hand in Hand mit Kritik an der amerikanischen Arzneimittelbehörde, der Food and Drug Administration (FDA). Viel zu niedrig seien die Hürden für die Zulassung dieser Medikamente durch die FDA gewesen, wird moniert. Umso bemerkenswerter ist es, wenn Kirsch und seine „Gegenspieler*innen“ gemeinsam forschen. Im August 2022 erschien die von Kirsch und der FDA gemeinsam verantwortete Studie „Response to acute monotherapy for major depressive disorder in randomized, placebo controlled trials […]“ (Stone et al., 2022) , 2 eine Me- ta-Analyse von individuellen Verlaufsdaten. Dabei wird nicht nur auf die durchschnittliche Verbesserung in den einzelnen Studien geschaut. In vielen Meta-Analysen werden die durch- schnittlichen Veränderungswerte der Studien- und Kontroll- gruppen verrechnet und (meist) mit der Anzahl der beteiligten Personen gewichtet. In dieser neuen Arbeit wurden auch die individuellen Veränderungen aller Klient*innen berücksichtigt. Auf diese Weise werden unterschiedliche Verlaufsmuster und deren Varianz besser abgebildet. Dazu zogen Stone et al. 1 Ich danke Martin Plöderl für seine wertvollen fachlichen Hinweise zum Manuskript. 2 Zu den hier kursiv ausgewiesenen Kurztiteln finden Sie ausführliche bibliogra- phische Angaben am Ende des Artikels, das vollständige Literaturverzeichnis auf der Homepage der Zeitschrift unter www.psychotherapeutenjournal.de . 336 Psychotherapeuten journal 3/2022

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